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Warten, warten, warten - Alltag für Asylbewerber in Deutschland.
Warten, warten, warten - Alltag für Asylbewerber in Deutschland.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein hausgemachtes Problem: Warum Asylbewerber warten statt arbeiten

Von Issio Ehrich

Die Mehrzahl der Deutschen will, dass Asylbewerber arbeiten. Ein großer Teil von ihnen tut das aber nicht. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind nicht in erster Linie die Flüchtlinge schuld daran, sondern das Bundesinnenministerium.

Die Welt könnte so einfach sein: Deutschland leidet immer mehr unter dem demografischen Wandel. Schon jetzt suchen die Personaler in einigen Branchen verzweifelt nach Fachkräften. Aus den Krisenherden dieser Welt kommen zugleich Tausende junge und arbeitswillige Menschen, um in der Bundesrepublik dem Schrecken ihrer Heimat zu entfliehen. Viele dieser Menschen könnten die immer größere Lücke auf dem Arbeitsmarkt füllen.

Dürfen Asylbewerber überhaupt arbeiten?

Nach dem Anwerbestopp für Gastarbeiter Anfang der 1970er Jahre erließ die damalige Bundesregierung auch ein Arbeitsverbot für Asylbewerber. Dieses gilt grundsätzlich noch, wurde aber immer weiter aufgeweicht.

Seit 1980 galt es für das erste Jahr in Deutschland. 2012 wurde diese Frist auf neun Monate gesenkt.

Seit November 2014 dürfen Asylbewerber bereits nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen. Allerdings gelten auch dann noch gewisse Regularien: Bevor ein Asylbewerber einen neuen Job beginnen kann, muss sichergestellt sein, dass kein Bewerber aus der EU ihn ausführen könnte. EU-Bürger haben Vorrang.

Leider ist die Welt nicht so einfach. Das Naheliegende geschieht nicht. Und das laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vor allem aus einem Grund, einem hausgemachten Grund: Deutschland verschleppt die Verarbeitung von Asylverfahren.

Mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen in den vergangenen Jahren stieg auch die Zahl unerledigter Verfahren. Und das unverhältnismäßig schnell. 2014 war die Zahl der neuen Asylanträge sieben Mal so hoch wie 2008. Die Zahl der unerledigten Anträge verneunfachte sich im selben Zeitraum. Mittlerweile ist ein regelrechter Antragsstau entstanden. 2014 stellten laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, 202.645 Asylbewerber erstmals einen Antrag in der Bundesrepublik. Im selben Jahr gab es aber noch 221.195 unbearbeitete Anträge.

Das hat laut der Studie heftige Auswirkung auf die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Die müssen im Schnitt mehr als sieben Monate warten, bevor sie erfahren, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Asylbewerber aus einigen Staaten müssen sich besonders lange gedulden: Leute aus Eritrea mehr als zehn Monate, Leute aus Afghanistan mehr als 16 Monate. Das ist besonders dramatisch, denn gerade Flüchtlinge aus diesen Staaten bekommen am Ende fast immer ein Bleiberecht.

Die Ungewissheit für Arbeitgeber ist zu groß

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Die lange Zeit in Ungewissheit lähmt laut der Studie die Initiative der Asylbewerber. Hinzu komme aber noch ein anderer Effekt: "Für potenzielle Arbeitgeber ist nichts planbar." Vielen sei die Unsicherheit bei der Anstellung eines Asylbewerbers zu groß. Die Folge: Obwohl ein Großteil der Asylbewerber im besten Arbeitsalter ist, hat nur die Hälfte von ihnen einen Job. Und viele von denen, die einen Job haben, verrichten Arbeiten, für die sie eigentlich zu qualifiziert sind. Dieser Zustand sei "extrem unbefriedigend", sagt Studienautor Dietrich Thränhardt.

Berechnungen von Eurostat, auf die sich die Bertelsmann-Stiftung bezieht, zeigen: Im internationalen Vergleich läuft es in Deutschland besonders schlecht. Einen ähnlichen Antragsstau gibt es unter europäischen Staaten, die viele Flüchtlinge aufnehmen, nur in Großbritannien. In allen anderen dieser Staaten ist die Zahl der unerledigten Anträge noch deutlich geringer als die Zahl der neuen Anträge. Im Musterland Norwegen liegt das Verhältnis bei eins zu drei.

Schuld ist laut der Studie eine grobe Fehlplanung des zuständigen Bundesinnenministeriums. "Deutschland hat sich selbst Probleme im Asylverfahren geschaffen", heißt es. "In den Jahren mit niedrigen Antragszahlen ist Personal abgebaut worden, jedoch hat man seit 2010 versäumt, ausreichend Neueinstellungen vorzunehmen."

2000 neue Stellen für die Prüfung der Anträge

Anfang der 1990er-Jahre, als die Zahl der Asylbewerber ähnlich hoch war, war oft davon die Rede, dass Asylbewerber Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen könnten. Davon spricht heute kaum noch jemand. Laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid befürworten derzeit 84 Prozent der Deutschen, dass Asylbewerber schnell auf den Arbeitsmarkt kommen.

Die Bundesregierung hat bereits reagiert. Im vergangenen Jahr lockerte sie das Arbeitsverbot für Asylsuchende. Sie können seither schon nach drei Monaten in Deutschland einen Job annehmen. Zudem beschloss das Innenministerium, die Zahl der Mitarbeiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge um 2000 Stellen zu erhöhen. Künftig stehen damit fast zweimal so viele Leute zur Verfügung, um Anträge von Asylbewerbern zu bearbeiten. Die neue Zielmarke: Nach spätestens drei Monaten soll ein Antrag abgearbeitet sein.

Die Autoren der Studie begrüßen diese Initiative. Sie machen allerdings auch deutlich, dass sie sehr spät kam. Ungewiss ist zudem, ob sie angesichts des beispiellosen Antragsstaus beherzt genug ausfällt.

Quelle: n-tv.de

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