Politik

Rekordausgaben für ArzneimittelSchmidt weiter sparwillig

23.09.2008, 17:44 Uhr

Die Krankenkassen könnten nach Expertenansicht rund 5,6 Milliarden Euro bei Arzneimitteln ohne Qualitätseinbußen einsparen.

Bei Arzneimitteln steuern die Krankenkassen trotz Sparmöglichkeiten auf einen neuen Ausgabenrekord zum Start des Gesundheitsfonds zu. Die Kosten dürften 2009 wegen neuer, teurer Medikamente um 6,6 Prozent steigen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) rechnet mit zwei Milliarden Euro mehr zulasten der Beitragszahler. Bei der Vorstellung des Arzneiverordnungs-Report 2008 kritisierte Schmidt in Berlin eine zu langsame Umsetzung jüngster Reformen und zeigte Sympathie für weitere Spargesetze.

Als Erfolg gegen den Kostenanstieg listet der Report für 2007 Preissenkungen von 5,1 Prozent bei Nachahmer-Mitteln (Generika) auf. Trotz ihres verstärkten Einsatzes gab es deshalb Einsparungen. Dagegen verordneten die Ärzte mehr teure, relativ neue Mittel. "Die patentgeschützten Arzneimittel sind in Deutschland besonders teuer", erläuterte der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe. Als "Herausforderung für die Zukunft" stellte Mitherausgeber Dieter Paffrath Spezialmittel etwa gegen Krebs oder AIDS heraus, die den Herstellern im vergangenen Jahr 6 Milliarden Euro Umsatz bescherten.

Die Steigerungsraten bei Arzneimitteln insgesamt betrugen 2007 6,7 Prozent auf knapp 28 Milliarden Euro und im ersten Halbjahr 2008 5,7 Prozent. Die Krankenkassen könnten nach Ansicht von Schwabe 3 bis 5,6 Milliarden Euro bei Medikamenten ohne Qualitätseinbußen im Jahr einsparen. In Deutschland seien die Preise oft viel höher als in England, Schweden oder anderen Ländern.

Heikle neue Mittel

Schmidt schloss sich Forderungen der Forscher gegen als überhöht geltende Preise neuer Mittel an. So sei eine Rückzahlungspflicht zu überlegen. Diese könnte die Hersteller treffen, wenn einige Zeit nach der Markteinführung eines neuen Mittels der tatsächliche Nutzen bewertet und dabei festgestellt wird, dass das Mittel zu teuer war. AOK-Chef Hans Jürgen Ahrens mahnte, bis zu einer Rückzahlung dürfe es nicht Jahre dauern. Ein entsprechendes Gesetz sei bislang nicht in Planung, sagte Schmidt.

Stattdessen forderte die Ministerin Ärzte, Kassen und Kliniken auf, mit der Umsetzung jüngster Reformschritte eine Umkehr des Kostenanstiegs zu schaffen. So sei eine Bewertung des tatsächlichen Nutzens neuer Mittel parallel zu den Kosten zentral. Hier gibt es bislang nur Pilotversuche. Auch das Einholen einer Zweitmeinung bei der Verschreibung teurer Spezialmedikamente müsse von der Selbstverwaltung mit "mehr Dynamik" auf den Weg gebracht werden, forderte Schmidt. Hier herrschen im zuständigen Bundesausschuss Unstimmigkeiten.

Steigende Beiträge fast sicher

Mit den jüngsten Zahlen zeichnet sich rund drei Monate vor dem Start des Gesundheitsfonds die Erhöhung der Kassenbeiträge immer genauer ab. Anfang Oktober unterbreiten die Schätzer der Regierung einen Vorschlag über Einnahmen und Ausgaben der Kassen 2009. Zu den zwei Milliarden Euro mehr für Arznei kommen wohl rund drei Milliarden mehr für die Kliniken und 2,7 Milliarden für die Kassenärzte. Dagegen gerechnet werden Mehreinnahmen der Kassen aufgrund der Lohnentwicklung. Ahrens erneuerte seine Prognose eines Einheitssatzes von bis zu 15,8 Prozent. Der Durchschnittssatz liegt heute bei 14,92 Prozent inklusive Sonderbeitrags von 0,9 Prozent der Versicherten.