Obama - too good to be true?Das Bauchgefühl sagt: Präsident
Barack Obama weckt Hoffnungen. "Es hat fast etwas Religiöses", sagt der Autor Christoph von Marschall. Er ist sicher: "Von Obama werden wir noch viel hören."
Barack Obama weckt Hoffnungen. "Es hat fast etwas Religiöses", sagt Christoph von Marschall im Interview mit n-tv.de. Nach einer Veranstaltung mit Obama hätten viele Zuhörer "regelrecht einen Glanz in den Augen". Der Journalist hat ein Buch über den Bewerber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur geschrieben. Eine Biographie, zugleich ein Stimmungsbild aus dem amerikanischen Wahlkampf und den USA kurz vor dem Abschied von Bush. Christoph von Marschall ist sicher: "Von Barack Obama werden wir noch viel hören."
n-tv.de: Obama spricht viel davon, dass die USA sehr gespalten seien; er will das Land wieder zusammenführen. Ist das mehr als ein Topos? Selbst Bush hatte angekündigt, er werde überparteilich regieren.
Christoph von Marschall: Das Gefühl, dass die Gesellschaft politisch stark gespalten ist, ist in den USA stark verbreitet. Im Moment wird das besonders auf Bush bezogen. Bush hat seine Wahlkämpfe nicht in der Mitte geführt und nicht in der Mitte gewonnen, sondern am rechten Rand. Die Spaltung des Landes hatte allerdings schon unter den Clintons begonnen. Das versucht Barack Obama anzudeuten: Hillary Clinton würde bedeuten, dass wir die Spaltung nicht überwinden können. Und tatsächlich hat sie auch von allen Präsidentschaftsbewerbern die höchsten Negativ-Werte.
Immer noch?
Ja. Über 40 Prozent der Amerikaner würden Hillary Clinton nicht wählen. Deshalb ist die nationale Versöhnung nach "change" Obamas zentrale Botschaft. Obama präsentiert sich nicht nur als einer, der die politische Lagerspaltung überwinden kann, sondern auch als Kandidat, der die Rassen versöhnt.
Geht es Obama auch um die Spaltung des Landes in Arm und Reich, von der sein Mitbewerber John Edwards immer spricht?
Auch die "zwei Amerikas" von John Edwards schwingen bei Obama mit. Obama arbeitet gern mit Begriffen, die vielschichtig sind und auf mehr als nur ein Thema anspielen.
Wie kommt Obama mittlerweile bei den Schwarzen an? Kann er der Popularität der Clintons unter der schwarzen Bevölkerung etwas entgegensetzen?
Anfang 2007 war das Verhältnis in den Umfragen ungefähr 60 zu 30 zugunsten von Hillary Clinton. Im Sommer 2007 erlebte Amerika dann eine merkwürdige Debatte: Ist Barack Obama schwarz genug? Damit war natürlich nicht seine Hautfarbe gemeint. Damit war gemeint: Kann er glaubwürdig die Interessen armer Schwarzer vertreten? Barack Obama ist nicht in einem schwarzen Innenstadtghetto in Chicago, Los Angeles oder New York aufgewachsen, er ist der Sohn eines schwarzen Vaters aus Afrika und einer weißen Mutter aus Kansas, geboren und aufgewachsen auf Hawaii ? ein Schmelztiegel, wo die Rassenunterschiede eine geringere Rolle spielen. Viele Schwarze sagten, er hat gar nicht unsere brutalen Diskriminierungserfahrungen. Zudem hat er Karriere gemacht. Er hat in der Elite-Schmiede Harvard promoviert, ihm stehen die weißen Elitezirkel offen. Diese Debatte ging aber zu seinen Gunsten aus, nicht zuletzt weil seine Frau Michelle sehr energisch intervenierte. Sie sagte, natürlich ist er ein Schwarzer, selbstverständlich vertritt er die Interessen der armen Schwarzen. Jetzt, wenige Tage vor der Vorwahl in South Carolina am 26. Januar, liegt Obama bei den Schwarzen mit 59 zu 31 vor Hillary Clinton.
Sie schreiben, viele Amerikaner fürchteten, dass ein Attentat auf den "schwarzen Kennedy" verübt werden könnte. Das hat mich überrascht. Wie real ist diese Gefahr?
