Die Demonstrationen in Prag begannen als Studentenproteste. Doch schnell solidarisierten sich Hunderttausende.
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Dienstag, 17. November 2009
Jahrestag der "Samtenen Revolution": Studenten leiteten Umbruch ein
In Berlin fiel im November 1989 die Mauer, in Polen hatten die Kommunisten bereits abgedankt, in Moskau war der reformbereite Michail Gorbatschow am Ruder - die Zeit war reif für Umstürze im ehemaligen Ostblock. Studenten in Prag organisierten am 17. November 1989 eine Demonstration, die den Beginn der "Samtenen Revolution" in der damaligen Tschechoslowakei markieren sollte.
"Das dann alles so schnell gehen würde, hatten wir nie gedacht", sagt Simon Panek, heute 41 Jahre alt. Panek, 1989 an der naturwissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben, gehörte zu den Wortführern der Studenten, die auf die Straße gingen, um gerechtere Studienbedingungen einzufordern und gegen politische Zensur zu demonstrieren.
"Weil wir einen Deal mit der kommunistischen Partei abgeschlossen hatten, konnten wir legal mit Plakaten und Flugblättern werben", erklärt Panek: Offiziell angemeldet hatte man die Kundgebung als Erinnerung an den Studenten Jan Opletal, der 1939 bei einer Anti-Nazi-Demonstration niedergeschossen worden war.
Bürger folgten dem Aufruf
Zur Überraschung Paneks und seiner Kommilitonen folgten mindestens 15.000 Bürger dem Aufruf. Als die Menschenmasse Richtung Stadtzentrum zog, kesselten Polizeitruppen die Demonstranten ein und zogen die Knüppel. Etwa 600 Verletzte gab es in jener Freitagnacht. Die geschockten Studenten besetzten noch am Wochenende Universitätsgebäude und forderten Aufklärung.
"Angst hatte ich nicht", erinnert sich Panek, "ich habe mir frische Socken in die Jackentasche gesteckt und bin in die Fakultät". Von dort aus wurden dutzende Autofahrten in die böhmische und mährische Provinz gestartet, um das ganze Land über die Ereignisse zu informieren; schnell solidarisierten sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Am 26. November 1989 versammelten sich in Prag bereits 700.000 Menschen.
Revolution binnen weniger Wochen
"Spätestens danach sind die Kommunisten einfach abgehauen", erinnert sich Panek, "sie hatten verstanden, dass es ihnen nicht helfen würde, den Konflikt zu verlängern". Schon am 28. November verhandelte das demokratische Bürgerforum unter Leitung von Dissident Vaclav Havel mit der kommunistischen Regierung über die Machtübergabe, am 10. Dezember zogen Nicht-Kommunisten in die Regierung ein, am 29. Dezember wurde Havel zum Präsidenten gewählt - die Revolution war binnen weniger Wochen geglückt.
Panek verzichtete anschließend auf eine politische Karriere und gründete stattdessen die Hilfsorganisation "Mensch in Not", mittlerweile eine der größten ihrer Art in Ostmitteleuropa. 2003 wurde Panek dafür von der Zeitschrift "Reader's Digest" zum "Europäer des Jahres" ernannt. "Es war einfach, das System zu ändern" sagt Panek heute, "die Umbrüche in der Gesellschaft brauchen länger".
Bereits vier Jahre nach der Revolution in der Tschechoslowakei kam es zur friedlichen Trennung der Bruderstaaten Tschechien und Slowakei. Zu diesem Zeitpunkt, am 1. Januar 1993, stand schon außer Frage, dass sich nach der noch 1968 blutig niedergeschlagenen Reformbewegung "Prager Frühling" diesmal Demokratie und Freiheit durchgesetzt hatten.
Jakob Lemke, dpa
