Politik
Im indischen Jammu bitten Hungernde um Essen.
Im indischen Jammu bitten Hungernde um Essen.(Foto: REUTERS)

Fragen und Antworten: Warum die Welt hungert

von Solveig Bach

Vor zehn Jahren verpflichtete sich die Welt, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Damals litten 840 Millionen Menschen an Hunger und Mangelernährung. Inzwischen ist die Zahl auf über eine Milliarde Menschen gestiegen. Alle sechs Sekunden verhungert ein Kind, täglich sterben 25.000 Menschen, weil sie nicht genug zu essen haben, das sind 9 Millionen Menschen im Jahr.

Wo ist Hunger am weitesten verbreitet?

Familienessen bei Flüchtlingen im Sudan.
Familienessen bei Flüchtlingen im Sudan.(Foto: REUTERS)

Laut dem Welthunger-Index 2010 der Welthungerhilfe muss in 29 Ländern die Hungersituation als sehr ernst oder gravierend bezeichnet werden. Ungeachtet aller Verbesserungen auch in Lateinamerika und Nordafrika bleiben zwei große Weltregionen die Sorgenkinder: Subsahara-Afrika und Südasien.

In Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Eritrea, Haiti und den Komoren etwa hungert über die Hälfte der Bevölkerung. In Bangladesch, Indien, im Jemen und in Ost-Timor gibt es den höchsten Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren – jeweils mehr als 40 Prozent. In Afghanistan, Angola, Somalia und im Tschad erlebt ein Fünftel aller Kinder nicht den fünften Geburtstag.

Wie wird Hunger definiert?

Die Weltgesundheitsorganisation hält 2100 bis 2200 Kilokalorien täglich für erforderlich, um gesund leben zu können. Liegt die tägliche Energiezuführ für einen längeren Zeitraum unter diesem Bedarfsminimum, wird von Unterernährung gesprochen. Das Lebensminimum liegt bei 1200 bis 1300 Kilokalorien am Tag. Ein Mensch ist nach UN-Definition unterernährt, wenn er weniger zu essen hat, als er täglich braucht, um sein Körpergewicht zu erhalten und zugleich leichte Arbeit zu verrichten. Nach Definition der Welternährungsorganisation (FAO) tritt Hunger ein, wenn die tägliche Energiezufuhr für einen längeren Zeitraum unter dem Bedarfsminimum liegt, das für einen gesunden Körper und ein aktives Leben benötigt wird.

Was bewirkt Hunger im menschlichen Organismus?

In einem Slum von Manila erhalten Kinder kostenlose Mahlzeiten.
In einem Slum von Manila erhalten Kinder kostenlose Mahlzeiten.(Foto: REUTERS)

Bei chronischer Unterernährung konzentriert sich der Körper auf die Aufrechterhaltung der wichtigsten Lebensfunktionen. Körperliche und geistige Aktivitäten werden zunehmend einschränkt, die Menschen werden apathisch und können sich nicht mehr konzentrieren. Hunger zehrt die Menschen zudem aus, weil unter anderem Mineralstoffe fehlen. Immunglobuline und andere Eiweißstoffe im Blut verringern sich, so dass der Organismus seinen Schutz vor Infektionskrankheiten verliert und oft schon leichte Erkrankungen tödlich sein können. Bei Kindern kann die kognitive und physische Entwicklung unumkehrbar beeinträchtigt werden. Laut UNICEF werden durch den Mikronährstoffmangel häufig die Eiweißmangelkrankheit Kwashiorkor sowie Anämie und Rachitis verursacht. Die Krankheiten zeichnen sich durch eingeschränktes Knochenwachstum und Blutarmut mit entsprechender Kraftlosigkeit aus.

Was sind die Ursachen für Hunger?

Noch immer ist Hunger meist unmittelbare Folge einer schlechten Regierungsführung sowie von politischen Konflikten und politischer Instabilität. Millionen Menschen werden durch Bürgerkriege zu Flüchtlingen, die landwirtschaftliche Produktion wird praktisch unmöglich. Durch die Spätfolgen der bewaffneten Auseinandersetzungen, beispielsweise die Verminung von Kriegsgebieten ist ein Wiederaufbau der Landwirtschaft auf Jahre hin erschwert. Hinzu kommt, dass auch ärmste Länder astronomische Summen für die Rüstung ausgeben. Hingegen wird kaum in landwirtschaftliche Entwicklungsprogramme investiert. Durch die schlechte Infrastruktur verderben erzeugte Lebensmittel, weil sie nicht zu den lokalen Märkten gebracht werden oder nicht sachgerecht gelagert werden können.

Warum können sich die Länder nicht selbst ernähren?

