Politik

Kampagne gegen Fachkräftemangel in Deutschland: "Regierung liebt Schaufensterpolitik"

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Mit ihrer Kampagne "Make it in Germany" will die Bundesregierung hochqualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland anwerben - um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Die Presse hält das für durchsichtige Schaufensterpolitik und übertrifft sich regelrecht in ihrer Kritik.

Der Wiesbadener Kurier hält eine Werbeoffensive und schöne Appelle im Kampf gegen den stetig zunehmenden Fachkräftemangel für zu wenig. "Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen offenen Stellen und Arbeitssuchenden verlangt ein frühzeitiges Gegensteuern auf verschiedenen Ebenen." Zuerst muss laut dem Blatt das inländische Potenzial an Arbeitskräften aktiviert werden. Die Zeitung erinnert dabei an Tausende Jugendliche ohne Abschluss, viele davon mit Migrationshintergrund, die hohe Zahl von Studienabbrechern, zu wenig Ältere in den Betrieben und viele Frauen, die aufgrund der an vielen Orten fehlenden Kinderbetreuung nur zeitweise oder gar nicht arbeiten können. Aber das alles wird nach Angaben des Wiesbadener Kuriers den Bedarf in hoch spezialisierten Mangelberufen wie Ingenieuren nicht decken. "Hier hilft nur die Zuwanderung von Experten aus dem Ausland, die weiter erleichtert werden muss."

Pflegekräfte aus Portugal sind derzeit begehrt.
Pflegekräfte aus Portugal sind derzeit begehrt.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch die Lausitzer Rundschau zeigt sich davon überzeugt, dass es beim Kampf gegen den Fachkräftemangel "an vielen Schräubchen" zu drehen gilt – und auch laut dieser Zeitung zuallererst beim einheimischen Potenzial. "Noch immer gibt es hierzulande viele Langzeitarbeitslose, die für den ersten Arbeitsmarkt unzureichend qualifiziert sind. Noch immer können Frauen nur halbtags oder gar nicht arbeiten, weil die notwendige Kinderbetreuung fehlt." Das Blatt wirft der Bundesregierung vor diesem Hintergrund vor, an den falschen Stellen zu sparen und Geld an anderen zu verschwenden. "Sie setzt den Rotstift gerade bei der Qualifizierung schlecht ausgebildeter Arbeitsloser an. Und sie erfindet das Betreuungsgeld, welches Frauen tendenziell eher vom Arbeitsmarkt fern hält." Einen weiteren Missstand glaubt die Lausitzer Rundschau beim Anwerben ausländischer Fachkräfte auszumachen. "Von einer großen staatlichen Gegen-Initiative ist allerdings nichts bekannt. Umso mehr liebt die Regierung offenbar Schaufenster-Veranstaltungen. Leider."

Das Hamburger Abendblatt sieht auch die Wirtschaft in Verantwortung: Natürlich müsse die Regierung für sichere Beschäftigungsverhältnisse und angemessene Löhne sorgen, aber "auch die Unternehmen haben nicht ausreichend erkannt, dass sie Familien mehr Flexibilität bieten müssen, wenn sie neues Personal brauchen."

Auch der Münchener Merkur übt heftige Kritik, allerdings daran, dass sich die Bundesregierung dem Thema überhaupt widmet: "Treffen mit den notorisch nörgelnden Bossen zählen für Angela Merkel nicht zu den angenehmsten Kanzlerpflichten. Vor allem, wenn die Kapitäne mal wieder ihr Lied von der angeblich dringend nötigen Fachkräftezuwanderung von außerhalb der EU anstimmen." Derlei Forderungen hielt das Blatt wegen der "fatalen Neigung der Konzerne", im Gegenzug ihre älteren Mitarbeiter auf Kosten der Solidargemeinschaft in Frührente zu schicken, nach eigenen Angaben schon immer für etwas dubios. "Dieses Jahr aber klingen sie ganz besonders aus der Zeit gefallen", so der Münchener Merkur: "In der EU wachsen die Heere der Arbeitslosen, Deutschland erlebt einen ebenso rekordverdächtigen Ansturm Arbeitssuchender aus dem Süden, und die Konjunktur sendet unverkennbar Signale einer bevorstehenden deutlichen Abkühlung."

Quelle: n-tv.de

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