Politik
Dienstag, 11. August 2009

Beifall im Gerichtssaal: Kriegsverbrecher verurteilt

Scheungraber nimmt das Urteil ohne äußere Regung auf.
Scheungraber nimmt das Urteil ohne äußere Regung auf.(Foto: AP)

Der ehemalige Wehrmachtsoffizier Josef Scheungraber ist wegen Mordes an zehn italienischen Zivilisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der heute 90-Jährige hatte nach Auffassung der Münchner Schwurgerichtskammer im Juni 1944 den Befehl gegeben, als Racheakt für einen Partisanenüberfall ein Haus mitsamt unschuldigen Gefangenen in die Luft zu sprengen.

Anwälte kündigen Berufung an

Die Richter folgten mit dem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Scheungrabers Anwälte kündigten Rechtsmittel an. Sie hatten Freispruch verlangt. Scheungraber hat eine Beteiligung an dem Massaker stets bestritten. Die Urteilsverkündung verfolgte er ohne sichtbare Reaktion. Auf ein letztes Wort hatte er verzichtet. Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Beifall aufgenommen.

Bürgermedaille für seine "Verdienste"

Josef Scheungraber bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker, er behauptet sogar, davon nicht einmal gewusst zu haben.
Josef Scheungraber bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker, er behauptet sogar, davon nicht einmal gewusst zu haben.(Foto: dpa)

Scheungraber, der den gesamten Prozess mürrisch verfolgt hatte,  ließ bei seinen wenigen Aussagen durchblicken, dass er sich selbst als Opfer sieht. Er habe doch so viel fürs Vaterland getan. Tatsächlich war Scheungraber ein angesehener Bürger seiner Gemeinde Ottobrunn. Dort führte er nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich seine Schreinerei, saß im Gemeinderat, war Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. 2005 verlieh ihm Ottobrunn in Anerkennung seiner Verdienste die Bürgermedaille.

Scheungraber gab den Befehl

Scheungrabers Kompanie des Gebirgspionierbataillons 818 war im Juni 1944 damit beschäftigt, eine Brücke zu reparieren. Die Soldaten gerieten in einen Partisanenhinterhalt - zwei wurden getötet, einer verwundet. Der diensthabende Kompaniechef Scheungraber habe auf Divisionsebene um Sühnemaßnahmen gebeten und dann als einziger anwesender Offizier den Befehl zur Umsetzung gegeben, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Dabei sollten männliche Personen egal welchen Alters festgenommen und getötet werden.

Demonstranten erinnern mit Namensschildern an die 14 Opfer des Massakers in Falzano di Cortona, während vor dem Schwurgericht I in München der Prozess gegen Josef Scheungraber läuft.
Demonstranten erinnern mit Namensschildern an die 14 Opfer des Massakers in Falzano di Cortona, während vor dem Schwurgericht I in München der Prozess gegen Josef Scheungraber läuft.(Foto: dpa)

Vier Männer wurden erschossen. Elf weitere Männer, unter ihnen auch Jugendliche und Männer über 60 Jahre, wurden in ein vermintes Haus in dem Ort Falzano die Cortona getrieben und in die Luft gesprengt. Nur ein 15-Jähriger überlebte. Die Opfer hätten mit dem Tod der deutschen Soldaten nichts zu tun gehabt. "Es handelte sich ausschließlich um Zivilbevölkerung, um Bauern und Bauernsöhne aus der Region, von denen nicht bekannt gewesen wäre, dass sie Kontakt zu Partisanen hatten", sagte Götzl. "Bei seinem Vorgehen kam es dem Angeklagten darauf an, seinen Hass wegen des Todes seiner Soldaten abzureagieren und sich zu rächen."

Hinterbliebene im Gerichtssaal

An der Urteilsverkündung nahmen auch Hinterbliebene der Opfer und Bewohner des betroffenen Ortes teil. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Andrea Vignini, Bürgermeister der Stadt Cortona, zu dem Falzano di Cortona gehört, nach der Urteilsverkündung. Er sei ein "Wort der Wahrheit und Gerechtigkeit".

In Italien war Scheungraber bereits 2006 in Abwesenheit verurteilt worden.
In Italien war Scheungraber bereits 2006 in Abwesenheit verurteilt worden.(Foto: dpa)

Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz sprach von einem "Meilenstein" bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen. Der Direktor des Jerusalemer Büros des Wiesenthal Centers, Efraim Zuroff, unterstrich in einer Mitteilung die Wichtigkeit derartiger Prozesse. "Das heutige Urteil bestärkt die Sichtweise, dass der zeitliche Abstand zur Tat in keiner Weise die Schuld der Täter vermindert und dass das hohe Alter nicht dem rechtlichen Schutz der Mörder dienen darf." In Italien war Scheungraber schon 2006 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Als deutscher Staatsbürger wurde er zur Strafvollstreckung aber nicht ausgeliefert.

Im Herbst weitere Kriegsverbrecher-Prozesse

Im Herbst stehen in Deutschland zwei weitere Prozesse wegen Nazi-Verbrechen an. In Aachen soll im Oktober das Verfahren gegen einen 88-jährigen ehemaligen SS-Standartenführer wegen Mordes an drei Niederländern beginnen. In München soll der mutmaßliche Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden vor Gericht gestellt werden.

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Quelle: n-tv.de

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