Zugeknöpft und ungeliebtCheerleader unter Druck

Nackte Schenkel und kreisende Hüften will das Basketball-Team Hapoel Jerusalem nicht auf dem Court sehen. Nun tanzen die Cheerleader doch - in züchtiger Kleidung.
Cheerleader sind dafür bekannt, mit viel Sex-Appeal und wenig Kleidung aufzutreten. Beim Basketball-Team Hapoel Jerusalem ist das anders. Es wird von zwölf Mädchen angefeuert, die bei ihren Auftritten im Basketball-Court von Jerusalem auf tiefe Dekolletés, laszive Schwünge und sinnliche Posen verzichten. Die betont züchtigen Auftritte sind das Ergebnis monatelangen Tauziehens zwischen der Basketball-Liga und einer ungewöhnlichen Allianz aus orthodoxen Juden und sportlich engagierten Feministinnen. Während die Liga auf flotten Tanzeinlagen in den Pausen besteht, wollen die Kritiker allzu viel nackte Haut vom Spielfeld verbannen.
Der Streit wirft ein Schlaglicht auf die Probleme im jüdischen Staat, wo die Gefühle der religiösen Minderheit mit den weltoffeneren Ansichten der säkularen Mehrheit kollidieren. Vor allem in Jerusalem mit einem großen Anteil Religiöser in der Bevölkerung prallen diese Welten häufig aufeinander - jetzt auch im Basketball-Court. In zinnoberroten Tuniken und weißen Leggings tanzen die Hapoel-Cheerleader seither ihre Pausennummern. Spagate und Salti werden zwar rücken- und schulterfrei dargeboten, aber ohne kreisende Hüften oder nackte Schenkel, wie sie bei berühmten Tanztruppen wie den Los Angeles Laker Girls oder sogar dem Lokalrivalen Maccabi Tel Aviv zum Repertoire gehören.
Kraft statt Weiblichkeit
Die Trainerin der Mädchen, Jael Brainess, bezeichnet ihr Auftreten als "sehr anständig". "Sie machen viel Akrobatik und schaffen Energie, nicht durch feminine Bewegungen, sondern durch Kraft."
Der Streit begann vor mehr als einem Jahr, als die erste Liga im Basketball anordnete, jedes Team müsse eine Cheerleader-Truppe auftreten lassen. Einige Teams wie Hapoel Jerusalem erhoben Einspruch und argumentierten, die Cheerleader würden die Gefühle orthodoxer Juden unter den Fans verletzen. Die Ligaleitung pochte jedoch auf die Pausentänzerinnen und wollte Teams, die keine hatten, mit Strafen belegen.
In den vergangenen Wochen wurde der Streit nun auch auf politischer Ebene ausgetragen. Der Abgeordnete Uri Orbach von der religiösen jüdischen Heimatpartei betont, er habe nichts gegen Cheerleader als solche. Doch viele Fans wollten "keine Mädchen im Minirock tanzen sehen, wenn sie zu einem Basketball-Spiel gehen". Auch feministische Argumente führt Orbach ins Feld: "In meinen Augen ist es chauvinistisch, dass mehrheitlich Männer es nötig haben, in den Time-Outs jungen Mädchen beim Tanzen und Schütteln zuzusehen. Das finde ich widerwärtig." In diesem Punkt erhielt der konservative Politiker von 19 feministischen Gruppen Unterstützung.
Kein Jubel, keine Pfiffe
Im traditionellen orthodoxen Judentum kleiden sich Frauen unauffällig, die Arme werden bis zu den Handgelenken und die Beine bis zu den Knöcheln bedeckt. Hosen oder enge Kleidung sind verpönt.
Als die zwölf Hapoel-Mädchen vor kurzem bei einem Spiel in Jerusalem auftraten, gab es weder Jubel noch Pfiffe. Viele Zuschauer betonten jedoch, sie würden Spiele ohne Cheerleader vorziehen. Der 19-jährige Avischai Slonim bezeichnete den Cheerleader-Zwang in der Liga als "peinlich und empörend".
Die Trainerin der Cheerleader von Tel Aviv, Anna Tarasowa, fürchtet hingegen, die zugeknöpfte Truppe von Jerusalem würde dem Ansehen der Tanzgarden allgemein schaden: "Es ist ein bisschen primitiv, Herrgott noch mal. Die Mädchen sollen tanzen und eine gute Show machen." Inzwischen verzichtet die Liga nach Intervention der konservativen Heimat-Partei auf die Strafgebühren und zahlt stattdessen Prämien an jene Clubs mit Cheerleadern. Strafgebühr oder Bonus - die Mädchen von Jerusalem nehmen es sportlich und tanzen erstmal weiter.