Politik

Antisemitische Stereotype in Broschüre: Stiftung EVZ in der Kritik

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gerät in den israelischen Medien in den Kritik. In einer Broschüre eines von der EVZ finanzierten Jugendaustausches machen Journalisten antisemitische und anti-israelische Stereotype aus. EVZ-Vorstand Martin Salm weist die Vorwürfe zunächst zurück, bedauert aber später die "missverständliche Projektpublikation".

Eine Projekt-Broschüre bringt Stiftungsvorstand Martin Salm in Erklärungsnot.
Eine Projekt-Broschüre bringt Stiftungsvorstand Martin Salm in Erklärungsnot.

"Sie verbreiten Hass", berichtet die israelische Zeitung "Yedioth Ahronot" über jene deutsche Stiftung, die sich der Entschädigung von Zwangsarbeitern aus der Nazizeit und der Bekämpfung von Antisemitismus verschrieben hat. In einer Broschüre eines von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) finanzierten Jugendaustausches zwischen der Gerhart-Hauptmann-Schule in Wernigerode in Sachsen-Anhalt und der arabischen Massar-Schule in Nazareth seien antisemitische und anti-israelische Stereotype zu erkennen. Am Tag darauf erscheint beim Online-Dienst Ynet eine englische Übersetzung und im Israelnetz aus Wetzlar ein deutscher Artikel dazu. Mit 21.590 Euro hatte die EVZ jenen "deutsch-israelischen" Jugendaustausch unterstützt.

Nach der Veröffentlichung erhalten Ynet und Israelnetz ein englischsprachiges Schreiben des EVZ-Vorstandsvorsitzenden Dr. Martin Salm mit der Aufforderung, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, denn der Bericht "impliziert, dass die Stiftung EVZ antisemitische und anti-israelische Aktivitäten unterstützt". Kopien der Email gehen an die israelische Botschaft in Berlin und die deutsche Botschaft in Tel Aviv.

Ynet-Chefredakteur Eran Tiffenborn erhält zusätzlich einen Anruf. Die EVZ habe ihm mit rechtlichen Schritten gedroht. "Bei uns rotierte die Redaktion wegen der UNO Reden und Demonstrationen in Ramallah. Ich hatte keine Zeit, mit dem Herrn zu diskutieren und beschloss, den Text aus dem Netz zu nehmen", erzählt Tiffenborn. Zudem sei Ynet nicht befugt, in der Zeitung abgedruckte Texte zu redigieren, sondern dürfe sie nur unverändert auf Englisch veröffentlichen. Auch der deutsche Online-Dienst Israelnetz kippte die Geschichte. Ein Israelnetz-Redakteur sagte: "Ich rieche, dass die uns rechtlich einen Strick drehen wollen".

"Missverständliche Projektpublikation"

Dr. Salm von der EVZ hatte in einer ersten schriftlichen Stellungnahme die Antisemitismusvorwürfe von Yedioth Ahronot "entschieden zurückgewiesen", aber schon fünf Tage später in einem weiteren schriftlichen "Statement" die "missverständliche Projektpublikation" bedauert. "Insbesondere zwei Zeichnungen wurden von israelischer Seite als antisemitisch gelesen. Dies bedauere ich zutiefst. Ich erkenne, welche bildlichen Elemente als antisemitischer Stereotyp gelesen werden könnten. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie nicht antisemitisch motiviert sind."

Stein des Anstoßes: Die Zeichnungen in der Broschüre des Jugendaustausches.
Stein des Anstoßes: Die Zeichnungen in der Broschüre des Jugendaustausches.

Der Sinneswandel kam bei Salm, nachdem die Zeitung "Jerusalem Post" negative Reaktionen jüdischer Organisation in den USA und Deutschlands veröffentlicht hatte und deutsche Behörden, darunter das Auswärtige Amt, um Erklärungen gebeten hatte.

Salm schrieb nun: "Die Stiftung EVZ wird in keiner Weise zulassen, dass Kritik an gesellschaftlichen Zuständen zur Delegitimierung des Staates Israel dient. Sie nimmt die entstandenen Missverständnisse um dieses Projekt zum Anlass, ihre Förderpraxis in diesem Programm zu überprüfen."

