Panorama

Berufsverkehr in JakartaJockeys kämpfen um die besten Plätze

14.07.2009, 09:28 Uhr

Sie stehen am Straßenrand und halten den Finger hoch. Die Jockeys Jakartas verdienen ihr Geld damit, mit anderen mitzufahren. Denn um den Verkehr zu drosseln, führte die Regierung 1992 das "3 Personen in einem Auto"-Konzept ein.

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Sechs Millionen Fahrzeuge rollen täglich durch Jakarta. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Tia ist 20 und arbeitet als Jockey im stinkenden Berufsverkehr der indonesischen Millionenmetropole Jakarta. Tag aus, Tag ein, mit ihrer vierjährigen Tochter im Arm. Mit Pferden hat das natürlich nichts zu tun. Jockeys, das sind tausende arme Leute, die sich als Mitfahrer im Auto andienen. Um den Wahnsinnsverkehr zu drosseln, dürfen Autofahrer in den Stoßzeiten nämlich bestimmte Straßen nur nutzen, wenn mindestens drei Leute im Wagen sitzen.

Tia ist mit ihrer Kleinen in der Schlinge besonders gefragt. Mutter und Kind zählen als zwei, auch wenn sie nicht das Doppelte kostet. 10.000 Rupien - 70 Cents gibt es für eine Fahrt. "An guten Tagen schaffe ich fünf Fahrten, aber manchmal warte ich auch drei Tage vergebens", sagt die junge Mutter, die für ihre erste Fahrt des Tages an der Jalan Jusuf Adiwinata in Menteng zusteigt. Sie ist adrett gekleidet, die Haare brav gekämmt - ein guter Eindruck ist wichtig im Geschäft. Seit fünf Monaten macht sie das. Die Kleine liegt apathisch in ihrem Schoß. "Es stört sie nicht, sie schläft meist", sagt Tia. Je drei Stunden morgens und nachmittags steht sie mit dem Kind im stinkenden Verkehr. "Was soll ich sonst tun?" sagt sie. "Mit dem Geld kaufe ich für uns Essen." Zwischen den Stoßzeiten putzt sie, um die Miete für ihr Zimmer zu bezahlen.

Drohenden Verkehrskollaps abwenden

Das "3 in 1"-Konzept wurde 1992 auf zwei Hauptverkehrsadern durch Jakarta eingeführt, um den drohenden Verkehrskollaps abzuwenden. Zwölf Millionen Menschen leben in dem Moloch, noch einmal so viele dürften aus dem Umland jeden Tag in die Stadt kommen. Mehr als sechs Millionen Fahrzeuge sind in der Stadt täglich unterwegs und der Verkehr wächst nach Angaben des Transportministeriums elf Prozent im Jahr. Das System hat den Verkehr auf den betreffenden Straßen halbiert, sagt das Ministerium. Damals vielleicht, denn heute geht es selbst in den Sonderzonen im Berufsverkehr bestenfalls zäh voran.

Iwan ist auch Jockey und auf Rivalen wie Tia nicht gut zu sprechen. "Das ist Konkurrenz, die wir kaum schlagen können, die Frauen mit Kindern", sagt er. "Es gibt immer mehr Konkurrenz." Im Stadtteil Menteng stehen Dutzende Mitfahrer an der Straße. Sie heben den Finger hoch als wollten sie die Windrichtung prüfen, das ist das Zeichen: bereit zum Einsteigen.

Traum vom Job mit fester Arbeitszeit

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Vor 2016 wird die Hochbahn, die den Verkehr entlasten soll, nicht fertig sein. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Iwan ist seit fünf Jahren im Geschäft. "Ich habe sogar ein paar Stammkunden", sagt er. Wenn er mal 50.000 Rupien am Tag macht, spart er 10 bis 20.000. "Wenn unser Sohn mal zum Arzt muss", sagt er. Der Sohn ist ein Jahr alt. Seine Frau verkauft Tee und Kaffee an einer Bushaltestelle. Iwan spricht vage von "falschen Freunden", die ihn irgendwann auf die schiefe Bahn brachten. Sein Traum ist bescheiden: ein Job mit fester Arbeitszeit. Hausmeister oder Putzmann. Aber ohne Beziehungen sei selbst das so gut wie unmöglich, sagt er.

Solange die Verkehrsplaner in Jakarta nicht zu Potte kommen, ist sein Jockey-Job sicher. Das geplante Massentransportsystem, eine Hochbahn, dümpelt vor sich hin. Die hier und da schon gebauten Pfeiler ragen nutzlos in die Luft. Juristische und finanzielle Probleme stoppen den Bau, heißt es. Vor 2016 wird das nichts. Stattdessen müssen Schulkinder jetzt um 06.30 Uhr zum Unterricht erscheinen - um die Straßen im Berufsverkehr zu entlasten.

Leicht verdientes Geld ist das Geschäft für Jockeys nicht. Auf der Straße gibt es Kämpfe um die besten Plätze. Auch eine Mafia ist am Werk, sagt Iwan. Er ist schon mal verprügelt worden, weil er im Revier eine Bande aufkreuzte. Zigmal ist er festgenommen worden. Einmal wurde er zwei Wochen eingelocht. Trotzdem macht er weiter. Tia muss sich immer wieder gegen Annäherungsversuche wehren. Einer fuhr sie mal in eine Tiefgarage. Sie konnte gerade noch mit ihrer Tochter flüchten.

Quelle: Christiane Oelrich, dpa