Interview mit einem Exil-Uiguren"Sie jagen und sie töten uns"
"Viele Han-Chinesen glauben, sie haben das Recht, Uiguren anzugreifen und zu töten", sagt Ümit Hamit vom Weltkongress der Uiguren. "Sie gehen in Wohnungen und töten wahllos Uiguren."
Die Uiguren sind von der chinesischen Regierung zur "Minderheit im eigenen Land" gemacht worden, sagt Ümit Hamit. Die chinesische Propaganda habe dazu geführt, dass mittlerweile auch normale Chinesen "einen Generalverdacht gegen Uiguren und andere Minderheiten" hegten. "Viele Han-Chinesen glauben, sie haben das Recht, Uiguren anzugreifen und zu töten". Ümit Hamit ist Vorstandsmitglied im Weltkongress der Uiguren. Er kam 1969 in Ürümqi zur Welt und lebt seit 1995 in München. Der Weltkongress ist ein Zusammenschluss uigurischer Exil-Gruppen.
n-tv.de: Wie ist die Situation derzeit in der Provinz Xinjiang?
Ümit Hamit: Die Situation in Ost-Turkestan ist sehr schlecht. In vielen Städten gibt es noch Aufstände, beispielsweise in Hotan, Ghulja, Karamay, Korla. Von dort bekommen wir überhaupt keine Nachrichten, dort wurden Ausgangssperren verhängt, die Menschen dürfen nur zu bestimmten Zeiten ihre Wohnungen verlassen. Soweit ich weiß, sind in Ghulja junge Menschen nach einer Hochzeit auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Dabei sollen etwa 90 Menschen erschossen worden sein. Die chinesischen Bürger sammeln sich in Gruppen von 10, 20, 100 oder 1000, um Uiguren zu jagen. Sie gehen in Wohnungen und töten wahllos Uiguren.
Die Internetverbindungen sind gekappt, Ürümqi ist derzeit vom Rest der Welt abgeschnitten, sagt die Organisation Reporter ohne Grenzen. Woher beziehen Sie Ihre Informationen?
Ein paar Möglichkeiten gibt es noch, auch über das Internet. Unsere Leute schicken ihre Informationen zunächst in andere Teile der Volksrepublik China, wo einige Uiguren leben und arbeiten. Von dort bekommen wir dann die Informationen. Außerdem haben wir Kontakte zu Journalisten in China.
Bei den Unruhen haben Uiguren und Han-Chinesen offenbar regelrecht Jagd aufeinander gemacht, selbst in Deutschland ist es zu Ausschreitungen zwischen Uiguren und Chinesen gekommen, es gab Angriffe auf chinesische Touristen und Morddrohungen gegen den Uigurischen Weltkongress. Woher kommt dieser extreme Hass?
In den Herzen der Uiguren gab es diesen Hass immer nur gegen die chinesische Regierung. Trotzdem haben die Uiguren ihre Wünsche immer sehr friedlich geäußert. Aber die chinesische Zentralregierung betreibt seit Jahren eine diskriminierende und ungerechte Politik gegenüber den Uiguren. Die chinesische Zentralregierung hat ein stereotypes Bild des Uiguren geschaffen, Uiguren wurden in den staatlichen Medien als gewalttätige Menschen und Kriminelle dargestellt, als Terroristen, Separatisten und Extremisten. Das blieb bei den Han-Chinesen nicht ohne Folgen; die meisten von ihnen hegen einen Generalverdacht gegen Uiguren und andere Minderheiten. Die Diskriminierungspolitik der chinesischen Regierung sorgt dafür, dass viele Han-Chinesen glauben, sie haben das Recht, Uiguren anzugreifen und zu töten.
Ist in dieser Situation ein Dialog zwischen Uiguren und Chinesen überhaupt möglich?
Im Alltag gibt es natürlich normale Kontakte zwischen Uiguren und Chinesen. Sie arbeiten zusammen, gehen zusammen zur Schule - die uigurische Sprache ist an den Schulen ja verboten, die Kinder müssen auf Chinesisch unterrichtet werden. Seit 2003 haben die Chinesen ihre Assimilationspolitik verschärft. Für die Uiguren wird es ab jetzt sehr schwer sein, mit den Chinesen zusammenzuleben. Ich fürchte, wenn die Welt es nicht verhindert, kann es sein, dass die Uiguren als Volk vernichtet werden. Es gab immer besonders viele Todesurteile gegen Uiguren in China. Ab jetzt kämpft nicht mehr nur die chinesische Regierung gegen die Uiguren, sondern auch normale chinesische Bürger.
Sehen Sie die Gefahr eines Bürgerkriegs?
Im Moment sieht es so aus, ja. Allerdings haben die Uiguren keine Waffen. Dagegen sind unter den Chinesen, die jetzt Uiguren angreifen, chinesische Elite-Soldaten in Zivil, die von der Regierung geschickt wurden.
Wie einflussreich sind Gruppen wie die Islamische Bewegung Ostturkestan oder die Islamische Partei Turkestans?
Wir kennen diese Gruppen nicht. Es gibt sicherlich einzelne Uiguren, die sich in Afghanistan ausbilden lassen, um gegen China zu kämpfen. Das hat die chinesische Regierung zum Vorwand genommen, ein paar zehntausend Uiguren zu verhaften und 2000 hinzurichten. Sogar die Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren, Rebiya Kadeer, die sechs Jahre in China im Gefängnis gesessen hat, wird von Peking als "Terroristin" bezeichnet.
Nach Schätzungen des Uigurischen Weltkongresses sind 800 Uiguren ums Leben gekommen. Wissen Sie, wie viele Han-Chinesen getötet wurden?
Nach meinen Informationen wurden Chinesen zwar verletzt, aber nicht getötet. Auffällig war, dass das chinesische Fernsehen immer wieder dieselben Bilder von verletzten Han-Chinesen gezeigt hat.
Was muss passieren, damit es die von Peking stets beschworene "Harmonie" zwischen Uiguren und Chinesen geben kann?
Die Uiguren wünschen sich mehrheitlich einen eigenen Staat. Vor allem wünschen wir uns aber, dass die chinesische Regierung die Uiguren wie Menschen leben lässt. Die Uiguren sollten das Recht erhalten, ihre Kultur zu bewahren und ihre Sprache zu sprechen, Uiguren sollten nicht für nichts hingerichtet werden, die politischen Gefangenen sollten freigelassen werden und die chinesische Besiedelung der uigurischen Gebiete sollte gestoppt werden. Wir sind eine Minderheit im eigenen Land geworden. In unserer Heimat gibt es mittlerweile rund 20 Millionen Chinesen. 1949 waren es 210.000.
Wie viele Uiguren leben in China?
Nach offiziellen Zahlen sind es 9,2 Millionen, aber wir schätzen, dass es in China 15 Millionen Uiguren gibt. Über 70 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Die Uiguren leben in einer der reichsten Gegenden der Welt, wir haben Erdöl, Erdgas, Uran, Platin, und dennoch leben 90 Prozent der Uiguren unterhalb des Existenzminimums. Von der Ausbeutung unseres Staates profitieren nur die Chinesen.
Mit Ümit Hamit sprach Hubertus Volmer