Die Befürchtung taucht immer wieder auf, auch Michelle Obama macht manchmal Andeutungen, dass sie sich um die Sicherheit ihres Mannes sorgt. Es gibt zwei Personen in diesem Vorwahlkampf, die vom Secret Service beschützt werden, das sind Obama und Hillary Clinton ? Hillary Clinton als ehemalige Präsidentengattin, er wegen der Risikoabschätzung. Kein anderer Bewerber hat in einem so frühen Stadium im Vorwahlkampf so hohe Sicherheitsbewachung bekommen.
Obamas Frau hat mal gesagt, dass sie verstehen könne, wenn Leute meinten, ihr Mann sei "too good to be true". Die Formulierung trifft es. Obama ist wirklich schwer zu glauben, seine Karriere ist irgendwie ...
... märchenhaft.
Ja. Wenn er jetzt Präsident würde, hätte wirklich alles geklappt. Ist er vielleicht doch "too good to be true"?
Genau davon lebt seine Faszination. Es ist eine Bilderbuchkarriere, der amerikanische Traum: Sohn eines Immigranten, von unten kommend, auch die Familie seiner Mutter kommt ja eher aus der unteren Mittelschicht, eine turbulente Jugend mit Rauschgiftkonsum, er wächst ohne Vater auf, die Identitätsprobleme mit seiner Hautfarbe, er spürt natürlich Diskriminierung: Die weißen Mädchen gehen nicht mit ihm aus, seine Sporttrainer stellen ihn nicht auf. Aber er schafft den Weg nach oben. Die Amerikaner sind ja verliebt in ihr Bild von ihrer Gesellschaft, dass sie exceptional sind, eine Ausnahmegesellschaft. Barack Obama sagt das auch: Meine Karriere ist nur in diesem Land möglich. Das ist natürlich eine Idealisierung der Vereinigten Staaten. Aber daneben ist er einfach ein sehr eindrucksvoller Mann, er sieht gut aus, hochgewachsen, schlank, sportlich, er hat ein anziehendes Lächeln, er kann gut Kontakt zu Menschen aufbauen, er ist ein guter Redner. Viele haben regelrecht einen Glanz in den Augen, wenn sie ihn erlebt haben, es hat fast etwas Religiöses.
Muss die Enttäuschung dann nicht umso größer sein?
Die Erwartungen, die auf ihm lasten, kann er nicht erfüllen, das ist wahr. Aber das amerikanische System ist nicht auf Parteien, sondern auf Persönlichkeiten ausgerichtet: Man wählt jemanden, in der Hoffnung, dass es ihm gelingt, so viele hinter sich zu scharen, dass ein momentum erzeugt wird, eine Dynamik, eine große neue Bewegung. Auf den Vorwurf, er sei unerfahren, antwortet Obama, es komme nicht immer darauf an, wie viel Erfahrung jemand hat, sondern wie gut sein Urteilsvermögen ist. Damit meint er den Irak-Krieg: Trotz ihrer Erfahrung hat Hillary Clinton dafür gestimmt. Obama war von Anfang an dagegen.
Glauben Sie, dass Obama Leichen im Keller hat, die im Wahlkampf von den Republikanern ausgebuddelt werden?
Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass es nicht so ist, aber den letzten Test hatten wir noch nicht: Barack Obama hat zwar schon Wahlkämpfe geführt, aber es waren nie ganz enge Wahlkämpfe. Und Obama hat relativ offen Auskunft über sein Leben gegeben. Es ist bekannt, dass er in seiner Schulzeit Drogen konsumiert hat, es ist bekannt, dass er in seiner Chicagoer Zeit nicht illegale, aber etwas anrüchige Geschäfte mit einem Immobilienmakler gemacht hat, als er sein Haus gekauft hat. Es ist relativ klar, dass ? wenn Obama Kandidat der Demokraten wird - die Republikaner testen werden, ob man etwas mit seinem islamischen Hintergrund anfangen kann. Barack Obama hat einen zweiten Vornamen: Er heißt wie sein Vater Barack Hussein Obama, die Familie seines Vaters ist muslimisch. Wer gegen ihn holzen möchte, könnte natürlich sagen: Hussein - könnt ihr so einem Mann vertrauen? Und dann ist er auch noch in Indonesien in eine muslimische Schule gegangen.
