Politik
Dienstag, 22. Dezember 2009

Demjanjuk-Prozess fortgesetzt: "Ich bin hier für meine Eltern"

Der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk geht mit Aussagen von Holocaust-Überlebenden weiter. Die Opfer des Rassenwahns sollen so eine Stimme bekommen.

Der Gerichtssaal im Überblick: links Demjanjuk.
Der Gerichtssaal im Überblick: links Demjanjuk.

Mit der Anhörung von Holocaust-Überlebenden ist der Münchner Strafprozess gegen den mutmaßlichen NS- Verbrecher John Demjanjuk fortgesetzt worden. Der 89 Jahre alte gebürtige Ukrainer ist angeklagt, im Zweiten Weltkrieg bei der Ermordung von 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor geholfen zu haben. Der 88-jährige Nebenkläger Jules Schelvis aus den Niederlanden berichtete vor dem Münchner Landgericht, dass er in Sobibor 18 Angehörige verloren habe, darunter auch seine 22 Jahre alte Ehefrau und seine Schwiegereltern. Mehr als 20 andere Verwandte seien im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden. Schelvis hat den Holocaust überlebt und ein Buch über die Verbrechen von Sobibor geschrieben.

Bereits am Montag waren zahlreiche Nebenkläger vor allem aus den Niederlanden angehört worden, die in dem Vernichtungslager der Nationalsozialisten im besetzten Polen viele Angehörige verloren hatten. Demjanjuk war als Soldat der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und soll sich dann zur Zusammenarbeit mit den Deutschen entschieden haben. Er soll geholfen haben, die zum großen Teil aus den Niederlanden stammenden Juden in die Gaskammern von Sobibor zu treiben. Cornelius Nestler, einer der Anwälte der Nebenkläger, hob die Bedeutung von deren Berichten hervor: Die Opfer von Sobibor bekämen durch ihre Kinder ein Stimme, sagte der Rechtsanwalt.

Angeblich zum Arbeitsdienst

Der 67 Jahre alte Nebenkläger Rudi Westerveld überlebte den Holocaust nach eigenen Worten nur, weil die Eltern ihn - im Alter von nur fünf Monaten - noch rechtzeitig bei einem befreundeten Ehepaar unterbrachten, als sie selbst angeblich zum Arbeitsdienst nach Polen einberufen wurden. Nur zwei Wochen später seien seine Mutter und sein Vater in Sobibor ermordet worden. Erst nach dem Krieg habe er erfahren, dass die vermeintlichen Eltern nur Pflegeeltern und die wirklichen Eltern tot waren. Er selbst habe in späteren Jahren einen Sohn verloren, sagte der 67-Jährige unter Tränen. Deshalb könne er nachfühlen, was seine Eltern bei der Weggabe ihres Sohnes empfunden haben müssen.

Auch sein Großvater und die Geschwister des Vaters seien in Sobibor ermordet worden, sagte Westerveld. Von seiner Familie mütterlicherseits habe er ein altes Foto mit 51 Verwandten, davon seien 30 von den Nazis ermordet worden. Der 69 Jahre alte Robert Fransmann sagte: "Ich bin als Nebenkläger hier für meine Eltern." Auch sie waren in Sobibor ermordet worden. Er selbst war als kleiner Junge vom früheren Dienstmädchen der Eltern aufgenommen und auf einem niederländischen Bauernhof versteckt worden, dadurch überlebte er den Holocaust.

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Quelle: n-tv.de

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