Karsai-Vertrauter äußert sichStichwahl "wahrscheinlich"

Erstmals hat ein enger Vertrauter von Afghanistans Staatschef Karsai eine Stichwahl um das Präsidentenamt als "wahrscheinliches Szenario" bezeichnet. Unterdessen wollen am Wochenende Wahl- und Beschwerdekommission über das Ergebnis der von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl beraten.
Der afghanische Botschafter in den USA hat eine Stichwahl nach dem umstrittenen Wahlergebnis in Afghanistan als "wahrscheinliches Szenario" bezeichnet. Ein möglicher zweiter Wahlgang müsse jedoch rasch stattfinden, sagte Said Tajeb Dschawad in Washington. Der Botschafter gilt als erster Vertrauter des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, der öffentlich von dieser Möglichkeit spricht.
"Wenn dies der Fall ist, müssen alle hart arbeiten", sagte Dschawad. Eine etwaige Stichwahl zwischen Karsai und seinem schärfsten Herausforderer Abdullah Abdullah dürfe jedoch nicht allzu lange aufgeschoben werden, um Staaten wie die USA, die derzeit über eine Truppenaufstockung beraten, nicht in Schwierigkeiten zu bringen. "Anfang November ist der spätmöglichste Zeitpunkt, da es danach besonders im Norden Afghanistans zu kalt wird", sagte Dschawad. Sollte eine Stichwahl gar wegen des Winters auf den Frühling verschoben werden, werde das zu einem "Desaster und zu Verwirrungen" führen.
Auch US-Zeitungen berichteten, dass Karsai eine absolute Mehrheit verfehlt hat. Die "Washington Post" meldete, die Analyse der UN-unterstützten Beschwerdekommission (ECC) führe zu einem Abzug von Stimmen bei Karsai, der dann nur noch auf rund 47 Prozent komme. Die "New York Times" berichtete, nach dem korrigierten Ergebnis gehe man davon aus, dass Karsai nur 48 Prozent der Stimmen gewonnen habe.
Wahlbetrug eingeräumt
Die UNO hatte zwei Monate nach der Präsidentenwahl in Afghanistan am vergangenen Wochenende erstmals einen größer angelegten Wahlbetrug eingeräumt. Die Wahlen waren praktisch von Beginn an von Betrugsvorwürfen überschattet gewesen, die vor allem dem Lager Karsais zur Last gelegt wurden. Laut dem vorläufigen Ergebnis gewann Amtsinhaber Karsai die Wahl am 20. August mit 54,6 Prozent der Stimmen, Abdullah kam auf knapp 28 Prozent.
Abdullah hatte am Donnerstag in Kabul ebenfalls die Hoffnung geäußert, dass die unabhängigen Untersuchungen des Wahlergebnisses zu einer Stichwahl führen. Ein zweiter Wahlgang würde dem Prozess "Glaubwürdigkeit" verleihen. Sollte es keine Stichwahl geben, "werden diejenigen, die hinter dem Wahlbetrug stecken und ihn tolerieren, für die Konsequenzen verantwortlich sein", sagte Abdullah in Kabul.
Ergebnis am Wochenende
Der frühere Finanzminister Aschraf Ghani, der ebenfalls bei der Wahl angetreten war, sprach sich in Washington hingegen gegen eine Stichwahl zwischen Abdullah und Karsai aus. "Wenn die Legitimität in Frage gestellt wurde, ist eine Wiederholung der Wahl mit den gleichen Kandidaten problematisch", sagte er dem Sender PBS.
Nach Angaben eines US-Diplomaten ist mit einem offiziellen Ergebnis der Wahl am "Sonntag oder Montag" zu rechnen. Am Wochenende würden Wahlbeschwerdekommission (ECC) und Unabhängige Wahlkommission (IEC) das Ergebnis beraten und danach "etwas verkünden", sagte ein US-Diplomat in Washington, der nicht namentlich genannt werden wollte.
Obama zur Eile gedrängt
Unterdessen hat ein US-Veteranenverband Präsident Barack Obama zu einer zügigen Entscheidung über eine Truppenaufstockung in Afghanistan gedrängt. Die langwierige Strategieüberprüfung des Präsidenten bringe die amerikanischen Soldaten am Hindukusch in Gefahr, erklärte die Gruppe "Veterans of Foreign Wars", die 1,5 Millionen ehemalige Soldaten vertritt.
"Die Extremisten nehmen Schwäche und Unentschlossenheit in der US-Regierung wahr, was ihnen in die Hände spielt", heißt es in der Stellungnahme von Verbandschef Thomas J. Tradewell. Die zunehmende Zahl von Angriffen sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan belege dies. "Ich befürchte, dass ein ermutigter Feind nun seine Bemühungen verstärken wird, mehr US-Soldaten zu töten.