Der Kardinal und die KunstOhne Gott "entartet"
"Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat", sagt NRW-Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff.
Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner hat mit einer Äußerung über "entartete" Kultur für Empörung gesorgt. "Entartete Kunst" ist ein Begriff der Nationalsozialisten. Am Freitag hatte Meisner in einer Predigt gesagt, dass bei einer Trennung von Kunst und Gottesverehrung Kultur "entarte".
"Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat", sagte der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Grosse-Brockhoff wies darauf hin, dass der Begriff "entartete Kunst" für eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte und einen katastrophalen Umgang mit Kunst und Kultur stehe. Bereits Meisners Äußerungen zu einem neuen Fenster im Kölner Dom hätten bewiesen, dass es wenig Sinn mache, mit ihm über Kunst zu diskutieren. "Und das sage ich nicht nur als Kulturstaatssekretär, sondern auch als Katholik."
Meisner hatte die Predigt am Freitag im Rahmen der Eröffnung des Kunstmuseums Kolumba des Erzbistums Köln gehalten. Er sagte dabei: "Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."
Im Domradio rechtfertigte Meisner später seinen Sprachgebrauch: "Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage", sagte er.
"Meisner schürt ein gefährliches Feuer"
Auch der ehemalige Landeskulturminister Michael Vesper zeigte sich erschrocken darüber, dass der Begriff "entartet" noch verwendet werde. "Ich dachte, dass das in Deutschland Geschichte sei", sagte er dem Kölner "Express". Kunst sei frei und dürfe von niemandem vereinnahmt werden. "Wer wie Kardinal Meisner bereit ist, Kunst, die nicht in die eigene Denkschublade passt, auszusortieren, sie an den Pranger zu stellen, der schürt ein gefährliches Feuer."
Ähnlich äußerte sich der Kölner CDU-Kulturpolitiker Lothar Theodor Lemper: Der Begriff "entartet" sollte im Sprachgebrauch tabu sein. "Zudem erwächst Kultur nicht nur aus Gottesverehrung. Den Absolutismus, den Kardinal Meisner hier predigt, halte ich für falsch und unangebracht", sagte Lemper dem "Express".
Als "Entartete Kunst" galt in der Nazizeit praktisch die gesamte Moderne. Dies betraf unter anderem Werke von Expressionisten. 1937 wurde in München die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet. Sie zeigte 650 beschlagnahmte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen.
Der Neubau des Kolumba-Museums wurde im Jahr 2003 auf dem Gelände der Kirchenruine von St. Kolumba in der Kölner Innenstadt begonnen. Das Haus ist ab diesem Wochenende der Öffentlichkeit zugänglich. Der Bau wurde vom Schweizer Architekten Peter Zumthor entworfen.