Politik
Bettler in Dublin.
Bettler in Dublin.(Foto: REUTERS)

Irland ist verzweifelt: "Wir haben zu lange keine Wut gezeigt"

In Irland herrscht absolute Verzweiflung, sagt Brendan Hennessy, der für die größte Wohlfahrtsorganisation des Landes arbeitet. Zu lange hätten die Iren keine Wut gezeigt, zu oft seien korrupte Politiker mit großen Mehrheiten wiedergewählt worden. Das hat auch mit der Geschichte Irlands zu tun: In den Zeiten der britischen Herrschaft wollte man das System austricksen. Das gilt noch heute.

n-tv.de: Was ist derzeit das vorherrschende Gefühl in Irland: Angst, Niedergeschlagenheit, Hoffnung, Trotz?

Brendan Hennessy: Absolute Verzweiflung. Man fühlt sich geradezu paralysiert. Mittlerweile gibt es aber auch ein bisschen Erleichterung, weil endlich jemand kommt, der hoffentlich weiß, was er tut.

Die EU und der Internationale Währungsfonds?

Ja.

Was ist der Grund für die Verzweiflung?

Die Menschen hatten bisher keine Gelegenheit, ihre Wut auszudrücken. Seit etwa eineinhalb Jahren nimmt die Regierung Einsparungen vor. Berühmt wurde ein Zitat unseres Finanzministers, der sagte, wenn das hier Frankreich wäre, gäbe es einen Aufstand. Wir haben die Kürzungen vielleicht zu brav hingenommen, ohne die Wut zu zeigen, die man mittlerweile regelrecht mit den Händen greifen kann. Nur: Auf wen sind wir wütend? Auf die Regierung oder auf uns?

Auf wen? Wer ist schuld?

Leerstand in Castlemoyne im Norden Dublins. Die irische Krise begann als Immobilienblase.
Leerstand in Castlemoyne im Norden Dublins. Die irische Krise begann als Immobilienblase.(Foto: AP)

Es kommt darauf an, wen man fragt. Die Regierung zeigt natürlich auf die Weltwirtschaft, der Finanzminister sagt andauernd, die Banken seien schuld. Zentralbankchef Patrick Honohan, der meist kein Blatt vor den Mund nimmt, sagt, 75 Prozent unserer Probleme seien hausgemacht. Das hat mit dem Bauboom zu tun und mit falschen Entscheidungen, mit denen die Immobilienpreise aufgeblasen wurden. Heute heißt es, dass es in Irland zu viele Banken gibt. Aber hätte man nicht vor fünf Jahren erkennen können, dass es in Irland zu viele Kredite gibt?

Also ist die Regierung schuld?

Ja, aber es hat auch damit zu tun, wie wir alle an diese Gier, an den Kapitalismus und den Materialismus geglaubt haben - wie wir daran geglaubt haben, dass man immer alles sofort haben muss, dass man auf Kredit kaufen muss statt auf etwas zu sparen. Ich glaube, dass wir noch nicht richtig darüber nachgedacht haben, wie sehr wir selbst verantwortlich sind für diesen ganzen Schlamassel. Was wirklich peinlich ist: Wir haben in den vergangenen Jahren zwei Mal europäische Verträge in Volksentscheiden abgelehnt, und jetzt stehen wir da und bitten Brüssel um Hilfe. Noch schlimmer ist, dass unsere Regierung offenbar gezwungen werden musste, sich helfen zu lassen. Das ist furchtbar peinlich.

Sie arbeiten für eine Vinzenzgemeinschaft, die Society of Saint Vincent de Paul ...

