Politik
Berlusconi in der RAI-Sendung "Leader". Rechts Lucia Annunziata, Udo Gümpel ist der 3. von links.
Berlusconi in der RAI-Sendung "Leader". Rechts Lucia Annunziata, Udo Gümpel ist der 3. von links.

Im Studio mit dem Cavaliere: Berlusconis letzte Schlacht

Von Udo Gümpel, Rom

Steuern runter, mehr Arbeitsplätze? Bislang hat Silvio Berluscon noch kein Versprechen gehalten. Doch es hat schon so oft funktioniert, warum nicht noch ein letztes Mal? Denn im März stehen drei Urteile über ihn an. Und Berlusconi will "die Beute nach Hause bringen".

Der 76-jährige Milliardär aus Mailand ist in blendender Form. Ich sitze ihm direkt gegenüber, beim Fernseh-Talk "Leader" von Lucia Annunziata, der früheren Direktorin des Staatsfernsehens RAI. Die Mimik des Cavaliere ist eingefroren - zu viel Lifting, zu viel Schminke -, aber die kleinen Augen blitzen kampfeslustig. Natürlich weiß er, wen er da vor sich sitzen hat.

Ich sollte, so hatte es Lucia mir vor der Sendung gesagt, ihn knallhart ins Kreuzverhör nehmen, zusammen mit einem Kollegen des Berlusconi-kritschen Wochenmagazins "L'Espresso". Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Schuld am Niedergang Italiens, hat die Deutsche Bank das Land in den Abgrund gerissen? Darum soll es gleich gehen. Zahlen, Fakten, Peinlichkeiten. Natürlich kommt es ganz anders an diesem Abend im italienischen Fernsehen, bei der vermeintlich so kritisch gesinnten Lucia Annunziata.

Udo Gümpel berichtet für RTL und n-tv aus Rom.
Udo Gümpel berichtet für RTL und n-tv aus Rom.

Silvio Berlusconi betritt das kleine, extra zum Anlass aufgebaute TV-Studio im Hotel Colonna gegenüber dem Parlament und ist sofort "Il Presidente". Alles groß geschrieben. "Il Presidente" ist er immer, war er immer schon. Presidente vor allem vom AC Milan, der sich gerade für 20 Millionen Euro den Super-Mario Balotelli gegönnt hat. Ein Traumsturm für die Schwarz-Roten, das bringt mindestens einen Punkt mehr bei den Wahlen, sagen die Umfragen. Nur wer Berlusconi in absoluter Intim-Freundschaft nahe steht, näher als Ruby jemals gekommen ist, darf ihn noch heute "il Dottore" nennen. Einser-Diplom an der Uni Mailand, Werbung als Thema. Natürlich, was sonst.

Heute Abend ist er die Freundlichkeit in Person. "Ich kenne Sie doch." Das wundert mich nicht. Unsere erste Begegnung fand vor exakt 20 Jahren statt. Da kam Silvio Berlusconi, noch nicht als Kandidat, sondern nur als Unterstützer für den damaligen Chef der postfaschistischen Partei MSI, Gianfranco Fini, zu uns in die Auslandspresse in Rom, um Finis Kandidatur gegen die damaligen Mitte-Links-Kandidaten Francesco Rutelli zu verkünden. Die Bude war brechend voll, allen war klar, das ist der Beginn der politischen Karriere Berlusconi. Wenige Wochen später verkündete er die Gründung seiner Partei Forza Italia.

Eklat vor 20 Jahren

Und nun sitzt er wieder vor mir. Der Abend vor 20 Jahren endete mit einem Eklat. Berlusconi begründete seine Unterstützung für den Chef der faschistischen Nachfolgepartei MSI damit, dass auf der Gegenseite die Kommunisten stünden, und die hätten ja nun einmal Millionen Menschen getötet. Da konnte ich mir die Frage nicht verkneifen - ich nannte ihn auch damals schon "Presidente", damals eben nur vom Milan, "beim Urteil über die Kommunisten sind wir völlig einer Meinung, Presidente", und er strahlte, aber warum er denn einen Faschisten unterstütze, die ja nun wohl ebenso viele Tote zu verantworten haben, dazu einen Weltkrieg entfesselt haben. Berlusconi verlor die Kontrolle, beschimpfte die Auslandspresse in Rom als "Brutstätte der Kommunisten" und rannte aus dem Saal. Übrigens gewann Rutelli und wurde Bürgermeister von Rom, Fini schwor einige Monate später dem Faschismus ab. Nach Jahren als Verbündeter Berlusconis sagte Fini sich vor einigen Jahren auch von Berlusconi endgültig los und ist heute ein Verbündeter des amtierenden Regierungschefs Mario Monti. Soweit meine Geschichte mit Silvio Berlusconi.

Wieder zurück ins Café des Hotels Colonna. Ich soll, so steht es im Sendeablauf, die kritischen Fragen stellen. Doch dazu kommt es erst 45 Minuten später, auf halber Sendestrecke. Denn "Il Presidente" hat die Sendung einfach übernommen. Die Moderatorin, immerhin ehemalige Direktorin der RAI und einst sogar von Berlusconi aus dem Amte gedrängt, steht wie eine Stichwortgeberin neben ihm. Und Berlusconi legt los. Steuererlass für alle Hinterzieher, sobald er im Amt ist. Rückzahlung "in cash" der Grundsteuern auf den Erstwohnsitz im Eigentum. Ein gigantisches Geschenk für die Reichen, denn die Armen sind von der Steuer befreit und Mieter zahlen sie in Italien nicht. So kann es weiter gehen. Auch die Unternehmenssteuern will er abschaffen, in fünf Jahren. Vier Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Auch wenn Italien nur drei Millionen arbeitslos Gemeldete hat, egal. Dann rufen wir eben Italiener aus dem Ausland wieder zurück. Berlusconi schlägt das Studio in seinen Bann, spult seinen Film ab. Eine klare Botschaft an seine Wählerschaft. 85 Prozent der Wähler glauben ihm nicht, aber sie hoffen.

