Panorama

Leipziger BuchpreisKlein schlägt Hegemann

18.03.2010, 21:32 Uhr

Die als Plagiatorin enttarnte Helene Hegemann ist bei der Leipziger Buchmesse leer ausgegangen. Grund zur Freude hat dagegen der etablierte Schriftsteller Georg Klein.

Der Schriftsteller Georg Klein ist mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2010 ausgezeichnet worden. Der 56-Jährige nahm die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie Belletristik für sein Werk "Roman unserer Kindheit" (Rowohlt, Reinbek) entgegen.

Helene Hegemann ging mit ihrem umstrittenen Buch "Axolotl Roadkill" ebenso leer aus wie die nominierten Autoren Jan Faktor, Lutz Seiler und Anne Weber. "Ich möchte hier Gänseblümchen des Dankes aus dieser Wiese des Augenblicks rupfen", sagte Klein. Der Autor erzählt von einer Kindheit im Süddeutschen in den frühen 60er Jahren - autobiografisch und zugleich fantastisch.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann Ulrich Raulff mit "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben" (C.H. Beck, München). Als bester Übersetzer wurde Ulrich Blumenbach ausgezeichnet. Von ihm stammt die deutsche Fassung des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch, Köln). Blumenbach hatte sechs Jahre lang an der Übersetzung des 1410-Seiten-Werkes gearbeitet.

"Überbordend poetisch"

Über Kleins Roman urteilte die Jury: "Überbordend poetisch wird hier ein Zeitpanorama entfaltet, das die Unterwelt der großen, bösen Erzählungen der alten Männer mit den leuchtenden Farben des Sechziger-Jahre-Sommers verbindet. Kinder standen noch nicht unter Dauerobservanz, ihre Fantasien konnten, wenn man so will - und der Roman will es so - noch in aller Ruhe wuchern."

Jury-Vorsitzende Verena Auffermann äußerte sich vor der Preisverleihung noch einmal zum Streit um die Hegemann-Nominierung und die sogenannte Leipziger Erklärung. Darin hatten Autoren wie Günter Grass und Christa Wolf gegen Plagiate in der Literatur protestiert. Die Jury habe die Vorwürfe sehr ernst genommen, sagte Auffermann der dpa. Aber: "Die Jury ist frei und unabhängig und tut das, was sie für richtig hält und lässt sich nicht beeindrucken von Kritik von außen", sagte Auffermann. "Wir debattieren über den Inhalt der Bücher: gesittet, expressiv, erregt, leidenschaftlich."

Mystisch, wild und handfest

Die Kindheit ist schaurig und schön. Wie tausend wilde Träume und doch auch handfeste Realität. Das sittsam geordnete Denken des Erwachsenen kann sie nicht mehr verstehen und schon gar nicht wieder aufwecken. Georg Klein hat es mit seinem neuen Roman anders versucht und am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse dafür bekommen. Zu recht: "Roman unserer Kindheit" ist ein schauriges und schönes Buch, voll wilder Träume und geradezu mörderisch handfester Realität. Ganz und gar nicht ordentlich, alles andere als sittsam, dafür aber listig, vielstimmig, mystisch und konkret.

Man erinnert sich bei der Lektüre wieder anders an die eigene Kindheit. Auch wenn sie ganz und gar nicht so gewesen ist wie in dieser unglaublichen Geschichte vom Rand einer Stadt in Süddeutschland. Klein, 1953 in Augsburg geboren, erzählt über die Sommerferien eine Kindergruppe Anfang der 60er Jahre. Wer einfach nur Autobiografisches erwartet, täuscht sich: Diese Kinder jagen im Wald einen großen Bären, der sich an der Schwester der "Schicken Sybille" vergriffen hat. Sie tun sich mit Kriegsversehrten ohne Beine oder ohne Nase in einem verbrannten Gesicht zusammen. Und plötzlich bewegen sich alle auf eines großes Finale zu, das auch wieder mit sittsam geordneter Erwachsenen-Logik nicht zu fassen ist.

Nicht einfach zu lesen

In seine halb fantastische, halb realistische Geschichte webt Klein viel ein über die grundlegenden Veränderungen in Kindern, wenn es in die Pubertät geht: Vorher "noch allesamt mit starken Augen geschlagen (...), bis ihnen der kleine Schrecken des Sex und das Schwarzweiß des Fernsehens den Blick lindern werden". Sprachlich so anspruchsvoll - und auch bewusst gedrechselt - wie hier im zweiten Satz bleibt Klein über alle 447 Seiten seines nicht einfach und schnell zu lesenden Buches.

Der erste lautet "Es blutet und blutet." Und benennt damit Schrecken als durchgängige Grunderfahrung. Der Satz kommt, wie alle anderen, von einer merkwürdigen Stimme: Klein lässt seine Sommergeschichte von einem noch Ungeborenen aus der Stadt der Kindergruppe erzählen.

Vom Bauch der Mutter aus sieht das Ungeborene, wohl ein Mädchen, viel mehr und ganz anderes als wir Erwachsenen. Der Blick noch nicht "gelindert". Deshalb durchschauen die Ungeborenen auch am besten die geordnete und nicht mehr so aufregende Welt der Erwachsenen. Kleins Erzählerin beweist das.

Die Fabulierkunst des Autors, oft verblüffend gewählte Begriffe, plötzliche Stimmenwechsel und eine barocke Bilderfülle nerven nie als artistische Kunstdarbietung. Man denkt immer mal wieder an die auch alles andere als unschuldige Kindergruppe in Michael Hanekes Film "Das Weiße Band". Oder an die Glas zerschmetternde Stimme des zwergigen Blechtrommlers Oskar Matzerath, die Günter Grass den Nobelpreis gebracht hat. Aber diese Erzählung über die Kindheit hat ihren völlig eigenen Ton.

Georg Klein: Roman unserer Kindheit, Rowohlt Verlag, Reinbek/Hamburg, 447 S., 22,95 Euro; ISBN 978-3-498-03533-4

Quelle: dpa