Politik

Krise erreicht AmerikaHandel rationiert Reis

24.04.2008, 19:05 Uhr

Die globale Nahrungsmittelkrise erfasst nun auch die USA. Zwei Handelsketten beginnen damit, ihr Reisangebot zu rationieren. Unterdessen machen sich einige südamerikanische Länder unter der Führung von Hugo Chvez Gedanken über einen Weg aus der Krise. Für den venezolanischen Präsidenten jedenfalls ist der Kapitalismus endgültig gescheitert.

Die globale Nahrungsmittelkrise erfasst nun auch die USA. Nach einem Ansturm von Restaurantbesitzern haben die zwei größten Großhandelsketten damit begonnen, ihr Reisangebot zu rationieren. Kunden in den Warenhäusern von "Sam's Club", einer Tochter des weltweit größten Einzelhandel-Konzerns Wal-Mart, können nur noch maximal vier Neun-Kilo-Säcke Basmati-, Jasmin- und Langkornreis pro Einkauf erwerben. Auch in mehreren Warenhäusern der Kette "Costco" gibt es mittlerweile Kaufbeschränkungen für große Mengen, nachdem wiederholt die Regale binnen kürzester Zeit leer gewesen waren.

Betroffen ist in diesem Fall vor allem die US-Westküste, wo besonders viele asiatisch- stämmige Menschen leben. Hintergrund der ungewöhnlichen Nachfrage ist die durch Reisknappheit auf den internationalen Märkten ausgelöste Preisexplosion, die sich auch in den USA zunehmend bemerkbar macht.

So ist in vielen Geschäften Reis doppelt so teuer wie noch vor wenigen Monaten. US-Medien zitierten unterdessen Experten mit den Worten, es gebe nach wie vor ein ausreichendes Angebot an Reis. Der große Ansturm sei nicht auf Knappheit zurückzuführen, sondern auf die Furcht von Besitzern vor allem kleinerer Restaurants oder auch Läden vor einem weiteren Preisanstieg. Deshalb wollten sie sich ausreichende Vorräte anlegen. In einer Erklärung des Unternehmens Sam's Club hieß es, die Restriktionen seien eine vorübergehende Maßnahme. Man wolle sicherstellen, dass es genügend Reis für alle Kunden gebe.

Gewaltsame Proteste

Die linksgerichteten Regierungen von Venezuela, Kuba, Bolivien und Nicaragua haben unterdessen bei einem Präsidentengipfel in Caracas gemeinsame Maßnahmen gegen die Lebensmittelknappheit in der Region beschlossen. Dazu solle ein Hilfsfonds von 100 Millionen US-Dollar gegründet werden, teilten die vier Staaten mit. Man wolle Programme zur agroindustriellen Entwicklung unter anderen für die Bereiche Weizen, Reis, Fleisch, Milch sowie Trinkwasser und Bewässerungssysteme ins Leben rufen, hieß es. Die weltweite Lebensmittelkrise beweise "das historische Scheitern des Kapitalismus", erklärte Venezuelas Staatspräsident Hugo Chvez.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) plant wegen der Preisexplosion bei Lebensmitteln zusätzliche Finanzhilfen für besonders betroffene Länder. Die Organisation führe derzeit Verhandlungen mit zehn Regierungen, damit diese der Bevölkerung im Zuge der rasant steigenden Preise für Grundnahrungsmittel besser unter die Arme greifen könnten, sagte IWF-Sprecher Masood Ahmed.

Bei den Ländern handle es sich vor allem um afrikanische Staaten wie Mali, Kamerun und Madagaskar. Die rasant steigenden Lebensmittelpreise haben von Asien über Afrika bis in die Karibik bereits zu gewaltsamen Protesten geführt. In Haiti stürzte die Regierung im Zuge der politischen Unruhen. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht, weil sich an den Gründen für die Preisexplosion vorerst nicht viel ändern dürfte.

Preisexplosion stoppen

Dazu zählen die wachsende Weltbevölkerung, der Anstieg der Lebensqualität in Schwellenländern wie China, der Trend in Industrieländern hin zu Bio-Sprit und Ernteausfälle in wichtigen Exportländern wie Australien im Zuge immer stärkerer Wetterschwankungen. Hinzu kommen außerdem Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln durch Hedge-Fonds und andere Investoren. Verschärft wird die Krise durch die Verhängung von Exportbeschränkungen wichtiger Anbauländer.

So stoppten Indien und Vietnam in den vergangenen Wochen ihre Reisausfuhren, um das Angebot im eigenen Land besser bedienen zu können und die Preisexplosion für einheimische Kunden zu stoppen. Auch Brasilien entschied sich für diesen Weg und verbot die Ausfuhr von Reis, der kurz danach an der Termin-Börse in Chicago ein neues Rekordhoch von über 25 Dollar je Zentner erreichte.