"Il Presidente" hat die Sendung einfach übernommen.
"Il Presidente" hat die Sendung einfach übernommen.

Das ist sein Kalkül. Jedes Prozentchen in den beiden entscheidenden Regionen Lombardei und Sizilien bringt ihm die Sperrminorität, die einen vollen Sieg der Linken um Demokratenchef Pierluigi Bersani verhindert. Für die Lombarden, die Millionen Selbstständigen, gibt es die Botschaft: Steuernachlass für die Unternehmen. Das glauben die seit 20 Jahren, auch wenn es nie passiert ist, aber warum sollte es nicht auch noch ein letztes Mal funktionieren? Für seine Wähler in Sizilien gibt es die andere Message: Steuerablass für die Totalhinterzieher. Und Kandidaten im Verdacht, der Cosa Nostra anzugehören. Wie gehabt.

Nun darf ich auch noch eine Frage stellen. Berlusconi muss wohl Luft schöpfen, die Moderatorin hat sich daran erinnert, dass sie die Sendung führen sollte. Ob es ihm klar sei, frage ich, dass er die deutsche Kanzlerin beleidigt habe, als er ihr am 4. April 2009 nicht die Hand schüttelte, sie stehen ließ, eine Gedenkfeier für die toten Nato-Soldaten entweihte, die deutsch-französische Freundschaft schlichtweg ignorierte? Seine Absicht sei das nicht gewesen, aber er musste ja den Nato-Gipfel retten. Der Däne Anders Fogh Rasmussen sollte Generalsekretär werden, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stellte sich quer, und dank seiner besten persönlichen Beziehungen zu Erdogan und überhaupt zu allen anderen gewählten und gekrönten Häuptern der Welt, als Dienstältester und Erfahrenster, das sagt er wortwörtlich, habe man ihn dann mit Applaus überschüttet. Und natürlich hätten deutsche Banken gegen Italien spekuliert und die Krise ausgelöst. Wie das passiert sei? Die Fakten interessieren nicht an diesem Abend.

Auf meine Gegenfrage antwortet der Cavaliere nicht. Es ist ja seine Sendung geworden, er hat die RAI nicht weniger im Griff als seine drei Fernsehsender, bei denen sich noch 35 Prozent aller Italiener regelmäßig informieren, wie seine drei Zeitungen, den größten Verlag Mondadori. Berlusconi kritische Fragen zu stellen, ist in Italiener noch immer ein Karriere-Blocker, oft das Aus. Noch hat dieser Mann Italien im Griff. Er weiß, welche Geschichten er erzählen muss, um sie wieder und wieder zu faszinieren. In den letzten 10 Minuten des Abends kommt das Thema endlich auf die Mafia. Warum er immer noch Kandidaten in seinen Listen habe, die unter Mafia-Verdacht stehen? Alles nicht wahr. Alles echte Ehrenmänner. Das garantiere er.

Um die Mehrheit geht es nicht

Berlusconi geht es gar nicht mehr darum, die absolute Mehrheit zu gewinnen. Auch 40 Prozent wie vor fünf Jahren sind illusorisch, das weiß er. Ihm reicht es, wenn er zwei Schlüssel-Regionen im Senat gewinnt. Dann gibt es keine klaren Mehrheiten mehr. Dann ist der Cavaliere wieder im Spiel und kann sich vor den Prozessen retten. Drei Urteile stehen direkt nach den Wahlen im März in Mailand an. Mit einem Wahlerfolg kann Berlusconi seine Firmen vor der Konkurrenz retten. Kann, wie es sein schärfster journalistischer Gegner, Marco Travaglio, einmal formulierte, die Beute nach Hause bringen.

Der Abend ist zu Ende. Die junge Frau neben mir, die ihm vorwarf, das Geld für Frauenzentren gestrichen zu haben, bekommt von Berlusconi mit auf den Weg: "Sie sind ja ein sehr hübsches Mädchen, aber auch sehr schlecht informiert." Mir mag er nicht mehr die Hand geben, aber das kenne ich ja schon von unserer ersten Begegnung. Ich frage ihn das, was ich in der Sendung nicht durfte: Nach dem Mafiaboss im Hause bei sich, 1974, als Schutz vor den Entführungen. Stimme doch alles nicht, der habe den Pferdestall führen sollen. Die Pferde lieferte Vittorio Mangano, so dessen Name, in ein Luxushotel in Mailand, so ein abgehörtes Telefongespräch. Die Polizei hält "Pferde" für ein Codewort für Drogen. Ansonsten war Mangano schon Jahre vorher auf der Anklagebank im ersten großen Mafiaprozess, beileibe kein unbeschriebenes Blatt. Doch wen interessieren heute Abend die Fakten? Berlusconi spult seinen Film immer wieder ab. Kein Versprechen hat er jemals gehalten. Die Steuern gingen rauf statt runter, die Arbeitsplätze gingen verloren, das Ansehen Italiens brachte er auf den Nullpunkt. Eine Realität, die in Berlusconis Kopf-Kino nicht stattfindet. Werden die Italiener noch einmal ein Ticket für die nächsten fünf Jahre für diesen Film lösen wollen?

Das Video der Sendung finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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