Eine CNN-Reporterin hat doch gleich vor Ort herausgefunden, dass diese Schule harmlos ist.
Aber Fox, der rechte TV-Kanal, hat schon die Frage gestellt, ob nicht Obama in Wirklichkeit ein "Osama" sei, also ein islamistischer Extremist. Völlig unfair, aber natürlich wird man solche Dinge ausprobieren. Ob dann noch irgendwelche anderen Geschichten kommen, von denen wir nichts wissen? Ich glaube eher, man wird sich auf das vorhandene Material stürzen: die Immobiliengeschichte, Rauschgift in der Jugend und den muslimischen Hintergrund.
Sie zitieren einen neoliberalen Journalisten, Thomas Friedman, der schrieb, Obama habe "das Potenzial, die kaputte Beziehung zwischen den USA und der übrigen Welt zu reparieren". Glauben Sie das auch?
Erst mal wäre es ein wichtiges Signal, wenn die Demokraten diese Wahl gewinnen. Auch das Signal "erster Schwarzer" oder "erste Frau" würde das Wendesignal sehr verstärken. Bei Barack Obama kommt hinzu: Er hat zwar weniger machtpolitische Erfahrung als Hillary Clinton. Aber er hat eine Form von Erfahrung, die ich für sehr wichtig halte: Er hat interkonfessionelle und interkulturelle Kompetenz. Wenige amerikanische Spitzenpolitiker haben sich im Ausland mit anderen Kulturen und Religionen auseinandersetzen müssen. Er hat das als Kind getan, dreieinhalb Jahre in Indonesien, er ging auf diese muslimische Schule, er hat oft Afrika besucht, weil es die Heimat seines Vaters ist. Er guckt auf die Außenwelt, aber es ist nicht Europa. Europa wäre eine neue Herausforderung für ihn. Aber er begreift, dass die äußere Welt anders tickt als Amerika, und dass es da ein Vermittlungsproblem gibt.
Ist den normalen Amerikanern überhaupt bewusst, wie kaputt die Beziehungen zwischen den USA und dem Rest der Welt sind?
Die volle Dimension ist ihnen wohl nicht bewusst, aber dass es da ein richtig großes Problem gibt, das hat sich schon herumgesprochen. Die Demokraten nutzen es im Wahlkampf auch als Argument gegen die Republikaner.
Wen würden Sie wählen, wenn Sie wählen dürften?
Ich würde es mir schwer machen. Man will ja nicht nur einen idealistischen neuen Kurs, sondern möchte vor allem, dass kompetent regiert wird. Die Amerikaner wollen beides: Sie wollen kompetenter regiert werden als unter Bush, aber sie wollen auch diesen hoffnungsvollen, idealistischen Überbau. Die Erfahrung, das gute, kompetente Regieren, das bekämen sie von Hillary Clinton. Der Überbau, die besondere Botschaft, das ist Obama. Ich würde nicht ausschließen, dass wir auch unangenehme Überraschungen mit ihm erleben könnten, aber ich hätte keine Bedenken, ihn zu wählen. Der Begeisterungsfaktor spricht für Obama, die Erfahrung vielleicht mehr für Hillary.
Sie schließen Ihr Buch mit den Sätzen: "Das Bauchgefühl einer Mehrheit sagt: Da haben wir einen künftigen Präsidenten vor uns. Wenn nicht jetzt, dann später." Dieses Bauchgefühl teilen Sie, nehme ich an.
Ja. Wenn er jetzt nicht Präsident wird, hängt es davon ab, ob die Art, wie er es nicht wird, als Niederlage verstanden wird. So wie John F. Kerry die Wahl 2004 verloren hat, hatte er ein Verlierer-Image, ebenso Al Gore vier Jahre zuvor. Das ist nicht gut, dann tritt man nicht wieder an. Wenn Barack Obama aber einen glänzenden Wahlkampf führt - und zumindest einen glänzenden Vorwahlkampf oberhalb der Erwartungen führt er bereits jetzt - und dann achtbar scheitert, dann spricht nichts dagegen, dass er es 2012 oder 2016 noch einmal versucht. Er ist 46 Jahre jung. Von Barack Obama werden wir in jedem Fall noch viel hören.
Mit Christoph von Marschall sprach Hubertus Volmer