Außerhalb der somalischen Hauptstadt Mogadischu melkt eine Junge eine Kuh.
Außerhalb der somalischen Hauptstadt Mogadischu melkt eine Junge eine Kuh.(Foto: REUTERS)

Drei Viertel aller unterernährten Menschen leben auf dem Land, die meisten von ihnen produzieren Nahrung. Sie werden zunehmend Opfer der häufig unfairen globalen Handelsbeziehungen. Wenn Entwicklungsländer bei ausländischen Banken, Unternehmen und Regierungen Kredite aufnehmen, beginnt oft ein verhängnisvoller Kreislauf. Durch die Bedienung dieser Auslandsschulden fehlen den Ländern wichtige finanzielle Mittel, um sie in eine soziale Grundsicherung und wirtschaftliche Entwicklung zu investieren.

Mit der Gewährung der Kredite ist zudem die Forderung nach einer radikalen Öffnung der Märkte verbunden. Diesem Konkurrenzkampf sind die sich oft erst entwickelnden Wirtschaften noch nicht gewachsen. Einheimische Bauern sind gegenüber den Billigimporten aus der Überschussproduktion der Industrieländer nicht konkurrenzfähig und verlieren ihre Existenzgrundlage. Die Importlebensmittel verdrängen einheimische Lebensmittel vom Markt, die Länder verlieren ihre Nahrungsmittelsouveränität.

Welche Rolle spielen Umweltverschmutzung und Klimawandel?

Eine große. Die Abholzung der Wälder sowie die Übernutzung von Wasserreserven und Böden haben inzwischen dazu geführt, dass immer mehr Land für die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mehr genutzt werden kann. Die ökologische Zerstörung ist ein Mitauslöser für Naturkatastrophen, die immer mehr Menschen betreffen und die die Bestellung der Felder verhindern oder Ernten vernichten.

Um die Böden ist inzwischen ein regelrechter Kampf entbrannt. In vielen Entwicklungsländern wird das fruchtbarste Land für Exportkulturen (Cash crops) wie Baumwolle, Tabak oder Soja genutzt. Wegen der extrem schwankenden Weltmarktpreise, nicht zuletzt durch die Spekulationen auf Agrarpreise sind die Erlöse aber oft nicht ausreichend, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Böden, die für den Anbau von Cash crops oder Energiepflanzen für die Herstellung von Agrotreibstoffen oder Futtermittel für die Fleischproduktion in den Industrieländern genutzt werden, stehen aber nicht für die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung. Das Die Gier nach fremdem Land und der Wachstum der Weltbevölkerung verschärfen diese Probleme noch.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat Hunger?

Ein bettelndes Kind in Manila.
Ein bettelndes Kind in Manila.(Foto: REUTERS)

Hunger führt zu enormen Ausgaben im Medizinsektor, um all jenen Krankheiten zu begegnen, für die Hungernde besonders anfällig sind. Hinzu kommen die Kosten für Schwangerschafts- und Geburtsprobleme unterernährter Frauen und deren unterernährt geborener Kinder. Diese Kosten liegen schon jetzt über denen, die die Weltgemeinschaft für die Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ausgibt. Vor allem verlieren die Volkswirtschaften jedoch ein gigantisches Potenzial an Arbeitskraft und Produktivität. Schätzungen gehen davon aus, dass die Verluste bei fünf bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Hungerländer liegen. Das wären 500 Milliarden bis eine Billion US-Dollar jedes Jahr. Deshalb können hungernde Gesellschaften sich sozial nicht entwickeln.

Wie könnte Hunger wirksam bekämpft werden?

Die großen Entwicklungsorganisationen setzen gleichermaßen auf den Aufbau tragfähiger Zivilgesellschaften, die die soziale Grundversorgung einfordern und sicher stellen. Dazu müssten Förderprogramme für Bauernfamilien aufgelegt und der Ausbau der Infrastruktur gefördert werden. Dem Umweltschutz in den Hungerländern kommt eine entscheidende Rolle zu. Finanziert werden könnte all das nicht zuletzt durch Ausgleichszahlungen der Industrieländer für den von ihnen verursachten Klimawandel.

Jean Feyder, Botschafter Luxemburgs bei der UNO und der WTO, Vorsitzender des Genfer Komitees der "Least Developed Countries" und Präsident der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, stellt in seinem Buch "Mordshunger" allerdings eindringlich die Frage nach der Ethik der Entwicklungshilfe. Er fordert, Entwicklungsländern die Erhebung hoher Importzölle zu gestatten. Dies hätte zur Folge, dass die Wirtschaftsinteressen der Industrieländer zurückstehen müssten, damit die einheimischen Nahrungsmittelsektoren ihre Wettbewerbsfähigkeit entwickeln können. Davon profitierten unmittelbar bäuerliche Kleinbetriebe, deren Produkte wieder das Einkommen der Familien sichern könnten. Langfristig profitierten davon aber auch die Gesamtvolkswirtschaften, die durch die zurückgewonnene Nahrungsmittelsouveränität unabhängig von den Preisschwankungen auf dem Weltmarkt würden.

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Quelle: n-tv.de