Sonntag, 22. Juni 2008
Stern, Engel und Schmetterling: Wenn Kinder sterben
Stelen mit kleinen Schatzkisten sind in einem Ausstellungsraum verteilt. Um zu erfahren, was sich in ihnen verbirgt, muss der Besucher den Deckel lüften. Mal ist Kinderspielzeug wie das gelbe Quietscheentchen oder ein Kuscheltuch zu sehen, in einer anderen Kiste liegt die erste Locke, zusammengehalten von einem rosa Satinband. Es sind kostbare Erinnerungsstücke. Aber es gibt auch Kisten, die dem Besucher Todesanzeigen von Kindern zeigen oder Internetseiten, auf denen Familien den Tod ihres Kindes betrauern. Eine Kiste ist gefüllt mit Broschüren und Flugblättern von Vereinen und Gruppen, die Hilfe nach dem Tod eines Kindes bieten.
Die Ausstellung "... und die Sterne begannen zu leuchten Wenn Kinder sterben" im Sepulkralmuseum (Begräbniskulturmuseum) in Kassel zeigt mit vielen sehr unterschiedlichen Exponaten, wie der Tod von Kindern in Deutschland erlebt und verarbeitet wird. Ein trauriges Thema, dem man sich nicht gerne stelle, stellt Ulrike Neurath-Sippel fest, eine der Kuratoren im einzigen Museum Deutschlands, das sich mit dem Sterben beschäftigt. "Das ist der Grund, warum wir einen so harten Einstieg gewählt haben", erklärt sie.
Viele Fragen vor der Trauer
Den Besucher erwartet ein "Warenlager". Bevor Eltern nämlich die Chance haben, sich mit dem gerade erlebten Tod ihres Kindes auseinanderzusetzen, müssen sie viele Entscheidungen treffen. Wie soll der Sarg aussehen, und soll es überhaupt einer sein? Was soll das Kind tragen? Wie soll der Blumenschmuck des Grabes aussehen? Egal wofür sich die Eltern entscheiden: Immer wiederkehrende Symbole sind der Stern, der Engel, aber auch der Schmetterling.
Auch wenn sich die Schau mit dem Kindstod in der Gegenwart beschäftigt, so wird doch immer ein historischer Bezug hergestellt. Erinnerungsblätter für gestorbene Kinder aus dem 19. Jahrhundert sind zusammen mit einem Frühstückstisch zu sehen. Der Tod eines Kindes hinterlässt einen leeren Platz. Auf den Tellern sind die Gedanken der Familienmitglieder zu lesen. Während das Geschwisterkind den Tod noch nicht akzeptiert, die Mutter sich der Trauer hingibt und weint, versucht der Vater stark zu sein. "Männer haben keinen geschützten Raum", erklärt Bettina Volk, ebenfalls Kuratorin. "Geht die Mutter nach der Geburt in jedem Fall in den Mutterschutz, auch wenn das Kind stirbt, so muss der Vater meist gleich wieder in den Alltag."
Den Tod erfahrbar machen
"Du liebes Kind, komm geh' mit mir! Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir, manch bunte Blumen sind an dem Strand, meine Mutter hat manch gülden Gewand." Diese verführenden Textzeilen des Erlkönigs von Johann Wolfgang von Goethe sind in einer Kinder-Rappversion zu hören. Die Vertonung ist Teil einer Installation, bei der ein Monitor zur Überwachung der Herztätigkeit eine Nulllinie zeigt. Die Installation dient einerseits als Bindeglied zwischen zwei Ausstellungskapiteln aber auch dazu, den Tod erfahrbar zu machen zumindest optisch und akustisch. Das Kinderbett, die Wohnungstür, das Klettergerüst alle Fotografien zeigen Orte, an denen Kinder gestorben sind.
Bunte Legotürme zeigen die statistischen Werte zu Sterbeursachen und Sterbeorten. Die Playmobil-Klinik auf dem Spielteppich, der als Straßenkarte gestaltet ist, und der Krankenwagen an der Unfallstelle zeigen, dass Kinder mit der Einschulung häufig Opfer von Verkehrsunfällen werden.
"Nee, das guck' ich mir nicht an!" Diesen Satz hören die Mitarbeiter des Sepulkralmuseums in Kassel oft über eine neue Ausstellung ihres Hauses. Aber Jutta Lange weiß, dass diese Ablehnung durchbrochen werden kann. "Der eine oder andere lugt doch bei uns rein und bleibt dann meist am längsten in unserer Ausstellung hängen", beschreibt sie das Phänomen. Und das erwartet sie auch ein wenig für diese Ausstellung.
Von Kira Semmler, dpa
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