Politik

"Ersatz für nichts"Zweierlei Musterungs-Maß

02.09.2008, 15:31 Uhr

Bei den alljährlichen Musterungen werden junge Männer, die Zivildienst leisten wollen, offenbar nach anderen Kriterien gemustert, als diejenigen, die eine militärische Ausbildung anstreben. Davon profitiert vor allem die Gesellschaft, gerecht ist wohl kaum.

Bei der Tauglichkeitsprüfung für Wehr- und Zivildienst wird nach Darstellung des Interessenverbandes der Wehrdienstverweigerer mit zweierlei Maß gemessen. In vielen Fällen würden angehende Zivis als dienstfähig eingestuft, obwohl sie für die militärische Ausbildung körperlich nicht geeignet wären. Damit sei Zivildienst häufig "Ersatz für nichts", sagte der Vorsitzende der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (KDV), Werner Glenewinkel. Die KDV geht davon aus, dass bei ärztlichen Untersuchungen und der Entscheidung über Freistellungswünsche nach unterschiedlich strengen Kriterien geurteilt wird.

So werden laut KDV junge Männer bei der Musterung eher als tauglich eingestuft, wenn sie bereits einen Antrag auf Wehrdienstverweigerung gestellt haben. 2007 hätten die Ärzte deutlich mehr Antragsteller für dienstfähig erklärt, als der statistische Durchschnitt (55 Prozent) habe erwarten lassen - rund 76.000 statt der von der KDV erwarteten 62.000. Außerdem würden Zivis bei der obligatorischen Einstellungsuntersuchung zum Dienstantritt weitaus seltener nachträglich ausgemustert. Ihr Gesundheitszustand dürfe aber nicht an den Aufgaben gemessen werden, die sie als Zivi zu erfüllen haben, sagte Glenewinkel. Ausschlaggebend müssten die Musterungskriterien der Bundeswehr sein.

90.000 Zivis

"Wer keinen Wehrdienst leisten kann, darf auch nicht zu einem Ersatzdienst herangezogen werden", sagte KDV-Geschäftsführer Peter Tobiassen. Tatsächlich verselbstständige sich der Zivildienst aber immer mehr zu einer "allgemeinen Dienstpflicht für Männer". Das lässt sich nach KDV-Angaben daran ablesen, dass statistisch ungefähr jeder zweite tauglich Gemusterte den Wehrdienst verweigert, es aber trotzdem nicht so viele Grundwehrdienstleistende wie Zivis gibt. Aus einem Geburtsjahrgang würden gegenwärtig 90.000 junge Männer zum Zivildienst herangezogen, zur Bundeswehr müssten nur 60.000.