Politik
Yamswurzel-Ernte in Nigeria.
Yamswurzel-Ernte in Nigeria.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Lebensmittel, Investment, Biosprit: Die Gier nach fremdem Land

Solveig Bach

Banken, Investmentfonds, Industrieländer und Agrarkonzerne haben ein neues Betätigungsfeld entdeckt. Sie bauen industrielle Großfarmen auf, die Nahrungsmittel und Biosprit produzieren sollen. Weil der eigene Grund und Boden längst aufgebraucht ist, ziehen sie nach Afrika und Lateinamerika.

Zuckerrohrfelder in Äthiopien, Weizenfelder im Sudan, Reisanbau in Mosambik - was wie die Erfolgsgeschichte einer selbstversorgenden Landwirtschaft in Afrika klingen könnte, ist ein kleiner Teil einer Liste von Agrarinvestments. Allein im vergangenen Jahr wurden einer Studie der Weltbank zufolge Vereinbarungen über den Verkauf, das Leasing oder die Verpachtung von 45 Millionen Hektar Land weltweit getroffen.

Eine Kautschuk-Plantage in Kambodscha, das Regime verkaufte dafür das Land der Ureinwohner.
Eine Kautschuk-Plantage in Kambodscha, das Regime verkaufte dafür das Land der Ureinwohner.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Durchschnittswert für den "transnationalen Handel mit Ackerland" liegt seit 1998 bei etwa 4 Millionen Hektar - die Weltbank konstatiert also nicht weniger als die Verzehnfachung des bisherigen Handelsvolumens. Für diese neue Dimension des Landhandels hat sich der Begriff "Land Grabbing" eingebürgert, was man neutral mit "Landnahme" übersetzen könnte. Oder kritischer mit "Landraub".

Konkurrenz um Böden

Das neue Interesse von Investmentfonds, großen internationalen Konzernen und ausländischen Regierungen an Agrarland vor allem in Afrika, Lateinamerika und Asien hat mehrere Ursachen. Thomas Fritz, Autor des Buches "Peak Soil - die globale Jagd nach Land" macht dafür zum einen die konventionelle Landwirtschaft in den Industrieländern verantwortlich.

Thomas Fritz warnt in seinem Buch, dass die Menschheit die Endlichkeit des zu nutzenden Landes ebenso meistern muss, wie die Endlichkeit des Erdöls.
Thomas Fritz warnt in seinem Buch, dass die Menschheit die Endlichkeit des zu nutzenden Landes ebenso meistern muss, wie die Endlichkeit des Erdöls.(Foto: privat)

"Der Verlust an fruchtbaren Böden durch die industrielle Landwirtschaft, zum Beispiel durch die Versalzung nach jahrelanger unsachgemäßer Bewässerung, ist ein Phänomen, das zur Verknappung von landwirtschaftlichen Böden führt. Hinzu kommt eine stärkere Konkurrenz um die vorhandenen Böden, weil sie nicht nur für die Produktion von Nahrungsmitteln benutzt werden, sondern auch für den Anbau nachwachsender Rohstoffe. Dabei spielen die Biotreibstoffe eine große Rolle." Nachdem sich Immobilien als weit weniger sichere Geldanlage erwiesen hatten, suchten Anleger nach neuen Möglichkeiten. Der steigende Ölpreis und die Förderung der Gewinnung von Bioenergie ließen den Agrarmarkt plötzlich wieder interessant erscheinen, die Gewinnerwartungen sind beachtlich.

Carolin Callenius von "Brot für die Welt" beobachtet diese Entwicklung bereits seit längerem und kommt zu dem Schluss: "Nach der Ernährungskrise 2008 wurde vielen klar, dass Nahrungsmittel immer benötigt und knapper werden. Das lässt gewisse Gewinnerwartungen zu. Einzelne Länder wollen ihre Ernährungssicherheit zudem besser absichern. Also kaufen sich ressourcenarme, aber wirtschaftsstarke Länder jetzt international ein."

Das gelte natürlich nicht nur für die Nachfrage nach Nahrungsmitteln sondern im zunehmenden Maß auf für die boomenden Märkte der Agrartreibstoffe und Futtermittel. Für den Trend mitverantwortlich dürfte zudem die wachsende Bevölkerungszahl der Erde sein. Zudem ändern sich gerade jahrhundertealte Ernährungsgewohnheiten in rasantem Tempo. Noch erreicht der Fleischkonsum von Chinesen und Indern nicht das Niveau westlicher Industriegesellschaften, dennoch ist der steigende Bedarf nach Futtermitteln bereits spürbar. Tendenz steigend. Und Fleisch ist eines der flächen- und energieintensivsten Lebensmittel überhaupt.

Geheime Geschäfte

In der Provinz Manabi in  Ecuador wurde eine riesige Fläche Trockenwald für den Gemüse-Anbau gerodet und verbrannt.
In der Provinz Manabi in Ecuador wurde eine riesige Fläche Trockenwald für den Gemüse-Anbau gerodet und verbrannt.(Foto: Thomas Lohnes / Brot für die Wel)

Mit dem neuen Landhandel sind zahlreiche Fragen verbunden, die bislang nur unzureichend oder gar nicht beantwortet werden können. So konnte die Weltbank ihre Zahlen nur schätzen, weil die wenigsten Verträge überhaupt offengelegt werden. Oft sind sie nur wenige Seiten lang, obwohl die Länder ihr Ackerland zum Teil auf 50 bis 99 Jahre verpachten und es nicht selten um Tausende Hektar fruchtbaren Ackerlandes und damit verbundene komplizierte Wasserrechte geht. Die Kleinbauern, die das Land bisher nutzen, werden nur in den seltensten Fällen in die Vertragsverhandlungen einbezogen. Callenius befürchtet, dass sie die eigentlichen Verlierer sind. Denn auch wenn nur auf einem Viertel der gehandelten Flächen bisher etwas angebaut wird, verliert die lokale Bevölkerung beinahe unmittelbar mit Vertragsabschluss den Zugang zu dem Land, das ihnen bislang wenigstens die Sicherung ihrer Existenz ermöglichte.

