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Diskussionen braucht das LandEthisch richtungsweisend

13.09.2007, 08:20 Uhr

"Wir wollen, dass der Staat die Menschen aufruft, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden", erklärt Kristiane Weber-Hassemer, die Vorsitzende des Nationalen Ethikrats. Nach sechsjähriger Tätigkeit löst sich das Gremium auf und der Deutsche Ethikrat beginnt seine Arbeit.

"Deutschland braucht einen Ethikrat", erklärt Bundesforschungsministerin Annette Schavan. 2001 berief die Bundesregierung erstmals ein fachübergreifendes Gremium, das sich mit strittigen Themen wie beispielsweise Stammzellenforschung auseinandersetzen oder ethisch vertretbare Lösungen aufzeigen sollte, wie man die Organspendebereitschaft in Deutschland erhöhen könnte. Nach sechsjähriger Beratungstätigkeit beendet der Nationale Ethikrat seine Arbeit und wird durch einen Deutschen Ethikrat ersetzt. "An den zugewiesenen Aufgaben ändert sich nicht viel, aber vielleicht sind Parlament und Regierung stärker an konkreter Beratung interessiert", vermutet die derzeitige Vorsitzende des Ethikrates, Kristiane Weber-Hassemer.

n-tv.de: Was heißt das, sich mit Ethik zu beschäftigen?

Kristiane Weber-Hassemer: Ich würde sagen, die Suche nach der Ethik ist die systematische, möglichst fachübergreifende Reflexion über das, was moralisch akzeptiert und möglichst gerecht in einer Gesellschaft ist und die verfassungsrechtlichen Grundsätze beachtet.

Wenn eine Gesellschaft ihre ethischen Grundsätze nicht kennt, was kann dann ein Ethikrat noch ausrichten?

Wir haben in unserer Gesellschaft - mit wenigen Ausnahmen - keine Wahrheiten mehr, die allgemein verbindlich sind. Die Menschen denken unterschiedlich, sind religiös oder auch atheistisch und urteilen moralisch verschieden. Im Ethikrat diskutieren Experten aus vielen Disziplinen, zum Beispiel Humangenetiker, Theologen, Philosophen und Juristen. Sie behandeln Fragen, die sich speziell aus den Biowissenschaften ergeben und die man nicht ohne weiteres aus dem Bauch heraus beantworten kann.

Erreichen solche komplexen Diskussionsthemen die Öffentlichkeit?

Unsere Stellungnahmen werden von Universitäten, Schulen und auch aus dem Ausland angefordert. Natürlich erreichen wir nicht jeden. Aber ebenso, wie wenn man einen Stein in einen Teich wirft, zieht unsere Arbeit ihre Kreise.

Schlagen Ihre Diskussionen nur Wellen, oder können Sie tatsächlich etwas bewegen?

Wir haben große Debatten ausgelöst, in Kliniken, Kirchen und in der Politik. Gerade unsere Stellungnahme zur Organspende hat eine solche riesige Debatte bewirkt.

Welche Position haben Sie diesbezüglich eingenommen?

Wir sind der Meinung, der Staat darf in der Frage der Organspende nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entscheiden. Der Staat muss stattdessen versuchen, alle Menschen zu erreichen und ihre Bereitschaft zur Organspende zu erfragen. Wenn jemand "Nein" sagt, dann bleibt es beim Nein. Wenn jemand aber sagt: "Ich erkläre mich nicht", sollte im Falle seines Todes eine Organspende erlaubt sein - vorausgesetzt, der Befragte kennt die Konsequenzen und die Angehörigen widersprechen dem nicht.

Wer sich nicht äußert, wird also automatisch zum potenziellen Spender?

Automatisch nicht, aber wir wollen, dass der Staat die Menschen aufruft, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Da war sich der Ethikrat einig.

Finden Sie immer einen Konsens?

Nein, aber das ist auch nicht verwunderlich, sonst wäre der Ethikrat falsch besetzt. Wie in der Gesellschaft, gibt es auch bei uns Fragen, über die wir uns nicht verständigen können, wie beispielsweise über das Ausmaß des Embryonenschutzes. Dann versuchen wir mit aller Deutlichkeit, die möglichen Positionen und Konflikte herauszuarbeiten.

In England wird bereits an menschlichen Stammzellen in tierischen Eizellen geforscht. Wird Ihre Diskussion um ethische Grundsätze nicht von den Entwicklungen in der naturwissenschaftlichen Forschung überholt?

Nein, denn auch die englischen Institute hatten zuvor eine Genehmigung der zuständigen Behörde eingeholt. Anders als in Deutschland erfolgte diese Genehmigung allerdings vornehmlich auf der Basis einer Befragung der Bevölkerung. Hierzulande würde man wohl zunächst ethische Grundsätze erarbeiten und die Möglichkeit, dass es zu einer schleichenden Vermischung von menschlichem und tierischem Material kommen könnte, unter ethischen Aspekten diskutieren - unter Einbeziehung von gesellschaftlichen Gruppen, Forschungseinrichtungen und insbesondere der Politik. Eine Befragung der Bevölkerung wäre für uns sicher keine Entscheidungsgrundlage.

Wie positioniert sich der Ethikrat zur Stammzellenforschung in Deutschland?

In unserer jüngsten Stellungnahme "Zur Frage einer Änderung des Stammzellgesetzes" haben wir mehrheitlich dafür plädiert, dass Stammzellforschung nicht mehr im bisherigen Umfang unter Strafe gestellt wird, zumal die Gesetzgebung hier sehr schwammig ist. Außerdem sollte das Parlament in Verlängerung seines 2002 gefundenen Kompromisses sein ethisches Anliegen wahren und sicherstellen, dass von Deutschland keinerlei Anreiz zur Vernichtung von Embryonen ausgeht. Im Herbst werden im Bundestag Anträge zur Änderung des Stammzellgesetzes beraten.

Enttäuscht Sie das?

Wir sind kein Entscheidungsgremium. Wir beraten, zeigen und erklären. Durch unsere Diskussionen entsteht eine Zusammenschau der unterschiedlichen Standpunkte. Ob die politischen Entscheidungen dann in unsere Richtung gehen, ist letztendlich nicht von ausschlaggebender Bedeutung.

Mit Kristiane Weber-Hassemer sprach Nona Schulte-Römer