Politik

Gemeinsames Sozialpapier der Kirchen: "Eine vertane Chance"

Die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlichen ein gemeinsames Papier. Es ist das erste seit 17 Jahren. Darin fordern sie Kontrollen des Finanzmarktes und mehr Hilfen für die Armen. Gier und Maßlosigkeit, die zur Finanzkrise geführt hätten, zersetzten den gesellschaftlichen Zusammenhalt, schreiben die Kirchen. Die Aufmerksamkeit ist riesig. Die Kommentatoren der deutschen Zeitungen finden das Konsens-Papier der Kirchen allerdings zu unkonkret und "ohne Sprengkraft".

Der Papst bringt Probleme kerniger auf den Punkt als das Konsens-Papier der Kirchen, finden viele Kommentatoren.
Der Papst bringt Probleme kerniger auf den Punkt als das Konsens-Papier der Kirchen, finden viele Kommentatoren.(Foto: dpa)

Die Nürnberger Nachrichten schreiben: "Nirgendwo sonst in Europa sind die Vermögen derart ungleich verteilt wie hierzulande. Doch auf derartige Verteilungsfragen geht der Text kaum ein - weil er dann tatsächlich Anstoß erregen, weil er nicht mehr konsensfähig wäre." Doch nur so ließen sich echte Debatten entfachen - und nur das würde der Sprengkraft der christlichen Option für die Armen entsprechen, die sich theologisch weit intensiver begründen ließe als in dem viel zu sehr detailverliebten Text, urteilt das Blatt aus Heilbronn. Für die Zeitung ist die Erklärung "eine vertane Chance".

Die Südwest Presse aus Ulm sieht das genauso: Das Papier nehme die große Politik in den Blick - jedoch mit viel zu grobem Raster. Vage bleibe dabei die Perspektive auf den Menschen. Das Blatt aus Ulm urteilt: "Mehr Klartext und weniger Konsensstreben hätten dem Papier gut angestanden." In einer Zeit, in der selbst der Papst mit kernig-groben Wirtschaftsbetrachtungen den Konflikt nicht scheue, wäre dies gut gewesen, resümiert die Zeitung.

Die Heilbronner Stimme hingegen findet, dass man den Initiatoren nicht vorwerfen könne, dass sie sich oft in Allgemeinplätze flüchten würde: "An vielen Stellen der 64-seitigen Ausarbeitung werden sie sehr konkret. Sie führen - etwa beim Thema Staatsschulden oder Chancengerechtigkeit - Studien und Statistiken auf, ordnen historisch ein. (...) Sonst sind es über weite Strecken gewerkschaftsnahe Positionen, für die sie ein christliches Wertefundament liefern. Das ist bereichernd." Dass die Kirchen mit ihrer Initiative allerdings Gehör finden werden, bezweifelt die Heilbronner Stimme: "Dafür sind viele Aussagen zu glattgeschliffen." Auch die Heilbronner Stimme glaubt, dass es eher Formulierungen wie die von Papst Franziskus seien, die Wiederhall fänden: "Diese Wirtschaft tötet", bringe es schließlich viel eher auf den Punkt - "Wer heute nicht polarisiert, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen", glaubt das Blatt.

Die Eisenacher Presse glaubt, dass sich die Kirchen mit diesen gesellschaftspolitischen Thesen wieder in die Diskussion bringen und verlorenes Terrain wiedergutmachen wollten. Für eine moralische Einordnung der Finanzkrise käme dieses Papier um Jahre zu spät, findet die Zeitung. Und es fehle ihm die Radikalität eines Umdenkens, einer Ausrichtung auf die Armen der Gesellschaft "wie sie Papst Franziskus seit seinem Amtsantritt immer wieder predigt."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung glaubt, dass dem neuen Konsens im Kern die Furcht zugrunde liege. Die Große Koalition müsse sich deshalb vor den Gedanken der Kirchen nicht fürchten. Denn auch sie selbst sei ein Ergebnis dieser Furcht. Doch zu einem Punkt aus dem Papier mahnt die Zeitung auch die Politik: "Die Kritik der Kirchen an der Rente mit 63 sollte sie aufmerksam registrieren. Wenn selbst die Kirchen an diesem Punkt protestieren, hat man es hier mit der Zukunftsverweigerung wohl zu weit getrieben."

Zusammengestellt von Sarah Köhler

Quelle: n-tv.de

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