Politik

Streitfall NetzausbauAlles hängt am Netz

13.02.2011, 13:21 Uhr
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Der Strom wird auch in abgelegenen Gegenden produziert. Neben Stromautobahnen werden deshalb neue Auf- und Abfahrten gebraucht. (Foto: dapd)

35 Prozent Ökostrom soll es bis 2020 geben und 80 Prozent bis 2050. Doch die Pläne drohen zu scheitern. Entgegen aller Sonntagsreden gibt es beim notwendigen Netzausbau massive Probleme. Vor allem fehlen finanzielle Anreize. Die wichtigsten Fragen.

In der Regierung herrscht Ernüchterung. Das von ihr mit reichlich Selbstlob bedachte Energiekonzept könnte am Netzausbau scheitern. Es gibt ein mehrfaches Dilemma: Den Betreibern fehlen Anreize, schneller die notwendigen neuen Höchstspannungsleitungen zu bauen. Bürgerproteste und Klagen verzögern den Ausbau zusätzlich. Der Bundesrat hat nun den Weg frei gemacht für schnellere Genehmigungs- und Planungsverfahren. In vier Projekten in Bayern, Hessen und Niedersachsen sollen zudem die umstrittenen Erdkabel getestet werden.

Wieso sind bis 2020 bis zu 3600 Kilometer neue Leitungen nötig?

In Nord- und Ostsee soll demnächst in riesigen Windparks ein großer Anteil der deutschen Stromversorgung produziert werden. Besonders durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein sollen deshalb neue Leitungen geführt werden. Bisher gibt es 30.000 Kilometer Höchstspannungsleitungen. Beim bisherigen Ausbautempo dürften die von der Deutschen Energieagentur (dena) bis 2020 avisierten Ziele erst in 30 oder sogar 40 Jahren erreicht sein. Aber die Netzstudie der dena ist umstritten. So könnte der Neubaubedarf weit geringer sein, wenn Leitungen mit Hochtemperaturseilen aufgerüstet werden.

Was wird neben Höchstspannungsleitungen gebraucht?

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Vor den deutschen Küsten soll demnächst in riesigen Windparks ein großer Anteil der deutschen Stromversorgung produziert werden. (Foto: picture alliance / dpa)

Neben Stromautobahnen braucht man neue Auf- und Abfahrten, sogenannte Verteilnetze, da auch in abgelegenen Gegenden Strom produziert wird. Um die befürchteten Netzüberlastungen und damit auch einen hohen Neubaubedarf zu vermeiden, lautet das Zauberwort "Smart Grid". Per Computer sollen virtuelle Kraftwerke geschaffen werden, mit denen die Produktion von Wasserkraftwerken, Wind- oder Solaranlagen und der Verbrauch der Bürger aufeinander abgestimmt werden. Doch auch hier gibt es bisher nur Modellprojekte.

Wie sind die Bürgerwiderstände aufzulösen?

Die Regierung will die Bürger in jedem Fall stark einbinden. Im Umweltministerium gab es jüngst ein Treffen mit betroffenen Anwohnern. "Der 1. Satz lautet aber stets: Wir sind für erneuerbare Energien und der 2. Satz: Aber bitte keine Freiluftleitungen bei uns", berichtet eine Teilnehmerin ernüchtert. Als Alternative werden Erdkabel vorgeschlagen, wie sie Berlins Untergrund durchziehen. Aber sie sind doppelt bis sechs Mal so teuer wie 380-kv-Freileitungen. Bürgerinitiativen betonen, Mehrkosten würden nach 18 bis 20 Jahren durch geringere Übertragungsverluste infolge der Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) ausgeglichen.

Warum bauen die Betreiber nicht schneller?

Sie sagen, der Ausbau sei finanziell nicht attraktiv. Deshalb wird eine Netzdividende diskutiert, die finanziellen Hilfen müsste der Verbraucher über den Strompreis bezahlen. Nach Darstellung der Grünen dienen Horrorrechnungen dazu, die Ökowende gezielt schlecht zu reden. So könnte das Fitmachen der Netze für mehr Ökostrom nach ihrer Berechnung nur rund 7,20 Euro im Jahr für einen 3-Personen-Haushalt kosten - bei 20 bis 30 Prozent Erdverkabelung. Die Opposition wirft den Netzbetreibern vor, sich auf fehlende Anreize, lange Genehmigungen und Bürgerwiderstände zurückzuziehen. So wollten sie die bestehende Struktur mit vielen Atom- und Kohlekraftwerken zementieren.

Was passiert wenn der Netzausbau weiterhin nicht vorankommt?

Schon jetzt werden Windkraftanlagen gemäß eines Passus im Energiewirtschaftsgesetz abgeregelt, wenn zu viel Strom im Netz ist. In der Koalition wird auch eine Abschaffung des Einspeisevorrangs für erneuerbare Energien diskutiert. Denn an Sonnentagen könnte schon bald die Photovoltaik den deutschen Strombedarf von 30 Gigawatt abdecken - das Netz könnte solche Mengen kaum verkraften, zumal Atom- und Kohlekraftwerke runtergefahren werden müssten. Ein Blackout ist der Alptraum der Ökoenergiebranche. Aber 2009 stand Strom nur an 15,7 Minuten nicht zur Verfügung - das ist einsame Spitze in Europa.

Quelle: Georg Ismar, dpa