Politik

20 Jahre nach Tschernobyl: "Die IAEO lügt"

Vor 20 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl eine der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten. Der Begriff "Super-GAU" fand Eingang in die Sprache, Atomkraft wurde unpopulär in Deutschland. Bis zum "Atomkonsens" zwischen der rot-grünen Bundesregierung und den Betreibergesellschaften dauerte es dennoch 14 Jahre. Fragen an Dr. Angelika Claußen, die Vorsitzende der deutschen Sektion von IPPNW, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges.

n-tv.de: Tschernobyl ist für viele heute nicht mehr ein Symbol des Horrors, sondern Teil der Achtziger, wie Zauberwürfel, Friedensbewegung oder "Modern Talking". Ärgert Sie das?

Angelika Claußen: Das sehe ich durch die Brille der Psychotherapeutin. Nach Tschernobyl gab es viele andere Ereignisse, Kriege, Katastrophen. Da ist es ganz menschlich, dass der Schrecken von Tschernobyl in der Erinnerung ein wenig verblasst. Trotzdem teile ich Ihre Einschätzung nicht. Tschernobyl ist mehr als eine Erinnerung an die achtziger Jahre. Noch immer lehnen zwei Drittel der Menschen in Deutschland Atomenergie ab, das ist als Haltung seit 1986 geblieben.

IPPNW wirft der Internationalen Atomenergie-Behörde vor, die Folgen von Tschernobyl zu verharmlosen. Die IAEO ist immerhin eine UN-Behörde und hoch angesehen.

Hans Blix, damals Direktor der IAEO, sagte 1986, die Atomindustrie könne jedes Jahr eine Katastrophe wie Tschernobyl verkraften.

Das klingt reichlich zynisch.

Blix meinte es ernst. Erklärtes Ziel der IAEO ist die weltweite Förderung der friedlichen Nutzung der Atomenergie. So steht es in ihrem Statut. Das zweite Ziel der IAEO ist, die Weiterverbreitung von Atomwaffen einzuschränken. Aus Sicht der IAEO sind Atomwaffen böse und Atomenergie gut, tatsächlich sind sie jedoch siamesische Zwillinge. Die Idee der "guten" Atomkraft stammt noch aus der Gründungszeit der IAEO. Im Dezember 1953 hielt US-Präsident Eisenhower vor den Vereinten Nationen seine "Atoms for Peace"-Rede, in der er die Gründung einer solchen Behörde vorschlug. Darin sprach er davon, die "größte der zerstörerischen Waffen" könne "in einen großen Segen" verwandelt werden. Schon Eisenhowers Vorgänger Truman hatte nur 18 Stunden nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima gesagt, jetzt müsse man die friedliche Nutzung der Atomenergie fördern – aus meiner Sicht eine Reaktion auf den Entsetzen, das der Bombenabwurf auslöste.

Laut IAEO starben nicht einmal 50 Menschen an den unmittelbaren Folgen von Tschernobyl.

Die Zahl stammt aus einer Studie, die die IAEO im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. In der Presseerklärung der IAEO zu ihrer Studie hieß es, bis Mitte 2005 konnten "weniger als 50 Tote direkt auf die Strahlung durch den Unfall zurückgeführt werden". Insgesamt könnten "bis zu 4.000 Personen an der Strahlung sterben". Das ist absurd, die IAEO und die von ihr vertretene Atomindustrie hoffen offenbar auf das Vergessen der Menschen. Die in Tschernobyl freigesetzte Radioaktivität entspricht mindestens dem 100-Fachen der Hiroshima-Bombe. Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, hat sich die Zahlen der IAEO-Studie genau angeschaut. Seltsamerweise spricht die Studie im Gegensatz zur Presseerklärung nicht von 4.000, sondern von 9.000 möglichen Toten. Aber es wird noch seltsamer: In der Originalquelle, auf die sich diese Ziffer stützt, wird gar keine konkrete Zahl genannt. Dort ist von ungefähr 9.000 bis 22.000 Toten die Rede. Hier wird so massiv verharmlost, dass wir sagen: Die IAEO lügt.

Wie kommt die IAEO zu ihren Zahlen?

Das sind Berechnungen und Schätzungen, die auf viel zu niedrigen Ausgangszahlen basieren. Die IAEO-Studie geht etwa davon aus, dass es nur 200.000 registrierte Rettungs- und Bergungsarbeiter gab, die so genannten Liquidatoren. Tatsächlich sind in Weißrussland, der Ukraine und Russland aber 350.000 Liquidatoren registriert, real waren es sogar 600.000 bis eine Million! Die IAEO sagt, von den 200.000 Liquidatoren werden "geschätzte 2.200 an der Strahlung sterben". Viel schlimmer als die Strahlung seien Armut und Stress. Noch ein Zitat aus der Presseerklärung der IAEO: "Armut, Lifestyle-Krankheiten, die sich jetzt in der früheren Sowjetunion ausbreiten, und psychische Probleme stellen eine viel größere Bedrohung für die lokale Gemeinden als die Verstrahlung dar."

