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Für den Tornado-Einsatz Deutschlands sind im türkischen Incirlik mehr als 200 Bundeswehrsoldaten stationiert.
Für den Tornado-Einsatz Deutschlands sind im türkischen Incirlik mehr als 200 Bundeswehrsoldaten stationiert.(Foto: picture alliance / Falk Bärwald/)

Ankara blockiert Abgeordnete: Das sind die Alternativen zu Incirlik

Von Issio Ehrich

Verteidigungsministerin von der Leyen reist nach Jordanien, wegen des Weltwirtschaftsforums. Weil auf Nato-Partner Türkei kein Verlass mehr ist, wird es aber auch um Flughäfen für den Anti-IS-Einsatz gehen. Eine Bundeswehr-Vorhut ist schon vor Ort.

Deutschland solle die Türkei nicht so herablassend behandeln. "Wir werden nicht betteln", sagt Mevlüt Çavuşoğlu. Der türkische Außenminister sitzt im Studio des türkischen Privatsenders NTV. Er hebt die Handflächen gen Himmel, signalisiert maximale Gelassenheit. "Wenn sie gehen wollen, sagen wir Tschüss."

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Es geht um die 268 Bundeswehrsoldaten, die samt eines halben Dutzend Tornado-Aufklärungsjets und einem Tankflugzeug auf der türkische Nato-Basis Incirlik stationiert sind. Ob die Bundesrepublik sie wirklich abzieht, weil Ankara deutschen Parlamentariern wieder einmal den Zugang zu ihnen verwehrt, ist ungewiss. Am Donnerstagabend scheiterten Grüne und Linke im Bundestag mit einem Antrag, der einen sofortigen Abzug einleiten sollte. Aber die Suche nach Alternativstandorten scheint trotzdem langsam in Gang zu kommen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen reist an diesem Wochenende nach Jordanien. Eigentlich, weil sie dort einen seit Monaten geplanten Auftritt beim Weltwirtschaftsforum absolvieren will. Doch nach den jüngsten diplomatischen Scherereien zwischen Berlin und Ankara wird es auch um geeignete Flughäfen für die Aufklärungs-Tornados gehen, die für die internationale Anti-IS-Koalition hochauflösende Bilder von Syrien und dem Irak machen. Ein Erkundungstrupp ist im Auftrag des Verteidigungsministeriums bereits seit Dienstag vor Ort.

Schon Ende vergangenen Jahres gab es erste Erkundungen an insgesamt acht Standorten in drei Ländern. Mittlerweile spricht viel für die Muwaffaq Salti Air Base im jordanischen Azraq. Doch es gibt noch viele offene Fragen.

Von Kuwait ist keine Rede mehr

Im "Zwiebelverfahren" wolle sie die verschiedenen Standorte auf Tauglichkeit untersuchen, sagte von der Leyen Anfang der Woche in der Sitzung des Verteidigungsausschusses. Das berichten Teilnehmer. Soll heißen: Zunächst geht es an das Grobe, dann in die Details.

Die Ahmed Al Jaber Air Base, die Ali Al Salem Air Base und die International Air Base in Kuwait sind dabei offenbar schon aussortiert worden. Das verwundert nicht. Zwar gilt die Infrastruktur insbesondere in "the Jab", wie die Ahmed Al Jaber Air Base auch genannt wird, als exzellent. Dort ist schon seit Jahren die US-Airforce präsent. Auch die Sicherung des Stützpunktes dürfte exzellent sein, nicht zuletzt aufgrund der Präsenz amerikanischer Patriot-Flugabwehrsysteme, die einerseits den Luftraum schützen, in der Regel aber auch selbst mit großem Aufwand am Boden bewacht werden. Doch Kuwait ist einfach zu weit weg. Vom türkischen Incirlik zur syrischen IS-Hochburg Rakka sind es ungefähr 350 Kilometer, nach Kuwait 2000. Und das liegt schon recht nahe an der Maximalreichweite, die ein Tornado ohne zusätzliche Luftbetankung fliegen kann. Im Verteidigungsausschuss soll von der Leyen die Standorte in Kuwait nicht einmal mehr erwähnt haben.

