Anschlag am Passah-FestOpfer vor Schnellimbiss
Das Passah-Fest gilt in Israel als die schönste Zeit im ganzen Jahr. Es wird für Familienausflüge, Festivals und Grillpartys genutzt. Die Polizei war in höchster Alarmbereitschaft, doch die Sicherheitsvorkehrungen hatten Lücken.
(Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem)
"Ich sah die Explosion direkt vor mir", sagt ein Taxifahrer. "Menschen lagen auf der Straße. Ich hatte Angst." Ein ungewöhnlich lauter Knall erschütterte am Mittag den Süden von Tel Aviv, an dem alten Busbahnhof. Der Schnellimbiss "Der Bürgermeister" war schon im Januar das Ziel eines Selbstmordattentäters. Vermutlich hatte ein Sicherheitsmann, wie er inzwischen vor jedem Restaurant oder Caf in Israel steht, den Attentäter daran gehindert, das volle Gasthaus zu betreten. Der Palästinenser sprengte sich auf der Straße. "Wir können den Attentäter nicht mehr fragen, wieso er heute den gleichen Falafelstand gewählt hat. Vielleicht erhalten wir aber schon bald eine Antwort seiner Drahtzieher", sagte der Vize-Polizeipräsident von Tel Aviv, David Chen.
Es wird gemutmaßt, dass der Attentäter in einem blauen Mitsubishi nach Tel Aviv gelangte. Nach einer einstündigen Verfolgungsjagd wurde das Auto nahe dem Ofer-Militärgefängnis wenige Kilometer vor Ramallah gestoppt. Die drei Insassen des verdächtigen Autos wurden verhört.
Derweil wurde in Jerusalem im frisch geputzten Knessetgebäude letzte Hand angelegt für die feierliche Vereidigung der frisch gewählten Abgeordneten. "Mit gemischten Gefühlen eröffnen wir unsere Fraktionssitzung", sagte der amtierende Premierminister Ehud Olmert. "Es war zu erwarten, denn die Terrororganisationen bemühen sich ohne Pause, Ereignisse dieser Art auszuführen. Den Anschlag haben sie wahrscheinlich nicht zufällig heute verübt." Das war ein Hinweis Olmerts auf jenen Anschlag am Passahfest des Jahres 2002, als 39 Menschen, überwiegend Holocaust-Überlebende, ermordet wurden. Für Ministerpräsident Ariel Scharon war damals die rote Linie überschritten worden - wegen der vielen Toten und wegen der symbolischen Bedeutung eines Anschlags an einem religiösen Feiertag. "Wir prüfen eine angemessene Antwort", kündigte Olmert an.
Schon am Morgen, vor dem Anschlag in Tel Aviv, war das israelische Militär aufgrund von "Hinweisen auf terroristische Aktivitäten" bis ins Stadtzentrum von Nablus vorgedrungen. Die Palästinensergebiete sind seit Tagen hermetisch abgesperrt. Kein Palästinenser darf die Sperren in Richtung Israel passieren. Doch es gibt noch Schlupflöcher im unfertigen Sperrwall. Vermutlich gelang es Sami Salim Hammad aus Jenin im nördlichen Westjordanland, den Wall bei Jerusalem zu überwinden. Er ließ sich nach Tel Aviv fahren und explodierte im belebten Armutsviertel beim Busbahnhof. "Die Polizei ist völlig überrascht. Wir hatten die üblichen Warnungen, aber keine konkreten Hinweise für Tel Aviv", gestand ein Polizeisprecher. Alle Sicherungsringe rund um die Metropole sind trotzt höchster Alarmbereitschaft gescheitert.
"Wir müssen unser normales Leben weiterführen. Niemand sollte seine Pläne bei diesem fröhlichen Fest ändern", flehte Matan Wollach, stellvertretender Bürgermeister von Tel Aviv. Dies sind die schönsten Tages im ganzen Jahr: angenehme Temperaturen und nur wenige Wolken am Himmel. Das ganze Land ist mit Blumenteppichen geschmückt, von der Negewwüste bis Galiläa. Der Frühling dauert nur noch wenige Tage, dann verbrennen Wüstenföhne wieder alle Pflanzen. Das achttägige "Fest der ungesäuerten Brote", auch Fest der Freiheit genannt, wird von den Israelis für Familienausflüge, Festivals und Grillen in öffentlichen Parks genutzt.
Relativ spät übernahm die Dschihad Islami Organisation per Telefon die Verantwortung für das Attentat. "Noch liegt weder das übliche Bekennerflugblatt noch das Abschiedsvideo des Selbstmordattentäters vor", sagte ein Reporter für Palästinenser-Angelegenheiten. Sollte tatsächlich diese "Organisation des Heiligen Krieges" verantwortlich sein, wie für den Beschuss Israels mit Kassam-Raketen und andere Anschläge in der letzten Zeit, so gilt Iran als Drahtzieher. Der islamische Dschihad wird von Teheran finanziert und erhielt von dort in der Vergangenheit die Befehle.
Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas verurteilte den Anschlag. Die regierende Hamas redete von "legitimer Verteidigung". Staatspräsident Mosche Katzav sagte vor dem Parlament: "Israel verübt weder Vergeltung noch Rache. Israel bekämpft mit allen Mitteln den Terror, um seine Bürger zu schützen." Und während der live übertragenen Rede wurde per Laufband eingeblendet, dass die Zahl der Toten in Tel Aviv auf acht angestiegen sei. Mehrere der über sechzig Verletzten schweben noch in Lebensgefahr.