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TV-Interview zur Flüchtlingskrise: Merkel baut an etwas Großem

Von Nora Schareika

Bundeskanzlerin Merkel kann nicht zurück. Sie will es auch nicht. Bei ihrem Auftritt im ZDF wirkt sie, als hätte sie jetzt alles zuende gedacht. Sie sieht eine große Aufgabe und die soll geschafft werden. Triviales wie Zoff mit Ministern ist dabei Nebensache.

Ein so überraschend-anderer Auftritt wie vor wenigen Wochen in der Talkshow von Anne Will ist das Interview der Kanzlerin nicht. Aber wie soll es das auch? Gerade fünf Wochen sind vergangen, seit die Bundeskanzlerin in der ARD erklärt hat, warum sie ihre Flüchtlingspolitik richtig findet. Sie kann ja nun nichts völlig anderes sagen. Heute ist das ZDF dran und bemerkenswert an dem Auftritt ist zunächst die relativ kurze Zeit, die seit neulich verstrichen ist. Merkel erklärt also noch einmal, wie und warum "wir" "das" schaffen werden.

Angela Merkel gibt das zweite Interview in fünf Wochen: Dieses Mal mit Bettina Schausten und Peter Frey.
Angela Merkel gibt das zweite Interview in fünf Wochen: Dieses Mal mit Bettina Schausten und Peter Frey.(Foto: dpa)

"Was nun, Frau Merkel?" heißt die Sendung, und das fragen mit Bettina Schausten und Peter Frey gleich zwei Hauptstadtjournalisten. Also doppelter Druck für Merkel vor der Kamera? Die CDU-Chefin wirkt ruhig und vorbereitet. Kein rotes Ohr überstrahlt ihren Blazer, ihre Mimik verrät dieses Mal weniger. Womöglich ist sie sich ihrer Sache inzwischen sicherer als noch Anfang Oktober, womöglich hat die gründliche Nachdenkerin zuende gedacht. "Absolut ja, ja, natürlich", rutscht ihr als Nachsatz heraus, um zu bekräftigen, dass sie weiterhin Kanzlerin der Willkommenskultur (den Ausdruck nennt sie aber "nicht meine Formulierung") festhalten will. Sie habe einen Plan und das hier sei ja eine gute Gelegenheit, "dass ich das kann, den Plan präsentieren".

Zu den denkwürdigen Sätzen des Abends gehört nicht der, der schon vor Ausstrahlung des Interviews auf vielen Nachrichtenseiten zu lesen ist: "Die Bundeskanzlerin hat die Lage im Griff", hat Merkel gleich zu Anfang gesagt. Der Satz ist natürlich wie geschaffen für Schlagzeilen, wurde aber genau deshalb mit der gleichlautenden Frage provoziert: "Hat die Bundeskanzlerin die Lage im Griff", stiegen die Journalisten ein.

Richtlinienkompetenz steht nicht infrage

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Merkel hat ein Argumentationspaket dabei, das sie gleich mehrfach in der Sendung entschnürt. Um es gleich zu sagen: Dabei kommt nichts zum Vorschein, was man nicht schon gehört hätte. Fluchtursachen bekämpfen, EU-Außengrenzen schützen, Menschen in Not helfen, mit der Türkei reden, mit Afrika reden, in Deutschland ordnen und steuern - kurz: an allen Fronten parallel arbeiten -, das ist der Ansatz der Angela Merkel. Sie betont, wie viel in den vergangenen Wochen "auf den Weg gebracht" worden sei. Es gebe noch "einzelne Dinge", wo man nachsteuern müsse, ja. Aber im großen und Ganzen "sind wir genau auf dem Weg, den ich mir auch gerade für Deutschland jetzt wünsche", sagt Merkel.

Über die gerne zu Querschießern stilisierten Minister ihrer Fraktion - Thomas de Maizière und Wolfgang Schäuble - sowie CSU-Chef Horst Seehofer verliert Merkel so viele Worte wie nötig, um das Thema hinter sich zu bringen. Dabei nutzt sie die Gelegenheit, ihre Entscheidungsmacht zu betonen. Wenn de Maizière innerhalb seines Ressorts Entscheidungen treffe, stelle das nicht ihre Richtlinienkompetenz infrage. "Die Ressortzuständigkeit bewegt sich innerhalb der Richtlinienkompetenz", sagt sie nur und überhaupt: "Interne Gespräche gehören nicht ins Fernsehen." An die Adresse der CSU geht wohl ihre Äußerung, sie könne nicht einseitig eine Obergrenze festlegen. Und zur Lawinenäußerung ihres Finanzministers Schäuble ist Merkel so gut wie nichts zu entlocken. "In solchen Bildern denke ich nicht."

Helfen um einer besseren Welt willen

Stark ist Merkel da, wo sie sich vermeintlich eine Blöße gibt. Zur Entscheidung der Grenzöffnung im September sagt sie, die sei mit Verstand und "ein bisschen Herz" getroffen worden. Eher abseits der Fragen der Journalisten skizziert Merkel ihr vielleicht neues, vielleicht auch zu spät entwickeltes Verständnis von der Welt, ihren Krisen und der Rolle eines reichen Kontinents wie Europa und Deutschlands darin. Es gehöre "zu unserem Selbstverständnis", dass Europa sich mit seinen 500 Millionen Einwohnern beteilige - und meint damit, einen Teil der 60 Millionen Flüchtlinge weltweit aufzunehmen. Da schlummert auch ihre größte Enttäuschung: Dass es in der EU so schwierig sein würde, sich auf eine Verteilung zu einigen, beschäftigt sie offensichtlich sehr.

Bei so vielen Flüchtlingen auf der Welt sei es doch selbstverständlich, dass "diejenigen, die in Demokratien leben", hülfen. Ja, Merkel sagt sogar, dass diese Hilfe auf ganz lange Sicht die Welt besser machen könnte, wenn ebendiese Flüchtlinge sie nur erfahren. "Wir können an den Grenzen Europas nicht aufhören, uns zu interessieren", sagt sie. Keiner in Europa könne so tun, als ob er mit dem Syrienkrieg, "einem riesigen dramatischen Bürgerkrieg", nichts zu tun hätte. Von Opfern aufseiten der Helfenden will sie dagegen nichts hören, womit sie sich unmittelbar angreifbar macht. "Das Denken in Opfern finde ich falsch." Es könne doch eine Bereicherung sein, neue Erfahrungen bringen. "Wenn wir das gut machen, wird die Demokratie (in der Welt) mehr Akzeptanz bekommen", sagt sie.

Das alles klingt, als ob eine Kanzlerin in der zweiten Hälfte ihrer dritten Amtszeit an einem größeren Vermächtnis baue. Etwas, das nicht so popelig ist wie Mindestlohn oder Rentenpolitik. Halb zieht es sie, halb sinkt sie hin zu einem mächtigen, auch unheimlichen Ding. Sie will die Flüchtlingskrise des 21. Jahrhunderts, die doch bislang nur Ohnmacht ausgelöst hat, zu ihrem Projekt machen und lösen. Man könnte es wahnsinnig, riskant, verrückt nennen. "Eine der größten Herausforderungen, bestimmt eine der größten nach der deutschen Einheit", nennt sie es. Die Probleme der 'kleinen Leute' in Deutschland, beteuert sie, habe sie nie vergessen. Aber die Weltprobleme sind größere. "Es geht darum, dass ich in der Tat kämpfe", sagt sie am Ende. Und dann kommt er wieder, der umstrittendste Satz des Jahres: "Ich glaube, dass wir das schaffen werden."

Quelle: n-tv.de

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