Reise
Ein Brunnen in der Innenstadt von Baku, die Flametowers im Hintergrund.
Ein Brunnen in der Innenstadt von Baku, die Flametowers im Hintergrund.(Foto: dpa)

"Sehr hartes Leben" in Aserbaidschan: ESC ist vielen Einwohnern egal

Baku - die reichste und größte Stadt im Südkaukasus, direkt am Kaspischen Meer, präsentiert sich zum Eurovision Song Contest als moderne Metropole mit alter Kultur. Doch vom Reichtum aus dem Öl- und Gasgeschäft merken die meisten Aserbaidschaner sonst im Land nichts.

An der Crystal Hall in Baku weht die aserbaidschanische Nationalflagge, rechts ist der Fernsehturm zu sehen.
An der Crystal Hall in Baku weht die aserbaidschanische Nationalflagge, rechts ist der Fernsehturm zu sehen.(Foto: dpa)

Bissig fegt der Wind am Kaspischen Meer um Aserbaidschans neuesten Stolz. Crystal Hall heißt die Arena, die Deutsche für den Eurovision Song Contest (ESC) gebaut haben, in der Stadt der Winde, wie sich Baku übersetzen lässt. Die kantige Membran am Stadion lässt an die japanische Papierfaltkunst Origami denken. Das Bauwerk auf einer Landzunge, die vor kurzem noch eine Militärbasis mit rostenden Kriegsschiffen aus Sowjetzeiten war, ist vor allem Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins dieser öl- und gasreichen Republik.

Gut 20 Jahre nach dem Zerfall des Sowjetimperiums erstrahlt zumindest die Hauptstadt Baku mit ihren zwei Millionen Einwohnern in einem Glanz, der andere Orte im Südkaukasus erblassen lässt. Vor der Arena flattert am höchsten Fahnenmast des Landes das Symbol für die 1991 von Moskau erlangte Unabhängigkeit: die blau-rot-grüne Staatsflagge mit Stern und Halbmond.

Islamische Prägung fällt kaum auf

Dass das an den Iran grenzende Land islamisch geprägt ist, fällt kaum ins Auge auf den ersten Blick. Auf der hellen Uferpromenade bummeln westlich gekleidete Aserbaidschanerinnen durch die grünen Parkanlagen mit Palmen, Springbrunnen und für hiesige Verhältnisse teuren Cafés.

Der autoritäre Präsident Ilcham Alijew sieht sein Land in Nachbarschaft zur Türkei als Teil von Europa, weltoffen und nach Westen orientiert, obgleich ihm gerade von dort immer wieder scharfe Kritik entgegenschlägt. Aber auch unter Alijews Landsleuten wächst der Frust, weil viele Aserbaidschaner das Gefühl haben, auf der Strecke zu bleiben. Der Reichtum kommt hier nur wenigen zugute.

Frauen polieren den weißen Marmorfußboden in einem Fußgängertunnel in der Innenstadt von Baku.
Frauen polieren den weißen Marmorfußboden in einem Fußgängertunnel in der Innenstadt von Baku.(Foto: dpa)

"Wenn du anders bist, anders denkst, dich nicht mit dem Regime arrangierst, dann wirst du wie ein verrücktes Tier behandelt", sagt der Musiker Jamal Ali. Der 24-Jährige saß im März zehn Tage im Gefängnis und bezog dort zweimal Prügel, wie er in einem der vielen westlichen Lokale der Stadt erzählt. Er hatte bei einem öffentlichen Konzert Alijews Familie verflucht.

Jamal vergleicht die Stimmung im Land mit Gehirnwäsche - auch durch das vom Staat kontrollierte Fernsehen. Und er sagt, dass er das schlimmste Schimpfwort seiner Sprache noch einmal für Alijews Mutter gebrauchen würde. "Ich kann damit nicht aufhören", sagt der Künstler, der zerschlissene Jeans trägt. Eine Perspektive? Die sehe er nicht. Schon 30 seiner Freunde seien weg, im Ausland. Auch er hat genug.

Menschenrechtsverstöße Preis des Fortschritts?

Immer wieder prangern die Oppositionsparteien Volksfront und Musawat Menschenrechtsverstöße an: Willkürjustiz und Haft für Andersdenkende, eingeschränkte Meinungs- und Versammlungsfreiheit und Gewalt gegen Journalisten. Vor allem aber treiben Zwangsenteignungen die Menschen auf die Straße zu Protesten, die erst seit kurzem überhaupt erlaubt werden. Viele Einwohner sehen sich teils auf brutale Weise aus ihren Häusern geworfen und ungerecht entschädigt.

Das ist der hohe Preis des Fortschritts, wie viele in der Stadt lakonisch meinen. Baku ist eine Metropole im rasanten Wandel, mit vielen Baustellen und unendlichen Staus. Ein neues Symbol des Umbruchs ist auch das nach dem früheren Präsidenten Gejdar Alijew (1923-2003) benannte Kulturzentrum, dessen Form an ein gigantisches Sahnehäubchen erinnert. Alijews Sohn Ilcham führt heute das Land mit noch härterer Hand wie ein Khan, wie viele meinen.

