Politik

Bildungsökonom kritisiert Lehrerausbildung"Nur Wettbewerb bringt Veränderung"

28.06.2011, 13:15 Uhr
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Längeres gemeinsames Lernen ist in vielen Bundesländern längst Realität. (Foto: dpa)

Behutsam nimmt die CDU Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem mitsamt der Hauptschule. Doch wirkliche Veränderungen hängen nicht so sehr an der Struktur, sondern am fehlenden Wettbewerb unter den Schulen, meint Bildungsökonom Ludger Wößmann im Gespräch mit n-tv.de.

Behutsam nimmt die CDU mitsamt der Hauptschule. Doch wirkliche Veränderungen hängen nicht so sehr an der Struktur, sondern am fehlenden Wettbewerb unter den Schulen, meint Bildungsökonom Ludger Wößmann im Gespräch mit n-tv.de. Und da ist der Staat in der Pflicht.

n-tv.de: Was bringt die Abschaffung der Hauptschule?

Ludger Wößmann: Der Schritt ist die konsequente Fortführung dessen, was in den meisten Bundesländern sowieso schon Realität ist. Wir hatten ja eine große Vielfalt der verschiedenen Schulformen, mindestens drei, aber häufig auch vier oder mehr. Aus der Erkenntnis, dass das relativ unübersichtlich ist und in der Fläche auch kaum durchzuhalten, hat sich ja vielerorts schon ein de facto zweigliedriges Schulsystem herausgebildet. Wir bekommen so wieder mehr Klarheit, aber auch mehr Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern.

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Über den Schulerfolg entscheidet ein Mix verschiedener Faktoren. (Foto: dpa)

Warum bleibt das Gymnasium unangetastet?

Das Gymnasium ist sehr beliebt, die Schüler haben meist gute Leistungen. Wenn man da politisch rangeht, gibt es erheblichen Widerstand aus der Bevölkerung. Das haben wir zuletzt in Hamburg gesehen, wo es schon Proteste aus dem Bildungsbürgertum gegen den relativ kleinen Schritt gegeben hat, mit dem Gymnasium erst nach der 6. Klasse zu beginnen.

Sie plädieren seit langem für mehr Wettbewerb unter den Schulen. Wie könnte der aussehen?

Der wichtigste Punkt ist, dass wir dahin kommen, verschiedene Schulträger zu haben. Dazu wäre es wichtig, dass Schulen in nichtstaatlicher Trägerschaft die gleiche finanzielle Förderung bekommen und dafür keine Schulgebühren erheben dürfen. Dann hätte ich zwei oder drei Schulen in meiner Nähe, zwischen denen ich wählen könnte. Das bringt die Schulen in eine fruchtbare Konkurrenz untereinander.

Bisher hat die fruchtbare Konkurrenz untereinander ein Ende, wenn viele Eltern ihre Kinder an einer Schule anmelden und andere Schulen leer ausgehen. Dann entscheidet das Los und die schlechte Schule bekommt auch ihre Schüler.

Wenn man diese Idee weiterdenkt, muss man natürlich auch zulassen, dass die beliebten Schulen wachsen dürfen. Das heißt dann eben auch, dass die nicht beliebten Schulen Schüler verlieren würden. Das ist ja genau der erhoffte Wettbewerbseffekt, dass die Schule, die vielleicht gerade nicht einen so guten Ruf hat, merkt: Wir schrumpfen. Daraus entsteht der Anreiz, sich zu überlegen: Was können wir ändern?

Damit sind wir schon bei den Lehrern, an deren Ausbildung sich nur wenig ändert. Was müsste da geschehen?

Die Strukturveränderungen allein werden in der Tat nicht zu einer wesentlichen Verbesserung unseres Schulsystems führen. Es ist dennoch ein richtiger Schritt. Entscheidend aber ist die Qualität der Lehrer. Im Lehramtsstudium müssen tatsächlich die Fähigkeiten vermittelt werden, die Lehrer im Unterricht brauchen. Es wird noch immer kaum daran gerüttelt, dass Lehrer zunächst ganz viel Theorie haben. Erst dann kommt, von einigen wenigen Schulpraktika abgesehen, das Referendariat, in dem die Lehrer dann den "Praxisschock" bekommen. Theorie und Praxis müssten viel stärker verzahnt werden. Das scheitert an dem Zuständigkeitswirrwarr. Wir müssen außerdem überlegen, wie wir den Lehrerberuf insgesamt interessanter für die Besten eines Jahrgangs machen können. Diejenigen, die Gymnasiallehrer werden wollen, sind schon eine gute Auswahl, aber alle anderen Schularten sind wenig attraktiv. Das liegt zum einen an mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten. Es liegt aber auch daran, dass Lehrer, die sehr engagierten und innovativen Unterricht machen, genauso bezahlt werden, wie die, die Dienst nach Vorschrift machen. Da muss man überlegen, wie wir Leistungen besser wertschätzen können.

Was bringen in diesem Zusammenhang internationale Schulvergleiche?

Es reicht nicht, bei diesen Vergleichen auf einen Teilaspekt zu schauen und sich einzelne Vergleichsländer herauszupicken. Seit den ersten PISA-Tests gibt es sehr viel Forschung darüber, welche der Zusammenhänge systematisch sind und was Besonderheiten einzelner Länder. Wenn ein Land Erfolge mit längerem gemeinsamem Lernen hat, dann muss man schauen, ob das bei anderen Ländern, die länger gemeinsam lernen, auch so ist. Dazu muss man möglichst viele Länder in die Analyse einbeziehen und daraus wissenschaftliche Schlüsse ziehen.

Welche Tendenzen sind denn jetzt schon deutlich?

Wir sehen, dass Länder mit Schulsystemen mit mehr Wettbewerb systematisch besser abschneiden. Zentrale Abschlussprüfungen sind sehr wichtig. Mehr Autonomie der Schulen ist wichtig, auch in dem Sinn, dass sie ihre Lehrer selbst aussuchen können. Hingegen sehen wir, dass weder das frühe Aufteilen wie in Deutschland noch das spätere im Durchschnitt wesentlich bessere Leistungen bringt. Die Mehrgliedrigkeit wirkt sich aber erheblich in dem Sinn aus, dass sie die Chancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten verschlechtert. Die frühe Selektion geht auf Kosten der Gerechtigkeit im Schulsystem. Insofern haben Kinder vielleicht in Zukunft etwas bessere Möglichkeiten, ihr Potenzial voll zu entfalten.

Mit Ludger Wößmann sprach Solveig Bach.