Als antisemitisch hatte der Korrespondent von "Yedioth Ahronot" die Zeichnungen der Schüler aufgefasst. So sitzen da orthodox-jüdische Schüler mit Kippa und Schläfenlocken lachend in einem gut ausgestatteten Klassenraum, unter der Tafel "jüdische Schule". Dem gegenübergestellt wurde ein überfüllter Klassenraum mit Spinnnetzen und Gitterfenster einer "palästinensischen Schule".

Auf einem anderen Bild ist ein weißer israelischer Junge zu sehen, der einem dunkelhäutigen palästinensischen Altersgenossen die Hand reicht und fragt, ob er mit ihm befreundet sein wolle. Hinter ihm richtet ein israelischer Panzer sein Rohr auf die Kinder. So wird der Eindruck erweckt, als werde der Palästinenser zum Handschlag genötigt. Weiter werden in der Broschüre Parallelen zwischen der Teilung Deutschlands und der Teilung Palästinas, sowie zwischen Israel und der DDR gezogen, wobei beschrieben wird, wie Israel arabische Kinder diskriminiert.

Wurde die EVZ getäuscht?

Der Antisemitismusforscher Matthias Küntzel sagte auf Anfrage dem Europa-Korrespondenten der "Jerusalem Post", Benjamin Weinthal, dass die EVZ mit ihrem "deutsch-israelischen Schülerprojekt" einem Etikettenschwindel auf den Leim gegangen sei: "In ihrer Selbstdarstellung betont die [Massar] Schule, dass es bei ihr weder einen jüdischen Schüler noch einen jüdischen Lehrer gibt. Die Schule wird von einer privaten Organisation betrieben, die dem israelischen Bildungssystem vorwirft, die arabische Minderheit des Landes einer "sozialen Kontrolle" und einer "sozialen Ausgrenzung" zu unterwerfen. Dieses Projekt grenzt sich inhaltlich und methodisch von Israel ab. Es zielt nicht auf Integration, sondern auf Exklusion."

Die EVZ ist der festen Überzeugung, dass die Bilder nicht antisemitisch motiviert waren.
Die EVZ ist der festen Überzeugung, dass die Bilder nicht antisemitisch motiviert waren.

Deidre Berger, Direktorin des "American Jewish Congress" (AJC) in Berlin, erklärte derweil: "Eine Stiftung, die von der Deutschen Bundesregierung zusammen mit der deutschen Industrie ins Leben gerufen wurde, um die Zwangsarbeiter zu entschädigen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft ausgebeutet wurden, sollte sich zum Ziel setzen, gute Beziehungen zu Israel zu fördern und gegenwärtige Formen des Antisemitismus zu bekämpfen."

Das zweite Statement der EVZ enthält eine "entsetzte" Reaktion der SchülerInnen und Lehrkräfte auf die "negativen Lesart" des Projekts. Die Lehrerin Constanza Röthing vom Gerhart-Hauptmann-Gymnasium im Namen der deutschen Schüler: "Wir, die Schüler, die an einem Projekt der Stiftung EVZ zwischen unserer und einer Schule aus Nazareth beteiligt waren, sind empört über den Artikel ("Compensating with Hatred") eines Journalisten, der unsere gemeinsam erstellte Broschüre zum Anlass nimmt, um uns antisemitisches Gedankengut zu unterstellen. Ohne je mit einem Schüler oder Verantwortlichen des Projektes gesprochen zu haben, projiziert er in unsere Schülerreflexionen negatives Gedankengut hinein."

Der Lehrerinnenfrage, ob das recherchierter Journalismus sei, folgt die Beschreibung eines positiv empfundenen "Zusammenlebens der Menschen in Nazareth, einer israelisch-arabischen Stadt". In der größten arabischen Stadt Israels leben allerdings nach Angaben der Stadtverwaltung Null Juden. Ein deutscher Bewohner Nazareths meint vorsichtig: "Es könnte ein paar Araber hier geben, die vielleicht eine Jüdin geheiratet haben."

Quelle: n-tv.de