Montag, 12. April 2010
"Meine erfolgreiche Rache": Israel erinnert an die Opfer
Ulrich W. Sahm
Fast 65 Jahre nach Kriegsende gedenkt Israel der Opfer des Holocaust. Indes macht der erbärmliche Zustand der 80.000 noch lebenden Zeitzeugen Schlagzeilen. Antisemitismus-Forschungsinstitute registrieren einen starken Anstieg der antisemitischen Gewalttaten weltweit.Mit zwei Schweigeminuten hat Israel am Holocaust-Gedenktag der sechs Millionen während der NS-Zeit ermordeten Juden gedacht. Um 10.00 Uhr Ortszeit heulten landesweit die Sirenen, der Verkehr kam zum Erliegen. Autofahrer verließen ihre Fahrzeuge, auf den Straßen und bei der Arbeit verharrten Menschen in stiller Andacht.
Netanjahu bei der Gedenkveranstaltung in Jad Vaschem.
(Foto: AP)
Bereits am Sonntagabend entzündeten sechs achtzigjährige Holocaust-Überlebenden auf dem "Platz des Aufstandes im Warschauer Ghetto" in Jad Vaschem im Beisein der Staatsspitze sechs Fackeln. Die symbolisierten die sechs Millionen ermordeten Juden in der Nazizeit. Auf einer Leinwand wurden Filmaufnahmen gezeigt von Überlebenden, die in wenigen und einprägsamen Worten ihr Schicksal erzählten. Einer von ihnen berichtete, wie er unter tausenden Toten seinen kurz zuvor erschossenen Vater entdeckte, mit einem Zettel in der geschlossenen Faust. "Sagt meinem Sohn, falls er lebt, dass er meinen Tod rächen soll", stand da auf Jiddisch, dem fast ausgestorbenen Mittelhochdeutsch der europäischen Juden. "Ich habe die Nazis besiegt. Dies ist meine erfolgreiche Rache", sagte der Holocaust-Überlebende, der umgeben von Kindern, Enkeln und Urenkeln in dem Film zu sehen war. Ein anderer Überlebender stellt seinen Enkel in israelischer Soldatenuniform vor: "Niemals wieder wird sich das jüdische Volk wehrlos abschlachten lassen."
Das gleiche Motiv schnitt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in seiner Rede an. Der israelische Premierminister wies darauf hin, dass Israel der einzige Staat sei, dessen pure Existenz mit täglichen Drohungen in Frage gestellt werde. Speziell Iran arbeite daran, "erneut sechs Millionen Juden zu ermorden. Aber Israel weiß sich zu verteidigen." Zuvor hatte Netanjahu überraschend seine Teilnahme an einem Atom-Gipfel in Washington abgesagt, weil nach israelischen Regierungsangaben eine Reihe von Ländern die Gelegenheit für eine anti-israelische Kampagne während des Gipfels nutzen wolle. Namentlich genannt wurden arabische Länder wie Ägypten und die Türkei. Diese wollen auf Israel Druck ausüben, dem Atomsperrvertrag beizutreten und sein Atomprogramm offen zu legen. Die israelische Delegation wird nun Vize-Ministerpräsident Dan Meridor, zuständig für den Geheimdienst, anführen. Seit Jahrzehnten hat Israel einen Besitz von Atomwaffen weder dementiert noch bestätigt.
Mehr antisemitische Gewalttaten
Der in Polen geborene, 88-jährige Holocaust-Überlebende Mordechai Fox.
(Foto: REUTERS)
Derweil registrierten Antisemitismus-Forschungsinstitute in Israel im Jahr2009 doppelt so viele antisemitische Gewalttaten wie im Jahr zuvor. Unter den 1129 Prügeleien, Syngogenverbrennungen und Friedhofsschändungen wurden allein 374 Fälle in Großbritannien, 195 in Frankreich und 138 in Kanada registriert. In Österreich stieg die Zahl der Vorfälle von null auf 22. In der Ukraine, in Russland und in Deutschland gab es dagegen einen Rückgang antisemitischer Vorfälle.
In Israel macht indes der erbärmliche Zustand der 80.000 noch lebenden Zeitzeugen Schlagzeilen. In Haifa strengt der Anwalt einer 90 Jahre alten Überlebenden eine Sammelklage gegen die halbstaatliche Krankenkasse Kupat Cholim an. Seit 1967 habe Deutschland Millionenbeträge nach Israel überwiesen, um Medikamente für die gesundheitlich angeschlagenen ehemaligen Häftlinge in Konzentrations- und Vernichtungslagern zu subventionieren. Doch die Krankenkasse habe die Gelder einbehalten und die Patienten gezwungen, ihre Behandlung aus eigener Tasche zu bezahlen. Bei den offenbar unterschlagenen Geldern handelt es sich laut Medienberichten um mehr als 10 Millionen Euro pro Jahr.
Ulrich W. Sahm
Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.
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