Essen und Trinken

“Nebenform menschlicher Geisteskrankheit”Heiliger im Töpfchen

29.10.2009, 02:00 Uhr

Ständer, Muffel, Schachtel, Schnepfenstrich, Schweinesonne und Stöckelwild - das ist kein Auszug aus dem neusten Schimpfwörterbuch!

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Start zur Hubertusjagd in Heitlingen bei Hannover: Im Hintergrund steht die sogenannte Niedersachsenmeute. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Wer kann sich schon rühmen, tagtäglich eine lebende Göttin und einen zuverlässigen Schutzheiligen neben sich zu haben? Ich! Denn zwei meiner Kollegen sind nach der Göttin der Jagd beziehungsweise dem Schutzpatron der Jäger benannt - Diana und Hubertus. Den Jägern in meinem Freundes- und Bekanntenkreis empfehle ich immer, sich mit mir wegen meiner “Beziehungen” zu Göttin und Heiligem gut zu stellen.

Der 3. November ist der Tag des Heiligen Hubertus. Hubertus war im 8. Jahrhundert Bischof von Lüttich; er starb 727. Einer Legende zufolge erschien ihm bei einer Jagd ein Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih. Hubertus verstand das als Mahnung gegen das damals (und leider vielerorts auch noch heute) weit verbreitete sinnlose Abknallen von Wildtieren zum reinen “Vergnügen”. Auf Hubertus gehen sozusagen die ersten Vorstellungen von Hege und dem kontrollierten Abschuss von Wild zurück.

Diente die Jagd ursprünglich dem Menschen ausschließlich zur Nahrungsgewinnung, wurde sie im Laufe der Entwicklung immer mehr zu einem Zeitvertreib der Reichen. Sie wurde verherrlicht(zum Beispiel im “Freischütz“-Chor “Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?”), wurde zu einer Protzveranstaltung für Machos. Andere Balladen, so “Der wilde Jäger” des Sturm und Drang-Dichters Gottfried August Bürger (1747 - 1794), wenden sich gegen die Missachtung aller Kreaturen, gegen den Missbrauch der Jagd zum erbarmungslosen Töten von Tieren.

Der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss (1884 - 1963) sagte es ganz rigoros, für Heuss war die Jagd “eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit. Einem sinnlosen Töten von Wild zum Vergnügen ist in Deutschland durch die Jagdgesetze ein wirkungsvoller Riegel vorgeschoben; Hetz- und Parforcejagden sind in unserem Land seit Jahrzehnten verboten.

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Die Bekehrung des heiligen Hubertus, um 1463-1480, zu sehen in der Nationalgalerie London. (Foto: Wikipedia)

Zu Ehren von Hubertus, der außer in Deutschland auch in Belgien und Frankreich Schutzherr der Jagd ist, finden alljährlich am 3. November sogenannte Hubertusjagden statt - ganz im Sinne des Heiligen eine völlig unblutige Angelegenheit: Es werden keine Tiere getötet. Die Reiter und Spürhunde folgen einer vorher gelegten Duftspur, der so genannten Schleppe und müssen eine mehrere Kilometer lange Strecke mit verschiedenen Hindernissen wie Gräben und Baumstämme überwinden, um stets der ausgelegten Spur zu folgen. Also eher eine sportliche als eine jagdliche Angelegenheit.

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Für den IKEA-handwerklich begabten Jäger ist das Hochsitz-Modell "Hubertus" gedacht. (Foto: © Thomas Werner / PIXELIO)

Apropos "Schleppe": Immer wieder Gegenstand diverser Storys ist auch das sogenannte Jägerlatein. Ursprünglich war damit die “Fachsprache” der Jäger gemeint, die sich im Laufe der Jahrtausende entwickelte und für Laien kaum verständlich ist. Aber auch die “leichten” Übertreibungen der Jäger, wenn sie ihre Erfolge aufzählen, werden damit bezeichnet. Wenn Sie also mal etwas von “Lichter”, “Luder“, “Blume” oder “Schmaltier” hören, sind damit nicht immer ein Starkoch inmitten städtischer Beleuchtung, ein durchtriebenes Frauenzimmer, Fleurop oder Victoria Beckham gemeint, sondern Rehaugen, Lockköder, Hasenschwanz und unterentwickelte Lebewesen, die nicht über den Winter kommen.

Auch Ständer, Einstand, Mönch, Muffel, Schachtel, Schnepfenstrich, Schweinesonne, Stöckelwild und Schweiß haben bei den jagenden Männern und Frauen ihre verbale Daseinsberechtigung.

Überhaupt kein Jägerlatein ist es, wenn ich behaupte, ein zünftiger “Hubertustopf” ist etwas ganz Leckeres, nicht nur am 3. November:

Zutaten (4 Personen):

600 g Hirsch- oder Rehblatt

200 g Waldpilze oder Champignons

300 g Apfelsinen

150 g Zwiebeln

80 g Räucherspeck

1 EL Johannisbeermarmelade

1 Glas trockener Rotwein

½ TL getrockneter Thymian

Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Das gesäuberte Fleisch in Scheiben und diese dann in Streifen schneiden. Speck, Zwiebeln klein würfeln. Die Pilze in größere Stücke schneiden. Die Apfelsinen schälen und in Segmente zerteilen.

Den Speck auslassen und die Zwiebeln darin andünsten. Die Marmelade und den Thymian zugeben und mit dem Rotwein auffüllen. Bei starker Hitze einige Minuten kochen lassen. Dann das Fleisch hinzugeben, salzen und pfeffern und unter häufigem Rühren weich schmoren. Dabei mehrfach Wasser nachgießen - aber immer nur eine ganz kleine Menge, etwa 0,1 l.

Zum Schluss die Pilze und die Apfelsinenspalten dazugeben. Nochmals zehn Minuten schmoren. Dazu schmecken Kartoffelkroketten sehr gut.

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner.