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"Das ist Krieg hier"Gewalt in Pariser Vorort

30.10.2005, 15:22 Uhr

Lichterloh brennende Autos und Müllcontainer erhellen die nächtliche Szene. Steine fliegen und Molotow-Cocktails, wütend geschleudert von jugendlichen Banden.

Lichterloh brennende Autos und Müllcontainer erhellen die nächtliche Szene. Steine fliegen und Molotow-Cocktails, wütend geschleudert von jugendlichen Banden. Die verhasste nationale Bereitschaftspolizei CRS, in Kampfausrüstung in dem Pariser Vorort angerückt, antwortet mit Gummigeschossen und Tränengas. Sie setzt zur Verfolgung der Krawallmacher an. Stundenlang liefern sich dann junge Leute großteils afrikanischer Herkunft und Hundertschaften der Polizei in Clichy-sous-Bois heftige Straßenkämpfe. "Das ist Krieg hier, das ist Bagdad", beschreibt ein Polizist entsetzt die Tumulte.

Wieder einmal ist urbane Gewalt in Frankreich scheinbar aus dem Nichts heraus explodiert. Der Unfalltod von Zied (17) und Banou (15) am vergangenen Donnerstag hat zu der Entladung aufgestauter Wut und Frustration unter benachteiligten Jugendlichen "in Problemvierteln" geführt, haben Sozialwissenschaftler rasch eine Erklärung zur Hand.

Die - unbescholtenen - Jungen wähnten sich vor der Polizei verfolgt. Sie starben durch Stromschläge eines Transformators, als sie sich dort verstecken wollten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in dem nordöstlichen Pariser Vorort daraufhin das Gerücht, die Polizei habe sie gejagt - und sei damit verantwortlich für den Tod.

"Die Polizei nimmt keinerlei Rücksicht auf unsere Kinder, wohl weil hier in der Gegend alle schwarz sind oder Araber." So entrüstet sich eine Haushälterin über die als Schikane empfundene Präsenz der Polizei in den sensiblen Vierteln. "Das ist doch Rassismus. Wir verurteilen die Gewalt, verstehen aber, dass es sie gibt." Im Visier haben viele in Clichy-sous-Bois Innenminister Nicolas Sarkozy, der nationale Polizei bei ihnen stationieren will und markige Worte wie diese liebt: "Wir sind dafür da, dieses Krebsgeschwür (urbaner Gewalt) auszumerzen, wir werden uns dieses Gesindels entledigen."

"Die jungen Leute haben es in diesen schwierigen Vierteln hundert Mal mehr mit einem Polizisten als mit einem Lehrer zu tun", erläutert die Soziologin und Strafvollzugsexpertin Maryse Esterle-Hedibel den Teufelskreis, der inzwischen auch mittlere französische Städte heimzusuchen droht: Hohe Arbeitslosigkeit und kaum Bildung, dazu sozial und ethnisch bedingte Diskriminierung und Gettobildung -"da reicht ein Funken, und das ganze Pulverfass geht in die Luft." Neu ist dies im Frankreich der Millionen Einwanderer vor allem aus nordafrikanischen Staaten nicht. Seit den achtziger Jahren entladen sich soziale Spannungen immer wieder, allein in jeder Neujahrsnacht gehen traditionell Hunderte von Polizeifahrzeugen in Flammen auf.

Selbst Frankreichs Mittelschicht leidet mittlerweile bis an die Schmerzgrenze unter sinkender Kaufkraft und steil steigenden Mieten. Und wer sich bereits ausgegrenzt fühlt, empfindet die Demonstration staatlicher Gewalt vielleicht besonders intensiv: "Es war wie eine wirkliche Guerilla-Szene", erzählt der 24-jährige Rachid von den nächtlichen Krawallen. Clichy-sous-Bois, das jetzt praktisch unter Polizeiaufsicht steht, sieht angespannt der nächsten Nacht entgegen.

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa