Roland KochDer Schauspieler

Vom Scharfmacher bis zum Staatsmann hat Roland Koch bereits so gut wie alle Rollen verkörpert. Meist ziemlich erfolgreich. Zwei Mal wurde er allerdings fast von der Bühne gejagt.
Roland Koch ist Schauspieler. Vom Scharfmacher bis zum Staatsmann hat Koch bereits so gut wie alle Rollen verkörpert. Meist ziemlich erfolgreich. Zwei Mal allerdings stand er kurz davor, von der Bühne gejagt zu werden.
Die Spendenaffäre der hessischen CDU ist seine Feuertaufe: Nur neun Monate nach seinem Amtsantritt, am 10. Januar 2000, sagt Koch, er kenne "bis zum heutigen Tage keinen einzigen Vorgang außerhalb der offiziellen Buchhaltung der Christlich Demokratischen Union". Vier Wochen später gibt er zu, gelogen zu haben, sieht darin jedoch nur "eine Dummheit". Auch damit strapaziert Koch die Wahrheit: Als dumm ist der Stratege nicht bekannt.
Koch bleibt Ministerpräsident - und Feindbild seiner politischen Gegner. Dafür hatte bereits der Wahlkampf gesorgt, der den ohnehin scharfen Umgangston in Hessen auf Jahre prägt. "Wo kann ich gegen Ausländer unterschreiben?", fragen viele Wähler, die sich Anfang 1999 in die Listen der hessischen CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft eintragen wollen. Mit der Kampagne kann die CDU die Stimmung drehen; anders als von den Demoskopen vorhergesagt gewinnt sie die Wahl.
"Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer"
Diesen Erfolg will Koch acht Jahre später wiederholen. Dabei kommt ihm der Zufall zu Hilfe: Am 20. Dezember 2007 hatten ein 18-jähriger Grieche und ein 21 Jahre alter Türke in einem Münchener U-Bahnhof einen Rentner fast zu Tode getreten. Koch, der angesichts mäßiger Umfragewerte und einer verkorksten Schulreform um seine Mehrheit bangen muss, startet seine Kampagne sechs Tage nach Veröffentlichung eines Videos, das den brutalen Überfall zeigt. "Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer", verkündet er in der "Bild"-Zeitung.
Dann jedoch wird bekannt, dass die Zahl schwerer und gefährlicher Körperverletzungen durch Jugendliche in Hessen seit 1999 geradezu sprunghaft angestiegen ist. Koch gerät mit seiner Kampagne an den Rand der Lächerlichkeit. Das Wahlergebnis fällt für die CDU noch schlechter aus als die Dezember-Umfragen: 36,8 Prozent, ein Absturz um glatte 12 Prozentpunkte. Koch bleibt geschäftsführend im Amt.
"Wir haben verstanden"
Auf die Wahlschlappe reagiert Koch mit einem radikalen Kurswechsel: "Wir haben verstanden", verkündet er, und wirbt so heftig um die Grünen, dass es diesen "schon peinlich" wird. "Ich habe ja als Umweltpolitiker angefangen", kokettiert Koch in einem Interview. "In der Frage, wie wir verantwortlich mit der Schöpfung umgehen, gibt es mit den Grünen keinen Streit." In seiner Regierungserklärung vom April sagt Koch, er wolle Hessen zum "Musterland der regenerativen Energien" machen. Ausgerechnet Hessen: Bei den erneuerbaren Energien ist Hessen gemeinsam mit dem Saarland bundesweites Schlusslicht.
Nachhaltig ist Kochs Öko-Wende nicht. Seine neue Rolle findet er im Hintergrund. Während die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti Fehler auf Fehler macht, wartet Koch auf seine zweite Chance. Und wird zum Staatsmann, zum Staatsdiener, der Hessen durch die Finanzkrise führen will.
Von erneuerbaren Energien oder schwarz-grünen Gemeinsamkeiten ist längst keine Rede mehr. Windkraft sei "sicher eine feine Sache", sagt Koch vier Tage vor der Wahl der "taz", in Hessen "wegen der Windverhältnisse aber leider nur in engen Grenzen umsetzbar". Aus technischer Sicht ist das natürlich Unfug; die Wahrheit ist, dass die CDU in Hessen schon bei der Erstellung der Flächennutzungspläne dafür sorgt, dass der Ausbau von Windkraft keine Chance hat.
"In Zeiten wie diesen"
Koch setzt auf Kernkraft. Auffällig ist allerdings, dass er im aktuellen Wahlkampf seine Forderung nach Laufzeitverlängerung für die hessischen Reaktoren Biblis A und B nur verklausuliert wiederholt. Seine Antwort auf eine entsprechende Frage: "Die Laufzeiten sollten sich nach technischem Zustand und Sicherheitserfordernissen richten, nicht nach politischen Kriterien." Welch ein Unterschied: Zwei Jahre zuvor hatte er noch öffentlich über den Bau neuer Kernkraftwerke nachgedacht. Jetzt sollen die Wähler nicht mit einer neuen Atom-Kontroverse verschreckt werden.
Schwerpunkt des Wahlkampfes ist die Finanzkrise. Aus Sicht der CDU eine gute Entscheidung, da Wähler "in Zeiten wie diesen" nicht dazu neigen, die Regierung auszuwechseln. Die Plakate zeigen einen weichen Koch, fast einen Landesvater. Und doch bleibt Koch erstaunlich unbeliebt: Laut Forsa würden nur 39 Prozent der hessischen Wähler sich für Koch entscheiden. 32 Prozent ziehen den SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel vor. Schäfer-Gümbel war vor zwei Monaten noch völlig unbekannt, Koch regiert seit fast zehn Jahren.
Dieselbe Umfrage sieht die hessische CDU bei 41 Prozent, das sind immer noch knapp 8 Prozent weniger als bei der Landtagswahl 2003. Für Koch würde das reichen - vielleicht nicht, um die peinliche Scharte vom Januar 2008 auszuwetzen. Aber um weiter regieren zu können.
In Interviews erzählt Koch gern, dass er immer wieder höre, er sei ja "viel netter als im Fernsehen". Das ist das Schicksal von Schauspielern: Wer allzu oft den Bösewicht spielt, kommt aus dieser Rolle nicht heraus.