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Umweltschützer fordern an der Fassade der Berliner Akademie der Künste: "Übernehmt Führung, um das Klima zu retten - Ja, Ihr schafft das."
Umweltschützer fordern an der Fassade der Berliner Akademie der Künste: "Übernehmt Führung, um das Klima zu retten - Ja, Ihr schafft das."(Foto: REUTERS)
Sonntag, 03. Juli 2011

Klimawandel macht vor keinem halt: Merkel wirbt bei USA und China

Der Fortschritt im Klimaschutz "ist bisher eher eine Schnecke". Diese Einschätzung trifft Bundeskanzlerin Merkel, die 2007 noch den Ruf einer "Klimakanzerin" hatte. Seither hat sich kaum etwas bewegt. Ihren Worten vor Experten aus 35 Ländern zufolge wollen Deutschland und die EU "mutig vorangehen", um eine weltweite rechtsverbindliche Charta zu vereinbaren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürchtet ohne stärkere Klimaschutzverpflichtungen eine Erderwärmung um weit mehr als zwei Grad. "Man muss zur Kenntnis nehmen, dass das, was jetzt auf dem Tisch liegt, nicht ausreicht", sagte Merkel in Berlin beim zweiten Petersberger Klimadialog, an dem bis Montag Vertreter von rund 35 Staaten teilnehmen. Die freiwilligen CO2-Minderungsziele seien zu wenig. Deutschland und die EU würden als Nachfolge für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll eine einzige rechtsverbindliche Vereinbarung anstreben. "Wir sind entschlossen, mutig voranzugehen."

Merkel im Grönland-Eis: Die Aufnahmen von 2007 wurden zum Symbol für die "Klimakanzlerin". Danach wurde es merklich ruhiger um sie; nichts geschah.
Merkel im Grönland-Eis: Die Aufnahmen von 2007 wurden zum Symbol für die "Klimakanzlerin". Danach wurde es merklich ruhiger um sie; nichts geschah.(Foto: dpa)

Trotz aller anderen Probleme dürfe es beim Klimaschutz keine Pause geben, mahnte die Kanzlerin. Die klimaschädlichen Emissionen würden sich weiter sehr besorgniserregend entwickeln. "Der Fortschritt ist bisher eher eine Schnecke." Es müsse klar werden, wie es nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls weitergehe. Dieses schließt Klimasünder wie die USA bisher nicht ein. Daher kommt einem umfassenderen Abkommen die entscheidende Rolle im Kampf gegen die Erderwärmung zu. Merkel betonte: "Nicht handeln kommt uns mit Sicherheit teurer."

Extremwetterereignisse und steigende Meeresspiegel deuteten auf Phänomene hin, die man sehr ernst nehmen müsse. Merkel forderte, den Klimaschutz auf UN-Ebene durch eine Aufwertung des Umweltprogramms stärker zu institutionalisieren. Neben aktuellen Herausforderungen wie der Schuldenkrise gelte es, Themen langfristig im Blick zu halten. "Der Klimawandel kennt keine Grenzen. Er betrifft jedes Land", unterstrich die Kanzlerin. Mit dem Dialog soll der UN-Klimagipfel Ende des Jahres im südafrikanischen Durban vorbereitet werden.

2011 unternimmt Merkel mit dem Peterberger Dialog einen neuen Versuch, etwas zu bewegen.
2011 unternimmt Merkel mit dem Peterberger Dialog einen neuen Versuch, etwas zu bewegen.(Foto: REUTERS)

Es gebe keine Alternative zu einem weltweiten verbindlichen Klimaschutzabkommen, sagte Merkel zu den Teilnehmern, darunter die größten Klimasünder China und USA. Natürlich stünden vor allem die Industrieländer in der Verantwortung. Aber angesichts des rasanten Wachstums in Schwellenländern sei ohne deren Hilfe eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad nicht zu erreichen. "Auch die Schwellenländer müssen einen Beitrag bringen." Deutschland, das seit Monatsbeginn den UN-Sicherheitsrat führt, habe die Risiken durch Klimawandel auch auf die Tagesordnung des Sicherheitsrats gesetzt.

Röttgen warnt vor Instabilität der Weltordnung

Bundesumweltminister Norbert Röttgen betonte, ein wirksamer Klimaschutz sei "entscheidend für die Stabilität der internationalen Ordnung". Der CDU-Politiker schrieb in einem Beitrag für die "FAZ", es sei längst klar, wie die Folgen aussähen, wenn man den Klimawandel bei steigender Weltbevölkerung nicht in den Griff bekomme: "Vor uns steht dann eine Welt der durch Hunger und Armut ausgelösten Flüchtlingsströme, eine Welt wachsender politischer Extremismen, eine Welt der globalen, aber auch lokalen Instabilitäten und Unsicherheiten."

Es müsse "ein System des fairen Interessenausgleichs für globalen Klimaschutz" geschaffen werden, schrieb Röttgen weiter. "Ein solches System muss sich klare, ambitionierte, aber auch erreichbare Ziele und einen verbindlichen Rechtsrahmen setzen, der Planungsgrundlagen für Staaten und Unternehmen schafft, der Transparenz und Vertrauen erzeugt, damit die Zusagen auch eingehalten werden."

Meeresspiegel mehrere Meter höher

Der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung warnt.
Der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung warnt.(Foto: dpa)

Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber warnte vor einer Erderwärmung um bis zu sechs Grad, sollte sich bis 2020 nichts Entscheidendes beim Klimaschutz tun. "Wenn wir nüchtern analysieren, was nach dem Klimagipfel in Kopenhagen an nationalen Maßnahmen versprochen wurde, dann kommen wir bis 2100 auf drei bis vier Grad", sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. "Aber die Erwärmung würde danach nicht aufhören. Nach unseren Szenarien sind wir auf einem Kurs, der bis 2300 auf sechs Grad Erderwärmung oder mehr führen kann. Das wäre eine völlig andere Welt - beispielsweise würde der Meeresspiegel langfristig um viele Meter steigen."

Das Zwei-Grad-Ziel sei noch erreichbar, sagte der Wissenschaftler. "Aber dann müsste in diesem Jahrzehnt viel geschehen. Der Scheitelpunkt der Treibhausgas-Emissionen müsste weltweit bis 2020 überschritten werden. Das erscheint außerordentlich schwierig." Später könnte man das Klimasystem nur noch mit enormen Anstrengungen stabilisieren.

Grüne: Bund bremst bei Klimaschutz

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hielt der Bundesregierung Versäumnisse beim Klimaschutz vor: "Die Klimaziele der Kanzlerin sind nicht anspruchsvoll, sondern laufen der realen Entwicklung hinterher", sagte er am Samstag laut Mitteilung. So peile zum Beispiel die Branche der Erneuerbaren Energien für 2020 deutlich über 40 Prozent erneuerbaren Strom an, während die Bundesregierung sich mit 35 Prozent begnügen wolle. "Aus dem Vorreiter Deutschland ist beim Klimaschutz ein Bremser geworden."

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte, vom "Petersberger Dialog" müsse "endlich ein starker Impuls für eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls in Richtung UN-Klimaverhandlungen in Durban ausgehen".

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Quelle: n-tv.de

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