Panorama

Tag fünf im MordprozessZugführer belastet Brunner

20.07.2010, 18:35 Uhr

Im Mordprozess um Dominik Brunner sagt eine Zeugin aus, Markus S. habe dem am Boden liegenden Manager mit dem Tode gedroht und ihn dabei getreten. Aus Sicht des S-Bahn-Zugführers haben die Angeklagten Brunner aber nicht von sich aus angegriffen, sie seien von dessen Angriff "äußerst überrascht" gewesen. Der Zugführer selbst war trotz der Auseinandersetzung weitergefahren.

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Besonders die Anwälte von Sebastian L. (im Bild) sehen den Mordvorwurf kippen. (Foto: dpa)

Die mutmaßlichen Schläger vom S-Bahnhof Solln haben nach Darstellung eines Zeugen den Manager Dominik Brunner nicht von sich aus angegriffen. Brunner sei am Bahnsteig „zügig mit zwei Schritten“ auf die beiden zugegangen und habe einem mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sagte der S-Bahn-Zugführer vor dem Landgericht München I.

Angeklagte stiegen aus "wie jeder andere auch“

„Die beiden Angeklagten waren äußerst überrascht - wie ich“, sagte der 46-Jährige. Für ihn sei Brunner der Angreifer gewesen - er habe nichts von der vorangegangenen Auseinandersetzung mitbekommen. „Er hätte einfach nur gehen müssen, der Herr Brunner. Es war aus meiner Sicht genug Zeit, um zu gehen“, sagte der Bahnbedienstete.

Brunner war vor zehn Monaten von den beiden Angeklagten Sebastian L. (18) und Markus S. (19) am Münchner S-Bahnhof Solln zusammengeschlagen worden, als er vier Schüler vor ihnen in Schutz nehmen wollte.Die Anklage lautet auf Mord. Mehrere Zeugen hatten ausgesagt, dass Brunner zuerst zuschlug. Laut Staatsanwaltschaft diente dieser Schlag der Verteidigung.

„Jetzt gibt's hier hinten Ärger“, habe Brunner gesagt, berichtete der Zugführer weiter. Die beiden Angeklagten seien „ganz normal ausgestiegen wie jeder andere auch“, sagte der Zeuge. „Als sie dann in der Nähe von Herrn Brunner waren, ging Herr Brunner zügig mit zwei Schritten auf sie zu und schlug einem mit der Faust ins Gesicht.“

Anschließend habe der 50-Jährige gesagt: „Das klären wir jetzt mit der Polizei.“ Er habe deshalb geglaubt, die Sache sei erledigt, berichtete der Zugführer - zumal der Mann, der zuerst zugeschlagen hatte, von sich aus von der Polizei gesprochen habe. Er habe daraufhin seinen Fahrdienstleiter verständigt und sei weitergefahren.

Einer der vier Schüler, die Brunner schützen wollte, hatte das Verhalten des Zugführers scharf kritisiert. Er habe nicht auf die Schlägerei reagiert, beklagte der 16-Jährige am vergangenen Donnerstag in seiner Aussage. „Er hat alles gesehen, aber er ist einfach weitergefahren.“ Der Zugführer selbst sagte, er habe alle Vorschriften eingehalten.

"Ich bringe dich um, Motherfucker"

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Markus S. soll das Opfer mit Füßen traktiert haben. (Foto: REUTERS)

Zuvor hatte eine Zeugin einen der beiden Angeklagten schwer belastet - Markus S. habe dem Opfer gedroht, er werde ihn töten. Mit den Worten "Ich bringe Dich um" soll der Jugendliche auf Brunner eingeschlagen haben, sagte eine 16 Jahre alte Schülerin vor dem Landgericht. Der Täter habe auch Beschimpfungen wie "Motherfucker" gerufen und Brunner mit den Füßen traktiert. Der 13-jährige Bruder des Mädchens berichtete, er habe drei Männer kämpfen sehen, mindestens einer habe auch getreten.

Verteidigung beantragt Ortstermin

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Der Tatort in München-Solln: Zu eng, um auszuweichen? (Foto: dpa)

Die Anwälte der Angeklagten beantragten einen Ortstermin am Tatort. Die Situation am Bahnsteig müsse in Augenschein genommen werden, sagte der Rechtsvertreter von Markus S. Die Angeklagten hätten der Gruppe der Schüler mit Brunner auf dem Bahnsteig gar nicht ausweichen können, sie habe den Weg versperrt. Auf den Bildern, die dem Gericht vorliegen, sei nicht zu erkennen, wie eng es dort sei.

Arzt soll Gutachten erklären

Außerdem beantragte die Verteidigung, den Notfallmediziner Peter Sefrin zu hören. Sefrin habe in einem Teilgutachten festgestellt, dass der Verlauf der Notfallversorgung nicht für einen von außen bewirkten, sondern für einen krankheitsbedingten Kreislaufstillstand spreche. Am Wochenende war bekanntgeworden, dass Brunner nicht direkt an den Verletzungen durch die Schlägerei, sondern an Herzversagen starb.

Zudem hatte er einen vergrößerten Herzmuskel. Brunner habe aber nichts von dem Herzfehler gewusst, sagte Oberstaatsanwaltin Barbara Stockinger. "Herr Brunner hat keine Medikamente eingenommen und, wie sein Umfeld auch, angenommen, dass er gesund ist." Mit der Todesursache befasste sich auch die Rechtsmedizin. Der Rechtsmediziner Wolfgang Keil wird sein Ergebnisse aber erst zum Ende der Beweisaufnahme vorstellen, frühestens am 28. Juli.

Die Auseinandersetzung hatte begonnen, als die Jugendlichen an einem anderen S-Bahnhof von den Schülern Geld erpressen wollten. Brunner hatte in der S-Bahn zu schlichten versucht und die Polizei alarmiert. Dann eskalierte die Situation.

Quelle: dpa