Machtkampf in IrlandCowen klebt an seinen Ämtern
Er ist ein Vollblutpolitiker und ein politischer Überlebenskünstler. Brian Cowen, Irlands breitschultriger Ministerpräsident, bietet seinen Gegnern erneut die Stirn und schmettert Rücktrittsforderungen ab. Was ist die Taktik hinter seiner Durchhaltestrategie?
Brian Cowen hat noch nicht genug. Wie ein Boxer, der angeschlagen in seine Ecke taumelt, wirkte der irische Regierungschef in den letzten Wochen öfter. Er befinde sich im "Schwebezustand", soll er noch am Wochenende einem Parteifreund anvertraut haben. Doch wie ein angeschlagener Boxer hofft Cowen auf den Lucky Punch, auf die glückliche Wendung, die ihm den Machterhalt doch noch sichern könnte.
Trotz grottenschlechter Umfragewerte und zunehmenden Grolls seiner Landsleute spielt Cowen weiter auf Zeit. In den vergangenen Tagen hat sich der als blitzgescheit beschriebene Vollblutpolitiker mit Parteifreunden beraten und bei den Konsultationen auch seine parteiinternen Gegner nicht ausgespart. Offensichtlich ist die Zahl derer, die seiner Taktik folgen, groß genug. Er bringt sogar den Mut auf, an diesem Dienstag parteiintern die Vertrauensfrage zu stellen.
Seine parteiinternen Gegner könnten darauf spekulieren, dass die nächste Parlamentswahl - womöglich noch in diesem März - für die über Jahrzehnte als Regierungspartei etablierte Fianna Fail ohnehin nicht zu gewinnen ist. Einen neuen Mann zu verheizen, wäre dann möglicherweise nicht sinnvoll. Cowen selbst setzt auf den Zeitfaktor: Vielleicht tritt doch noch die Wende ein, vielleicht kommt das Wirtschaftswachstum schneller als erwartet zurück. Dann könnte er noch einmal im Wahlkampf das Bild eines erfolgreichen Krisenmanagers von sich zeichnen.
Glückloser Sparmeister
Der gelernte Jurist Cowen, schon seit 1984 im Parlament, hatte in Dublin sechs Ministerämter inne, bevor er als Nachfolger des in Korruptionsaffären verstrickten Bertie Ahern zum Regierungschef auf der grünen Insel avancierte. In all seinen Regierungsämtern hat er an der Erfolgsgeschichte seines Landes mitgeschrieben, als Irland dank seines rasanten Wirtschaftswachstums noch als "keltischer Tiger" bezeichnet wurde.
Doch ausgerechnet im Spitzenamt, das er Anfang 2008 antrat, wurde der Name des heute 51-Jährigen dann zum Inbegriff der Krise. Zuerst musste er den Iren den umstrittenen Weg in die Europäische Union und die Eurozone beibringen - erst im zweiten Anlauf nahmen die Wähler 2009 den Lissabon-Vertrag an. Fast gleichzeitig schlug die Bankenkrise mit voller Härte zu. Immer neue Milliardenhilfen aus der Staatskasse für das aufgeblähte und nach einer geplatzten Immobilienblase kollabierte Bankensystem stürzten Irland in eine tiefe Depression.
Der Höhepunkt: Cowen musste nach langer trotziger Weigerung seinen stolzen Landsleuten erklären, dass die Zusage von Milliardenkrediten der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds unabdinglich ist, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Mehr als 160 Milliarden Euro Staatsschulden, 32 Prozent Haushaltsdefizit, über 13 Prozent Arbeitslosigkeit - es gab keinen Weg mehr am Rettungsschirm vorbei. Zuvor hatte Cowen mantraartig erklärt, Irland habe das nicht nötig. Viele Iren nahmen ihm diesen Zickzack-Kurs persönlich übel, die Opposition schlachtete Cowens Wankelmut genüsslich aus.
Erschwerende Fehltritte
Hinzu kamen weitere persönliche Fehler: Im Herbst gab Cowen, der als junger Mann im Pub bedient hatte und einem Pint Guinness nicht abgeneigt sein soll, nach einem Abend mit Journalisten ein frühmorgendliches Radio-Interview - er soll schwer verkatert geklungen haben. Cowen entschuldigte sich später, gab aber keinen Alkoholkonsum zu.
Schwerwiegender war eine Enthüllung in der vergangenen Woche: Mit dem früheren Chef der Pleite-Bank Anglo Irish, Sean FitzPatrick, soll sich Cowen im Sommer 2008 zum Golf getroffen haben. Er widersprach dem Vorwurf der Opposition, dass dabei weitreichende Abmachungen zur Banken-Politik getroffen wurden - ohne Beteiligung demokratischer Gremien. Tatsache ist, dass wenig später der irische Staat Milliarden-Garantien für die Einlagen der maroden Banken übernahm.