Gewinn für alle?

Vor allem viele afrikanische Staaten argumentieren, dass sie mit dem Landverkauf Investitionen ins Land ziehen wollen, von denen die Landbevölkerung langfristig profitieren könne. Für Thomas Fritz sind diese Überlegungen jedoch nicht ohne Risiko: "Die Investoren wollen diese Flächen nicht in erster Linie für die Landwirtschaftsproduktion für Afrika nutzen, sondern für den Export. Hier fließen also möglicherweise Gelder in die Landwirtschaft, aber die Versorgungssituation vor Ort wird nicht unbedingt gestärkt. Experten sehen deshalb mit Sorge, wenn in Ländern Flächen verkauft oder verpachtet werden, die selbst ein Versorgungsproblem haben und auf Nahrungsmittelhilfe der UN angewiesen sind." Gerade diese Länder sind es aber, die extrem einfache Investitionsmöglichkeiten bieten.

Protest gegen die Vertreibung von angestammtem Land in Kambodscha.
Protest gegen die Vertreibung von angestammtem Land in Kambodscha.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Für die Ermittlung der für mögliche Landgeschäfte zur Verfügung stehenden Flächen greifen Investoren auf Begriffe wie Brachland oder "untergenutztes Land" zurück. Dabei werden oft tradierte Bewirtschaftungsmodelle, die Erholungszeiten für den Boden vorsehen, ignoriert. Auch die Nutzung durch Nomaden bleibt unberücksichtigt. Hinzu kommt ein Verständnis des Landrechtes, das mit unserem kaum vergleichbar ist. Thomas Fritz beobachtet immer wieder: "Diejenigen, die das Land nutzen, sind nicht Eigentümer. Sie haben allerdings ein zum Teil über Jahrhunderte verbürgtes Nutzungsrecht an dem Land, aber keinen Landtitel. Das birgt Konflikte, wenn Investoren in Länder kommen und sich mit Stammesführern auf einen Landkauf einigen, die vielleicht gar nicht für die ganze Gemeinschaft sprechen und handeln dürfen."

Regeln und Kontrolle

Inzwischen dringen nicht nur Nichtregierungsorganisationen und verschiedene UN-Organisationen, sondern auch die Weltbank auf Mindeststandards für die Geschäfte mit dem Land. Dazu gehört der Respekt gegenüber traditionellen Landnutzungen, aber auch Bemühungen, diese jahrhundertealten Rechte in feste Landtitel umzuwandeln. Fritz empfiehlt den westlichen Ländern, in diesem Zusammenhang ihre bisherige Entwicklungspolitik zu überdenken. Es könne bessere Entwicklungshilfe sein, "die Registrierung von Landbesitz auf kostengünstige und einfache Weise zu unterstützen". Die Lösung liege im Zweifelsfall auch nicht nur in individuellen Landtiteln, vielmehr seien auch kollektive Landtitel denkbar, um den lokalen Gemeinschaften vor Ort sichere Verfügungsrechte über ihr Agrarland zu sichern.

Carolin Callenius ist Leiterin der Kampagne für Ernährungssicherheit "Niemand isst für sich allein".
Carolin Callenius ist Leiterin der Kampagne für Ernährungssicherheit "Niemand isst für sich allein".(Foto: Christoph Pueschner / Zeitenspie)

Gefordert wird außerdem, dass die Deals transparent und unter Beteiligung der "Ich schäme mich meiner Ohnmacht" abgewickelt werden. Dazu gehört die offene Diskussion über die jeweiligen Projekte, bevor über die Vergabe riesiger Landflächen entschieden wird. Noch fehlen ökologische und soziale Mindeststandards, an denen sich die Investoren messen lassen müssen. "Brot für die Welt" verspricht sich einiges von den freiwilligen Richtlinien, die derzeit bei der Welternährungsorganisation FAO erarbeitet werden. Carolin Callenius hofft auf ein internationales Regelwerk: "Dann hätten wir klare Kriterien, nach denen solche Geschäfte geprüft werden können, und wir hätten klare Verantwortungen." Die Achtung der Menschenrechte müsse auch für ökonomisches Handeln von Konzernen und Drittstaaten als verbindlich gelten. Dann wären wenigstens Vertreibungen, wie sie vielerorts nach Landkaufen gang und gäbe sind, ausgeschlossen.

"Es gibt auf der Welt nicht mehr so viele Flächen, die man ohne weiteres als Ackerland benutzen könnte", sagt Thomas Fritz. Eine weitere Abholzung der Wälder würde den Klimawandel nur weiter anheizen. Ein skrupelloser Handel mit Ackerland birgt indes die Gefahr erheblicher politischer Konflikte. Madagaskar, 2008 eines der ersten Länder, das mit einem südkoreanischen Konzern einen gewaltigen Landhandel abwickeln wollte, hat davon bereits einen Vorgeschmack bekommen. Die einheimische Bevölkerung wehrte sich mit landesweiten Protesten gegen die Weggabe von 1,3 Millionen Hektar für den Anbau von Mais und Ölpalmen. Am Ende stürzte die Regierung. Die Übergangsregierung ist zwar demokratisch nicht legitimiert und international nicht anerkannt. Doch die Landgeschäfte liegen auf Eis.

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Quelle: n-tv.de