... das ist die größte Wohlfahrtsorganisation in Irland. Wir geben pro Jahr etwa 66 Millionen Euro aus, um Menschen zu helfen, die mit dem irischen Sozialsystem allein nicht überleben könnten. Die Zahl der Menschen, die zu uns kommen, ist in diesem Jahr um 30 Prozent gestiegen, an manchen Orten um 50 Prozent. Das ist ein enormer Anstieg. Es gibt Menschen, denen wir schon immer geholfen haben. Aber jetzt kommen viele neue Menschen zu uns. Unsere Hauptaufgabe ist derzeit, es diesen Menschen leichter zu machen, sich helfen zu lassen. Denn für viele ist das ein sehr schwerer Schritt. Interessanterweise bekommen wir gerade jetzt viele Spenden aus der Bevölkerung. Ich habe den Eindruck, dass man uns stärker vertraut als der Regierung.

Irland war bis in die 1990er Jahre ein Auswanderungsland, dann kam der Boom, der keltische Tiger, der Reichtum. Heute gibt es eine ganze Generation, die keine Armut mehr kennt, aber möglicherweise wieder kennen lernen wird. Wie wirkt sich das aus?

Irlands Taoiseach Brian Cowen bei der Eröffnung des neuen Terminals am Flughafen von Dublin.
Irlands Taoiseach Brian Cowen bei der Eröffnung des neuen Terminals am Flughafen von Dublin.(Foto: REUTERS)

Wir haben gerade einen riesigen zweiten Terminal am Flughafen von Dublin eröffnet. Wofür? Damit die Menschen schneller auswandern können? Eine Kollegin hat mir gerade erzählt, dass der Freund ihrer Tochter nach Kanada geht. Die beiden sind seit sechs Jahren zusammen, die Frau hat Angst, dass sie ihre Tochter verliert. Vor 20 Jahren wäre das völlig normal gewesen. Ich denke, es ist ganz wichtig zu sehen, dass Irland nicht um 15 oder 20 Jahre zurückfallen wird. Die Regierung will den Haushalt um 16 Milliarden Euro kürzen, das ist eine gewaltige Summe, aber sie bringt uns nur zurück auf das Niveau von 2006, 2007. Das sollten wir nicht vergessen. Und trotz des rasanten Anstiegs der Arbeitslosigkeit haben noch immer mehr Menschen Arbeit als jemals in den Jahren vor dem Boom. Wir sind vielleicht auf dem Weg in eine Situation, wie wir sie Mitte der 1990er Jahre hatten, aber sicher nicht auf dem Weg in die 1980er Jahre. Die waren wirklich schlimm.

Was hat sich seither verändert?

Vor allem haben wir jetzt vielleicht eine Ahnung davon, was wir hätten anders machen können, und zwar nicht nur mit Blick auf die Wirtschaft, sondern in der gesamten Gesellschaft. Es geht um die Werte, die wir haben oder nicht haben. Als die Regierung am vergangenen Sonntag verkündete, dass sie Brüssel um Hilfe aus dem Rettungsschirm gebeten hat, ließ sie durchblicken, dass der Mindestlohn bald gesenkt werden muss. Sonst kündigte sie keine weiteren Schritte an. Natürlich muss man das prüfen, aber es ist traurig, dass die Regierung zuerst und allein an die denkt, die 8,55 Euro pro Stunde verdienen - was angesichts der Preise in Irland wirklich nicht viel ist. Das ist so falsch. Diese Leute waren es bestimmt nicht, die unsere Probleme verursacht haben. Wir sollten wirklich einmal über gesellschaftliche Solidarität nachdenken.

Deutschland fordert nun von Irland, seine vergleichsweise niedrigen Unternehmenssteuern zu erhöhen. Bekommen die Leute so etwas mit, ärgert man sich darüber?

Das ist in der Bevölkerung kein großes Thema. Ich persönlich glaube nicht, dass die Unternehmenssteuer auf absehbare Zeit gesenkt wird. Natürlich muss man darüber reden, und natürlich sollten diese Steuern nicht für unfairen Wettbewerb sorgen. Aber wenn Deutschland und die anderen EU-Länder jemals das Geld wiedersehen wollen, das sie Irland geben, dann sind die 12,5 Prozent eine der besten Möglichkeiten, um Irland wieder auf die Beine zu stellen.

