Sonntag, 23. Dezember 2007
"Perverse" Geldmechanismen: BDI fordert Gegenwehr
Die Debatte um hohe Managergehälter geht weiter. Wenn eine Elite von Wirtschaftsführern nicht mehr Maß halten könne, solle sie sich nicht beklagen, "wenn die Gewerkschaften gezwungen sind, mit Forderungen zu kommen, die ein Stück weit die rationale Basis verlassen", findet IG-Metall-Chef Berthold Huber. Kirchenführer brandmarken die üblichen Mechanismen in der Wirtschaft als "pervers". Auch die Höhe der Gehälter von Fußball-Profis wird inzwischen kritisiert. Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht von "Exzessen". BDI-Chef Thumann fordert in einem Brandbrief 15.000 Unternehmer auf klarzumachen, "wer in Deutschland Wohlstand und Wachstum erwirtschaftet".
Erwartungen werden geschürt
Die stark steigenden Managergehälter in Deutschland schüren nach Einschätzung von Huber Erwartungen bei den Beschäftigten. Wenn die Menschen eine Gerechtigkeitslücke fühlten, tauchten nicht nur bei der IG Metall zum Teil überzogene Forderungen auf, sagte Huber in einem dpa-Gespräch. "Bei Lohnforderungen spielen auch Emotionalitäten immer eine Rolle."
Huber sprach sich jedoch gegen eine Gesetzesinitiative zur Begrenzung von Managergehältern aus: "Das ist doch heiße Luft, das bringt überhaupt nichts." Die Managergehälter sollten sich allerdings nicht nur am Aktienkurs von Unternehmen ausrichten. "Die Orientierung auf Kurzfristigkeit, sprich: den Aktienkurs, lässt qualitativ wichtige Kriterien wie die langfristige Entwicklung und Beschäftigung nicht mehr zu", kritisierte der Erste Vorsitzende der IG Metall. Die Debatte über die Höhe von Managergehältern sei richtig, weil sie die Frage nach Gerechtigkeit aufwerfe. Sie kranke aber daran, dass nicht über qualitative Kriterien gesprochen werde.
Angesichts von Millionenabfindungen sprach sich Huber dafür aus, Unternehmenslenkern bei einem vorzeitigen Ausscheiden maximal noch zwei Jahresentgelte oder den Betrag für die Restlaufzeit ihres Vertrags auszuzahlen. Diesem Vorschlag im Kodex zur guten Unternehmensführung könne er "viel abgewinnen". Besonders problematisch sei es, "wenn Leute nachweislich ein Unternehmen an den Rand der Existenz gefahren haben und dann mit hohen Abfindungen ausscheiden, die durch nichts gerechtfertigt sind". In solchen Fällen müssten die Arbeitgeberverbände "für Ordnung sorgen".
BDI fordert zur Gegenwehr auf
In einem Brandbrief an 15.000 Unternehmer hat sich der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, gegen die Vorwürfe gewehrt. Laut "Bild" heißt es in dem Schreiben: "Wir Unternehmer und Manager orientieren uns an klaren Werten. Moral lässt sich nicht in Zahlen gießen, aber wir folgen dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns." Der BDI-Präsident forderte die Unternehmer auf: "Lassen Sie uns gemeinsam klarmachen, wer in Deutschland Wohlstand und Wachstum erwirtschaftet: die vielen ausgezeichneten Unternehmen mit ihren hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern."
Thumann warnte die Koalition vor Überlegungen, die Bezüge von Managern gesetzlich zu begrenzen. Die SPD allerdings drängt weiter auf Gesetzesänderungen. Fraktionschef Peter Struck forderte in der Berliner "B.Z.", dass künftig alle Vorstandsbezüge ohne Ausnahme öffentlich gemacht werden müssten. Dazu solle eine Klausel abgeschafft werden, wonach die Hauptversammlung eines Unternehmens dies mit Drei-Viertel-Mehrheit verhindern kann. Zudem sollten überhöhte Abfindungen künftig nicht mehr als Betriebsausgaben von der Steuer absetzbar sein. Allerdings räumte SPD-Chef Kurt Beck ein, dass Union und SPD in diesen Fragen noch weit auseinander lägen. Er drängte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ihren Worten auch Taten folgen zu lassen.
Kirche mahnt zu mehr Bescheidenheit
Der künftige Münchner Erzbischof Reinhard Marx sagte im Saarländischen Rundfunk: "Jedenfalls ist es pervers, wenn ein Unternehmen sogar schlechte Zahlen schreibt oder Leute entlässt oder die Rendite herunter geht, einen Manager aber mit einer goldenen Übergangsregelung ablöst." Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann mahnte zu mehr Bescheidenheit. "Ich denke, es gibt eine Ethik des Genug. Man muss doch irgendwann den Hals voll genug haben", sagte Käßmann im Deutschlandradio Kultur. Bei der Spanne zwischen Löhnen für normale Arbeit und Spitzengehältern von Managern seien "die Relationen verloren" gegangen.
Gehalts-Exzesse im Fußball
Bundestagspräsident Lammert (CDU) hat inzwischen die Gehälter von Fußball-Profis kritisiert. "Ich ärgere mich erheblich über die Gehalts-Exzesse, die wir seit Jahren im Sport - insbesondere im Fußball - erleben", sagte Lammert der "Bild am Sonntag". "Da setzt mein Fassungsvermögen inzwischen fast ganz aus." Politiker dagegen verdienten "im Vergleich zu anderen Tätigkeiten sicher" zu wenig, sagte der Parlamentspräsident. Folgerichtig verteidigte Lammert die jüngst beschlossene Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete: "Wir werden für einen Zeitraum von sechs Jahren das Einkommen der Abgeordneten in zwei Stufen um insgesamt 9,6 Prozent erhöhen", sagte er. "Damit bleiben wir erneut hinter der allgemeinen Einkommensentwicklung."
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