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Dossier

Montag, 31. März 2008

Erpresser als Moralapostel

Indonesisches Idol zu heiß

Wenn die indonesische Sängerin und Tänzerin Inul Daratista ihre Hüften schwingen lässt, gerät so manchem Landsmann das Blut in Wallungen. Als größte Pop-Sensation, die Indonesien je hervorgebracht hat, wurde die 28-Jährige erst gefeiert, doch dann wurde sie jäh vom Sockel des Idols gestürzt. Das war das Werk selbst ernannter Sittenwächter, sagt der australische Dozent Ian Wilson. "Islamische Gangster in Jakarta", heißt ein Kapitel, das Wilson für ein noch unveröffentlichtes Buch über Religion und Gesellschaft in Indonesien verfasst hat.

"Ich bin wütend, dass sie ungestraft davonkommen", sagt Inul, die sich mit Gästen in einer ihrer eigenen Karaoke-Bars in Südjakarta trifft. Inul ist heute vor allem Geschäftsfrau, Konzerte gibt sie kaum noch, weil Veranstalter und Fernsehsender, die ihre Videos zeigen wollen, bedroht und eingeschüchtert werden. "Sie zerstören meine Karriere, und ich kann nichts tun." Sie, das sind Gruppen wie die "Verteidiger des Islam" (FPI) oder das "Bruderschaftsforum" (FBR), die vorgeben, Indonesien im Namen des Propheten rein zu halten. Inuls verführerische Hüftschwünge brächten das Gefüge der islamischen Gesellschaft durcheinander, behaupten sie.

Tänzerin verweigerte Schutzgelderpressung

FPI- und FBR-Mobs drohen mit Randale vor Konzertsälen und demonstrieren vor Inuls Haus im schicken Stadtteil Pondok Indah. Doch sind die frommen Sprüche Makulatur: "Das ist ganz einfach Gaunerei, verbrämt als moralischer Kreuzzug", sagt Wilson, Dozent an der Asien-Fakultät der Murdoch-Universität in Perth. "Da wird der Islam vorgeschoben, wo es in Wirklichkeit um Erpressung geht." Bandenmitglieder hatten verlangt, von Inul als "Wachmänner" eingestellt zu werden, eine andere Art der Schutzgelderpressung. Als sie sich weigerte, kam die Quittung, sagt Wilson.

Inul gelang vor fünf Jahren mit einem Fernsehauftritt als Dangdut-Interpretin der Durchbruch ins nationale Rampenlicht. Diese Folk-Pop-Musik mit arabischen, malayischen und indischen Elementen hat lange Tradition und auf Dorfvolksfesten fröhliche Urständ gefeiert. Inuls Hüftschwünge im engen Lycra-Kostüm sind zugegeben eine heiße Nummer. Sie tanzt an einer Säule wie manche Striptease-Tänzerinnen an der Stange. Aber schlüpfrige Texte gehörten seit jeher zum Dangdut, ebenso erotische Tanzbewegungen.

Zuerst traten die Konservativen in Aktion. "Lüsternes Verhalten" könnten Inuls Hüftschwünge fördern, beschied der Muslimische Gelehrtenrat MUI und forderte ein Auftrittsverbot. Dann traten Gruppen wie FBR und FPI auf den Plan. Ihre Anführer haben religiöse Motive, sagt Wilson, doch das Fußvolk nicht unbedingt. FBR-Mitglieder schmücken ihre Zimmer gerne mit Fanpostern von Inul, sagt Wilson, und Höhepunkt der Gruppentreffen sei meist eine besonders erotische Form des Dangdut, bei dem die FBR-Männer den Tänzerinnen gern Geldscheine zwischen die Brüste stecken.

Gangstermethoden im Namen des Islam

FPI und FBR rekrutieren ihre Mitglieder im Milieu, das vor allem in großen Städten wie Jakarta von Gangsterbanden kontrolliert wird. Wilson schätzt die Zahl der FBR-Mitglieder allein in Jakarta auf 60.000. Bei FPI geht er von bis zu 30.000 Mitgliedern aus, von denen bis zu 8000 zum harten Kern gehören, der vor Gangstermethoden auch im Namen des Islam nicht zurückschreckt. Junge Arbeitslose und Kleinkriminelle fänden in den Organisationen, die als Schlachtruf die westliche Dekadenz verteufeln und Arbeit, Sozial- und Rechtshilfe bieten, neuen Halt, sagt Wilson. "Ich hatte keine Arbeit und mein Leben war in einer Sackgasse", zitiert er ein Bandenmitglied. "Jetzt bin ich ein Kämpfer für den Islam und mein Leben hat einen Sinn."

Zweifelhafte Mittel wie Schutzgelderpressungen werden geduldet. "FBR-Mitglieder können ihre finanzielle Situation aufbessern wie sie wollen, so lange dies 'halal' ist", sagte deren Chef Fadloli el-Muhir Wilson, wobei "halal" (rein) in diesem Fall bedeute, was Fadloli erlaube. Geld zu verlangen sei in Ordnung, so die Logik, weil die Bandenmitglieder die Gemeinschaft ja schließlich vor Untugenden schützten und damit einen wertvollen Dienst leisteten.

Inul tanzt weiter, wenn auch weitgehend im Verborgenen. "Ich habe es satt, zu heulen", sagt sie. "Ich versuche, die ganze negative Energie, die mir entgegenschlägt, in Kraft umzuwandeln." Mit dieser Kraft hat sie schon 20 Karaoke-Bars eröffnet. Inul ist mit strassbesetzten Riemchen-Schuhen und Designer-Hosenanzug halb Glamour-Girl und halb Geschäftsfrau. Die Karriere an den Nagel hängen will sie nicht. "Ich brauche Geld, um unabhängig zu werden, dann kann ich irgendwann meine eigenen DVDs herausbringen", sagt sie.

Von Christiane Oelrich, dpa

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