Panorama

Wegen Betrugs in FrankreichScientology vor Gericht

22.05.2009, 09:21 Uhr

Wegen "organisierten Bandenbetrugs" steht die umstrittene Organisation Scientology ab Montag vor einem Pariser Gericht. Im Falle eines Schuldspruches droht ihr die Auflösung.

Mit Spannungsmessgeräten und Saunakuren fürs Seelenheil verdient Scientology in Frankreich vielleicht bald kein Geld mehr. Die umstrittene Organisation steht wegen "organisierten Bandenbetrugs" ab Montag vor einem Pariser Gericht, im Falle eines Schuldspruches droht ihr die Auflösung. In dem auf zweieinhalb Wochen angesetzten Verfahren geht es um eine Frau, die 1998 einen "Persönlichkeitstest" bei Scientology gemacht hatte. In der Folge zahlte die Französin für Bücher, Medikamente und ein "Elektrometer" zur angeblichen Messung ihres geistigen Wohlbefindens über 200.000 Francs (gut 30.000 Euro) an die Organisation, die in Frankreich als Sekte gilt.

"Illegale Ausübung des Apothekerberufs"

Das so genannte Elektrometer wird Anhängern der Scientology-Lehre für tausende Euro verkauft, obwohl er nur ein paar hundert wert ist; es handelt sich um einen simplen Apparat, der die Spannung zwischen den Händen misst. Auch mit wochenlangen Saunakuren zur Reinigung von Körper und Geist sowie Vitaminpräparaten verdient die Organisation offenbar kräftig. Die Mitglieder bekämen die Vitamine in solchen Überdosen verpasst, dass sie bleiern müde würden und langsam die Beziehungsfähigkeit zur Gesellschaft verlören, zitiert das Wochenmagazin "L'Express" aus der Anklageschrift. Mehrere Scientologen stehen deshalb auch wegen "illegaler Ausübung des Apothekerberufes" vor Gericht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Scientology einen Rechtsstreit am Hals hat. Aber es ist das erste Mal, dass die Organisation sich als juristische Person vor Gericht verantworten muss. Angeklagt sind das "Celebrity Centre", die wichtigste Scientology-Struktur in Frankreich, ihr Leiter Alain Rosenberg und sechs weitere französische Mitglieder der Organisation. Die Verteidigung gibt zu, dass der Prozess "lebenswichtig" sei: "Wenn unser Mandant verurteilt wird, können die Scientologen in Frankreich nicht mehr tätig sein", sagte der Rechtsanwalt Patrick Maisonneuve dem "L'Express".

Ron Hubbard in Frankreich verurteilt

Eine erste Scientology-Vereinigung in Frankreich war 1995 aufgelöst worden, weil sie sich weigerte, Steuern zu zahlen: Statt sie als religiöse Gemeinschaft anzuerkennen, stufte Frankreich die Organisation seinerzeit als Sekte ein. Schon 1978 hatte ein französisches Gericht den Scientology-Gründer Ron Hubbard wegen Betruges zu vier Jahren Gefängnis verurteilt; der Science-Fiction-Autor aus den USA verlor den Prozess schon deshalb, weil er nicht zum Gerichtstermin erschien.

Ende der 90er Jahre musste sich der ehemalige Ortsvorsitzende der Scientologen in Lyon vor Gericht verantworten, nachdem eine Anhängerin der Bewegung sich das Leben genommen hatte. Derzeit läuft in Frankreich, wo die Organisation schätzungsweise mehrere tausend Mitglieder hat, ein weiteres Verfahren, nachdem der belgische Pianist Alain Stoffen sie angezeigt hatte.

Am Rande des Selbstmordes

Stoffen war Mitte der 80er Jahre zu Scientology gestoßen und konnte sich erst 15 Jahre später dem "Reich des Hasses" befreien, wie er heute sagt. "Ich ertrage es nicht, dass diese Sekte weiterhin durch das Netz der Justiz rutscht", erklärt der Musiker, der gerade ein Buch über "Die Reise ins Herz von Scientology" geschrieben hat. Die Organisation habe seine Beziehungen zerstört und ihn an den Rand des Selbstmordes getrieben. "Ich will, dass die Masken fallen und dass die Wahrheit ans Licht kommt."

Allerdings wird es nicht einfach sein. "Wenn ein Priester sich an Kindern vergeht, kann man nicht die ganze katholische Kirche anprangern", sagt Anwalt Maisonneuve. "Die Anklage muss beweisen, dass Scientology eine Bande von Schurken ist und die Absicht hatte, dies zu sein."

Quelle: Kerstin Löffler, AFP