Die IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz haben nun eine eigene Studie vorgelegt.

Wir können der völlig falschen Zahl der IAEO keine absolut richtige, unangreifbare Zahl entgegensetzen, eine solche Zahl gibt es nicht. Wir haben andere Rechnungen aufgemacht, die sich auf andere Studien stützen. Professor Edmund Lengfelder von der Gesellschaft für Strahlenschutz geht von 50.000 bis 100.000 gestorbenen Liquidatoren aus. Von den registrierten Liquidatoren sind nach übereinstimmenden Untersuchungen aus Weißrussland, der Ukraine und Russland etwa 90 Prozent erkrankt. Von den Erkrankten spricht die IAEO gar nicht. Dabei sind die Langzeitfolgen noch gar nicht abzuschätzen. Viele Krankheiten treten erst nach 20 Jahren auf. Bei den genetischen Schäden sehen wir nur zehn Prozent in der ersten Folgegeneration, die weiteren 90 Prozent kommen in den sechs Generationen danach.

Was für Krankheiten sind bislang aufgetreten?

Vor allem Darmkrebs, hirnorganische Erkrankungen, Gedächtnisstörungen, Schizophrenien, chronisches Müdigkeitssyndrom, Atemwegserkrankungen. Aus Weißrussland und der Ukraine gibt es Statistiken, die besagen, dass vor 1986 rund 80 Prozent der Kinder gesund waren und 20 Prozent krank. Jetzt ist das Verhältnis umgekehrt.

Aus Hiroshima kennt man die Bilder von missgebildeten Kindern. Gab es das nach Tschernobyl auch?

Ja, allerdings wurden nach Tschernobyl von der Politik Abtreibungen sehr stark propagiert, wenn Ultraschall-Untersuchungen Hinweise auf Missbildungen ergaben.

Hatte Tschernobyl auch gesundheitliche Folgen in Deutschland?

Ja. Es ist nachweisbar, dass in bestimmten Regionen in Deutschland die Zahl der Krebserkrankungen zunahm. Das Mainzer Kinderkrebsregister hat allein in Bayern 1.000 bis 3.000 zusätzliche Fehlbildungen gezählt, in ganz Deutschland sind es rund 5.000, in Europa etwa 10.000.

Der Streit um die gesundheitlichen Folgen von radioaktiver Strahlung wirkt oft wie ein regelrechter Glaubenskrieg.

Weil es um die Deutungshoheit geht, und weil die meisten Strahlenforscher leider nicht unabhängig von der Atomindustrie sind. Nehmen Sie die Leukämie-Fälle in der Elbmarsch. Die Zahl der Erkrankungen selbst kann nicht bestritten werden: Seit 1990 ist dort durchschnittlich ein Kind pro Jahr an Leukämie erkrankt! Folglich werden in diesem Fall die Ursachen geleugnet.

Was sind denn die Ursachen?

Die Bremer Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake hat Chromosomenabberationen (Erbgutveränderungen) bei Kindern und Erwachsenen in der Elbmarsch nachgewiesen, außerdem künstliche Radioaktivität in Baumrinden aus der Region sowie im Staub von Dachböden. Dabei wurden Plutonium und Americium nachgewiesen, die man nicht auf den Tschernobyl-Fallout zurückführen kann. Lange war unklar, wo diese künstliche Radioaktivität herkommt: aus dem Kernkraftwerk in Krümmel oder aus dem Forschungszentrum GKSS in Geesthacht. Augenzeugen hatten jedoch im September 1986 ein Feuer in der GKSS beobachtet. In einer neuen Untersuchung entdeckte die Internationale Sacharov-Umweltuniversität in Minsk zudem in Bodenproben aus der Region Thoriumisotope. Thorium gilt als Auslöser für Leukämie. Aufgrund dieser Indizienkette gehen wir davon aus, dass es in der GKSS bei Experimenten mit Kernbrennstoffen einen Unfall gab.

Offiziell bestätigt ist der Unfall bislang nicht?

Nein, weder vom Forschungszentrum selbst noch von der schleswig-holsteinischen Landesregierung, übrigens auch nicht in den Jahren der rot-grünen Koalition in Kiel. Der Unfall in der GKSS passierte ein knappes halbes Jahr nach Tschernobyl. Stellen Sie sich vor, die Öffentlichkeit hätte damals davon erfahren. Es wäre das Ende der Atomenergie in Deutschland gewesen.

(Die Fragen stellte Hubertus Volmer)

Quelle: n-tv.de