Halb abgeschaffter FeiertagPfingstchaos auf Französisch
Die einen müssen zur Arbeit gehen, können aber dort nichts tun. Andere bekommen Zwangsferien. Und die Familienorganisation wird zum Hürdenlauf.
Die einen müssen zur Arbeit gehen, können aber dort nichts tun. Andere bekommen Zwangsferien. Und die Familienorganisation wird zum Hürdenlauf. Der Pfingstmontag war für viele Franzosen wieder ein Tag zum Haareraufen. Denn Pfingstmontag ist in Frankreich Arbeits-oder Feiertag, je nachdem, wo und in welchem Betrieb man beschäftigt ist. "Das ist ein Tag der Konfusion und des Streits", klagt der Sozialexperte der Sozialisten, Bruno Le Roux.
Die Regierung hat das Chaos selbst angerichtet: 2004 führte sie einen "Solidaritätstag mit den Alten" ein. Die Arbeitnehmer müssen seitdem einen Tag im Jahr unbezahlt länger arbeiten. Der Ertrag -zwei Milliarden Euro -fließt in Sozialdienste und Altenpflege. Ursprünglich wollte die Regierung nach deutschem Vorbild einen kirchlichen Feiertag opfern und strich den Pfingstmontag. Doch nach heftigen Protesten ließ sie den Tarifparteien freie Hand bei der Entscheidung, welcher freie Tag gestrichen werden soll. Selbst im Öffentlichen Dienst konnte sie keine einheitliche Regel durchsetzen.
Die Folgen sind kafkaesk: So müssen viele Lkw-Fahrer zur Arbeit kommen, doch sie dürfen nicht fahren. Denn auf der Straße gilt ein Fahrverbot für Lkw wie an Feiertagen. Die Lehrer werden zur Arbeit in die Schule zitiert, aber sie können nicht unterrichten. Denn die Kinder haben schulfrei. Einige Supermarktketten wie Monoprix haben offen, andere wie Picard schicken ihre Angestellten nach Hause. Die Staatsbahn SNCF bleibt beim Feiertagsverkehr, opfert aber auch keinen anderen Tag, sondern lässt ihre Mitarbeiter jeden Arbeitstag zwei Minuten länger arbeiten.
Offiziell ist für 59 Prozent der Franzosen der Pfingstmontag ein Werktag. Doch mehr als die Hälfte arbeitet nicht. Bei Unternehmen wie Renault, die "just in time" mit Nachschub beliefert werden wollen, ist Pfingstmontag ganz offiziell Feiertag. Andere Konzerne wie Total sowie die meisten Kleinbetriebe arbeiten normal. Manche Franzosen feiern aber einfach krank, weil sie nicht wissen, wo sie ihre Kinder lassen sollen. Einige Unternehmen kapitulieren vor dem Chaos und "schenken" ihren Mitarbeitern den Tag einfach.
Gewerkschaften und Arbeitgeber sind gleichermaßen verärgert. "Das ist die Rückkehr der Zwangsarbeit", wettert die Gewerkschaft Force Ouvrire über die unbezahlte Mehrarbeit. Und der Mittelstandsverband CGPME fordert gleiche Bedingungen für alle Arbeitnehmer, Groß-und Kleinbetriebe und Behörden. Alle warten jetzt auf die Erleuchtung der Regierung. Arbeitsminister Xavier Bertrand, für den am Montag Werktag war, macht ihnen Hoffnung. "Ich bin nicht dazu da zu sagen, dass alles gut läuft", sagte Bertrand Pfingstmontag im Rundfunk. "Ich habe nicht die Haltung, dass man nichts verändern darf. Wir werden die Lage ohne Tabu bewerten." Das klingt wie ein halbes Versprechen.