Deutlich näher liegen die beiden Flughäfen auf Zypern: die Akrotiri und Paphos Air Base. Von dort aus sind es rund 400 Kilometer nach Rakka. Die Aktoriri Air Base ist praktisch sogar ein Nato-Stützpunkt, obwohl Zypern kein Mitglied des Militärbündnisses ist. Der Flughafen wird von der britischen Royal Air Force betrieben, die auch noch Tornados im Einsatz hat. Doch darüber, wie gut dort die Infrastruktur ist, ist wenig bekannt. Dass die Standorte auf Zypern nicht erste Wahl sind, könnte daran liegen, dass sie klein sind. Auch die etwas größere Aktoriri Air Base hat nur eine Start-Landebahn.

Die Bundeswehr-Tornados haben im vergangenen Jahr von Incirlik aus laut einer kleinen Anfrage der Linken knapp 800 Einsätze geflogen. Auf der Webseite der Royal Airforce wird Zypern schon jetzt als "extrem ausgelasteter" und "durchgehend" für Operationen in Afghanistan und dem Irak genutzter Standort beschrieben.

Der Umzug nach Jordanien wäre teuer

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Die besten Bedingungen für eine Stationierung der Bundeswehr scheint Jordanien zu bieten. Eine gute Planung vorausgesetzt, lässt sich laut Rayk Hähnlein der Tornado-Einsatz auch von dort aus stemmen. Hähnlein ist Major im Generalstabsdienst und forscht für die Stiftung Wissenschaft und Politik. Er skizziert vier entscheidende Faktoren: die Geografie, die Versorgung, die Infrastruktur und die Sicherheit.

"In Jordanien ist die Sicherheit bereits durch die Jordanier und die Amerikaner gewährleistet", sagt er n-tv.de. "Auch beim Brandschutz, einem weiteren neuralgischen Punkt, werden die Deutschen wohl auf die Partner setzen können." Jordanien ist Teil der Anti-IS-Koalition, und an allen drei Standorten im Land operieren bereits die USA.

Hähnlein beschreibt eine ganze Reihe an Kriterien, die bei der Infrastruktur zu bedenken sind, darunter gesicherte Bereiche für die Operation und Auswertung der Erkundungsflüge der Tornados, ausreichend Wartungszelte und Hangars, Unterkunftscontainer und Plätze in einer funktionierenden Sanitätsstation. "Kaum ein Flugplatz hält all das vor, was nötig ist, um einen Verband wie das deutsche Geschwader von jetzt auf gleich aufnehmen zu können", sagt Hähnlein. Aber die Deutschen könnten bei der Infrastruktur nicht nur auf den "Host Nation Support", also die Jordanier, sondern auch auf die US-Partner bauen.

Hähnlein beziffert den Verbrauch des Tornado-Geschwaders auf 1722 Tonnen Treibstoff pro Monat und sagt: "Die nötigen Kapazitäten oder Lieferketten sollten auch auf den jordanischen Plätzen möglich sein."

Die Muwaffaq Salti Air Base ist rund 150 Kilometer weiter von Rakka entfernt als Incirlik. Auch die Anbindung an die nächste Großstadt ist schlechter. Von der jordanischen Luftwaffenbasis in die Hauptstadt Amman sind es 100 Kilometer. Incirlik liegt nur zwölf Kilometer östlich von Adana. In Jordanien gibt es zudem keinen nahen Hafen.

"Die jordanischen Basen sind insbesondere geographisch gegenüber Incirlik im Nachteil", sagt Hähnlein. "Aber: Zwei der drei dort erkundeten Basen befinden sich ausreichend dicht am Haupteinsatzgebiet. Im Gegenzug zu Prinz Hassan verfügt die Muwaffaq Salti Base sogar über zwei Start- und Landeflächen, was ein großer operativer Vorteil ist, wenn man eine hohe Dichte von Lufteinsätzen fliegen will."

Hähnlein hält Jordanien insbesondere wegen der vielen "Synergieeffekte" durch die Präsenz von Partnern Deutschlands für eine mögliche Alternative zu Incirlik. Eine Verlegung sei aber keinesfalls eine Sache von ein paar Tagen.

Eine Erwägung, die hinzukommt, ist die, was die Entscheidung für einen Alternativstandort kosten würde. Die Bundeswehr hatte eigentlich geplant, 58 Millionen Euro in Incirlik zu investieren, damit dieser den Ansprüchen genügt. Selbst im wohl besten Alternativstandort, der Muwaffaq Salti Air Base, wären abgesehen von den Umzugskosten, sicher auch noch Investitionen nötig.

Quelle: n-tv.de

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