"Sein Gedächtnis ist taub"Walter Jens demenzkrank
Der Tübinger Philologe und Publizist Walter Jens ist nach Angaben seines Sohnes demenzkrank.
Der Tübinger Philologe und Publizist Walter Jens ist nach Angaben seines Sohnes demenzkrank. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb Tilman Jens: "Walter Jens, mein Vater, ist dement." Er sei sich mit seiner Mutter und seinem Bruder darin einig, dass man dieses Leiden nicht verstecken werde. Der in Tübingen lebende Jens, Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste und früherer deutscher PEN-Präsident, wird am kommenden Samstag (8. März) 85 Jahre alt.
Wie Inge Jens, die Ehefrau von Walter Jens und Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher, der Deutschen Presse-Agentur sagte, ist der seit seinem dritten Lebensjahr an schwerem Asthma leidende Jens an Mikro-Angiopathie erkrankt, "eine Gefäßerkrankung, die auch das Gehirn ergriffen hat und dort Ausfälle provoziert". Im Gegensatz zur Demenz gebe es keine kontinuierliche Abwärtsbewegung, sondern der Verfall schreite stufenförmig voran. "Der Endzustand allerdings wird sich vermutlich kaum von dem eines Demenzkranken unterscheiden, der ja auch oft, wie mein Mann, physisch in recht gutem Zustand ist."
Inge Jens fügte hinzu: "Mein Mann ist fast vollständig in seiner eigenen Welt versunken, kann weder lesen noch schreiben noch so sprechen und formulieren, dass man Zusammenhänge verstehen und nachvollziehen könnte. Kommunikation auf der rationalen Ebene ist nicht mehr möglich. Sehr wohl hingegen auf der emotionalen, und in dieser Hinsicht versuchen wir, ihn gut zu versorgen."
"Die Sprache versiegt"
Tilman Jens schreibt unter der Überschrift "Vaters Vergessen" in der FAZ: "Mein Vater weiß heute nicht mehr, wer er ist... Sein Gedächtnis ist taub, die Sprache versiegt." Die Krankheit habe vor etwa vier Jahren angefangen. Am Neujahrsabend 2005 habe er in Aachen seinen letzten großen Vortrag gehalten.
Tilman Jens erinnert in dem Beitrag auch an die Diskussion aus dem Jahr 2003, als Walter Jens' Mitgliedschaft in der NSDAP öffentlich bekannt wurde. "Im Spätherbst 2003 hat ihn sein phänomenales Erinnerungsvermögen zum ersten Mal verlassen", schreibt sein Sohn. Er sei sich selber ein Rätsel geworden. Walter Jens hatte damals erklärt, er könne sich nicht erinnern, je einen Mitgliedsantrag bei der NSDAP gestellt zu haben. Tilman Jens wirft in diesem Zusammenhang in der "FAZ" Altersgenossen seines Vaters wie Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Hermann Lübbe oder Erhard Eppler vor, nie freimütig über ihre "postpubertären Verwirrungen" während der Nazi-Zeit geredet zu haben.