Welche Rolle spielt die irische Geschichte in dieser Krise? Irland ist ja seit noch nicht einmal 100 Jahren unabhängig und nun wieder auf fremde Hilfe angewiesen.

Nationalstolz spielt eine sehr große Rolle. Ich habe in den 1990er Jahren eine Zeitlang in Deutschland gelebt. Damals wurde Irland wieder ziemlich populär - es war toll, aus Irland zu kommen. Mir fiel damals auf: Wenn ein Ire gefragt wurde, wo er herkam, sagte er, aus Irland, und dann nannte er vielleicht noch die Stadt, aus der er kam. Wenn man in Irland einen Deutschen fragte, wo er herkam, nannte er immer zuerst die Stadt, dann das Land.

"1916 - 2010" haben Demonstranten mit Kerzen vor einem Regierungsgebäude geschrieben. 1916 fand der legendäre Osteraufstand gegen die Briten statt, ein zentraler Punkt im irischen Gedächtnis.
"1916 - 2010" haben Demonstranten mit Kerzen vor einem Regierungsgebäude geschrieben. 1916 fand der legendäre Osteraufstand gegen die Briten statt, ein zentraler Punkt im irischen Gedächtnis.(Foto: REUTERS)

Da haben die Deutschen sich vielleicht verändert.

Wir nicht, es ist immer noch toll, aus Irland zu kommen. In der Schule lernen wir, wie wir 800 Jahre lang gegen die Fremdherrschaft gekämpft haben und so weiter. Wenn man auf diese Art stolz auf sein Land ist, ist es schrecklich zu sehen, wie Inkompetenz und Gier uns in diese Krise geführt haben. Es ist wirklich deprimierend.

In Irland regiert seit den 1930er Jahren mit nur wenigen Jahren Unterbrechung ein und dieselbe Partei, Fianna Fáil. Das ist zugleich die Partei, die mit ziemlich vielen Korruptionsaffären in Verbindung gebracht wird. Ist es nicht überraschend, dass sie immer wiedergewählt wurden?

Brendan Hennessy arbeitet im Bereich "Soziale Gerechtigkeit" der Society of St. Vincent de Paul in Irland. Zu der Organisation gehören 500 hauptberufliche und 9500 ehrenamtliche Mitarbeiter.
Brendan Hennessy arbeitet im Bereich "Soziale Gerechtigkeit" der Society of St. Vincent de Paul in Irland. Zu der Organisation gehören 500 hauptberufliche und 9500 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Ja, durchaus. Ich habe ja schon gesagt, dass uns lange die Wut gefehlt hat. Es gibt in Irland auch keine Kultur des Rücktritts, wie zum Beispiel in Großbritannien, wo Leute zurücktreten, wenn sie Fehler gemacht haben. Viele Leute waren in Fälle von Korruption verwickelt und sind dennoch mit großen Mehrheiten wiedergewählt worden. Das geht wahrscheinlich auf den Impuls in Irland zurück, das System auszutricksen. Als wir noch eine britische Kolonie waren, wollte man das System austricksen, und in gewisser Weise gilt das immer noch. Trotzdem kann ich mir nur schwer vorstellen, dass diese Regierung noch lange durchhält. Am 7. Dezember geht es im irischen Parlament um den Haushaltsentwurf für 2011. Danach dürfte die Regierung bald auseinanderfallen. Schon jetzt fordern Hinterbänkler der Koalition den Rücktritt des Taoiseach, des Premierministers.

Vor ein paar Jahren hat der deutsche Botschafter in Dublin ein paar unfreundliche Dinge über die irische Wirtschaft und Gesellschaft gesagt.

Der Mann hat damals ziemlichen Ärger bekommen. Vielleicht sollte sich die irische Öffentlichkeit bei ihm entschuldigen. Er hatte in vielen Dingen recht.

Mit Brendan Hennessy sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de

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