DDR-Gründung vor 60 JahrenFackeln am Anfang und am Ende
Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus: Am Anfang herrschte echte Aufbruchstimmung im Nordosten Deutschlands. Doch die DDR, die sich selbst inszenierte, überlebte nicht.
Tausende Fackeln erhellen das nächtliche Ost-Berlin. Rund 200.000 Menschen ziehen über den Boulevard Unter den Linden. "Es lebe die Deutsche Demokratische Republik" steht auf einem Plakat. Obwohl die Teilnehmer mit Lastwagen aus allen Teilen der sowjetischen Besatzungszone "zusammengeführt" werden, herrscht bei dem Fackelzug zur DDR-Gründung vor 60 Jahren echte Aufbruchstimmung, wie sich ein Zeitzeuge erinnert. So wie der Anfang wird auch das Ende: 40 Jahre später inszeniert sich die DDR-Führung am Vorabend zum Republikgeburtstag am 7. Oktober wieder mit einem gigantischen Fackelzug. Es soll der letzte werden. Von Aufbruchstimmung ist lange nichts mehr zu spüren.
Die bestellte Demonstration löst bei vielen Menschen nur noch Beklemmung und eisige Ablehnung aus, Tausende hatten die DDR schon verlassen. Die Führungsriege um Erich Honecker geht zu ihrem Jubiläum gegen kritische Demonstranten mit Festnahmen und Räumfahrzeugen vor. Doch der Protest ist nicht mehr aufzuhalten. Wenige Wochen später, am 9. November 1989, fällt die Mauer und besiegelt das Ende des Arbeiter- und Bauern-Staates. Ein Jahr danach, am 3. Oktober 1990, tritt die DDR der Bundesrepublik bei.
Enteignung und Zwangsvereinigung
Doch zurück zu den Anfängen: Knapp fünf Monate nach Gründung der Bundesrepublik entsteht am 7. Oktober 1949 mit der DDR-Gründung der zweite Staat auf deutschem Boden. Der dritte Volksrat erklärt sich zur Provisorischen Volkskammer und beschließt eine Verfassung. Ost-Berlin wird Hauptstadt der DDR, Wilhelm Pieck der erste Präsident.
Ereignisreiche Jahre liegen zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der DDR-Gründung. Neue Währungen werden in Ost und West eingeführt, im Osten werden mit der Bodenreform Landbesitzer enteignet. Vor allem die Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946 zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) stellt die Weichen.
Illegitime Institution für die BRD
"Die Gründung der DDR erfolgte auch als Antwort auf die Gründung der Bundesrepublik", sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Stärker aber noch sei ins Gewicht gefallen, dass die sowjetische Führung der neuen SED den Makel einer "Russenpartei" nehmen wollte, sagt der Forscher der Stasiunterlagen-Behörde.
"Die Gründung der DDR bedeutete die Erfüllung des Vermächtnisses der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung und der antifaschistischen Kämpfer", meinte die DDR-Geschichtsschreibung. Für Bundeskanzler Konrad Adenauer war die Ost-Republik hingegen schlichtweg eine illegitime Institution.
Aufschwung bleibt aus, Menschen fliehen
Nach dem Kriegsende stimmten etliche Menschen im Osten dem Ziel "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" durchaus zu. Gerade in den sowjetischen Besatzungszonen waren die Folgen des Krieges drastisch: Umfangreiche Reparationsleistungen für die Sowjetunion mussten erbracht werden. Flüchtlingsströme, zerstörte Städte und Mangel an fast allem bestimmten am Anfang das Leben im Osten Deutschlands.
Ihre Unzufriedenheit über die Erhöhung von Preisen, die erneute Ausgabe von Lebensmittelkarten und schließlich die Anhebung der Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent bringen am 17. Juni 1953 viele auf die Barrikaden. Doch sowjetische Panzer walzen den Arbeiteraufstand blutig nieder.
Demokratie für die eigene Zwecke
Während im Westen bald mit US-amerikanischer Hilfe das Wirtschaftswunder beginnt, verlassen Hunderttausende vor allem über West-Berlin den SED-Staat. Die Antwort: In den Morgenstunden des 13. August 1961 beginnt der Bau der Mauer, der die Teilung Deutschlands für rund 28 Jahre besiegelt. Die DDR sieht sich auch nach dem Mauerbau von Feinden umzingelt und baut mit der Staatssicherheit ihren nahezu übermächtigen Überwachungsapparat immer mehr aus. Die Grenzanlagen werden weiter verstärkt. Kritik am Staat wird unterdrückt.
Schon in den Anfangsjahren habe die neue Elite unter Demokratie nur das verstanden, was ihr bei der Stabilisierung ihrer Macht nützlich erschien, so Historiker Kowalczuk. Der im April 1945 aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte Walter Ulbricht brachte es schon damals auf die Formel: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."
Der Regiesessel für die DDR-Gründung habe in Moskau gestanden, sagt Kowalczuk. Schon Mitte September 1949 seien SED-Funktionäre in die sowjetische Hauptstadt gefahren, um mit der dortigen Führung die DDR-Gründung zu besprechen. Josef Stalin habe die Dramaturgie vorgegeben. Auch für das Ende kam der entscheidende Impuls aus Moskau. Mit Michail Gorbatschow im Rücken fühlten sich DDR-Oppositionelle zunehmend gestärkt. Seit den Feiern zum 40. DDR-Jahrestag wird der Sowjetführer mit dem inzwischen legendären Ausspruch an die Adresse Honeckers zitiert, der zumindest wörtlich so womöglich nie gefallen ist: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."