Tausende alter Gebäude abgerissen

Teppiche hängen vor einem Geschäft in der Altstadt von Baku; im Hintergrund ragen die Flametowers in den Himmel.
Teppiche hängen vor einem Geschäft in der Altstadt von Baku; im Hintergrund ragen die Flametowers in den Himmel.(Foto: dpa)

Um dem neuen Prunk Platz zu machen, sind seit 2009 rund 4000 Gebäude abgerissen worden, wie unabhängige Experten schätzen. Unzählige Architekturdenkmäler sind dem Bauboom zum Opfer gefallen.

In Itscheri Schecher hat das alte Baku aber noch ein Zuhause. So heißt der geschützte historische Teil der Stadt. Alte Tempel und Minarette, Palastanlagen der Khane stehen hier neben Jazzkellern und Hotels. Händler verkaufen handgeknüpfte Teppiche aus Wolle und Seide und orientalischen Trödel. Frauen in Trachten backen in einem Steinofen in der Nähe des Stadttors Fladenbrot mit Sesamkernen.

Aber auch zwischen den verwinkelten Gassen der Altstadt, die seit 2000 als Weltkulturerbe unter Unesco-Schutz steht, blitzt immer wieder das Wahrzeichen des neuen Baku hervor: drei spitze Hochhäuser, "Flame Towers" genannt, Flammentürme, die nachts illuminiert werden. Hier zeigt sich Aserbaidschan von seiner schillerndsten Seite. Doch kritische Stimmen warnen immer wieder davor, sich von diesem Glanz der Hauptstadt blenden zu lassen.

Die Straße heraus aus der Stadt gen Norden führt vorbei an kastenförmigen Wohnblöcken aus den Jahrzehnten, als die Kommunisten noch das Sagen hatten. Bei der Autofahrt ziehen am Fenster heruntergewirtschaftete Fabriken und verfallene Kolchosen aus Sowjetzeiten vorbei. Die Reise geht durch Dörfer mit bröckelnden Häusern, in denen Menschen wohnen, für die Bakus Reichtum weit weg ist.

Präsidentenfamilie Alijew allgegenwärtig

Bergpanorama in der Region Kuba (Quba).
Bergpanorama in der Region Kuba (Quba).(Foto: dpa)

Gut zwei Stunden dauert die Autofahrt bis in die Stadt Kuba (Quba), wo es wie überall kein Entrinnen vor dem Personenkult um die Präsidentenfamilie Alijew gibt. Gejdar Alijews Gesicht ist auch fast zehn Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig an Monumenten und auf Plakaten.

In Kuba liegt das Viertel Krasnaja Sloboda, Heimat der aserbaidschanischen Bergjuden und eine der abgeschottetsten jüdischen Siedlungen außerhalb Israels. Krasnaja Sloboda heißt Rote Siedlung. Der Name stammt aus den roten Zeiten der Kommunisten. Es ist Freitagabend. In der Synagoge in der Isaak-Chanukow-Straße feiern junge Männer das Abendgebet am Vorabend des Sabbat - des Ruhetags.

Gemeindevorsteher Boris Simandujew erlaubt ausnahmsweise einen kurzen Blick in den Saal. Die braunen Töne des Mobiliars lassen das Licht wärmer erscheinen. Ein junger Vorbeter spricht auf einer Anhöhe Psalmen mit dem Rücken zu den Betenden.

Bergjüdische Diaspora

Junge Männer beten in der jüdischen Synagoge in Krasnaja Sloboda.
Junge Männer beten in der jüdischen Synagoge in Krasnaja Sloboda.(Foto: dpa)

Der 80 Jahre alte Simandujew erzählt im Innenhof der Synagoge, dass die bergjüdische Diaspora der Gemeinde das Überleben sichere. Ehemalige Bürger der Siedlung haben es in Moskau mit Immobiliengeschäften zu Reichtum gebracht. "Sie zahlen auch unsere Gehälter", sagt Simandujew über die guten Verwandten und Freunde.

Dass das Geld fließt, ist überall an verputzten und gestrichenen Fassaden abzulesen. "Das Geschäftemachen liegt den Juden im Blut", meint Simandujew. Seit 20 Jahren, seit der Unabhängigkeit Aserbaidschans, leitet er die Gemeinde. Loyal lobt er, dass die Regierung in Baku die bergjüdische Tradition achte und schütze.

Den Satz von Präsident Ilcham Alijew, der die Bergjuden einmal bei einem Besuch als seine Brüder bezeichnet habe, vergisst der alte Mann nicht. Noch zu Sowjetzeiten seien die Synagogen hier auch als Obstlager genutzt worden. Sie verfielen. Acht sind heute noch übrig.

Simandujew erzählt zufrieden, dass Muslime, Juden und Christen in Aserbaidschan friedlich nebeneinander leben. "Es gibt keinen Antisemitismus. Wir fühlen uns frei", sagt er. Doch der Vater fünf erwachsener Kinder, die alle längst in Russland, in der Ukraine oder anderswo leben, muss einräumen, dass es für junge Menschen hier keine Zukunft gebe. "Es gibt keine Arbeitsplätze."

Eine Frau formt Tierkot auf dem Boden in Chynalyg.
Eine Frau formt Tierkot auf dem Boden in Chynalyg.(Foto: dpa)

Von den einmal mehr als 18.000 Bergjuden lebten heute noch etwa 3500 in der Siedlung. Die rund 2500 Jahre alte Tradition werde dennoch mit aller Kraft fortgesetzt, "damit die Menschen den Glauben nicht vergessen", sagt Simandujew, bevor er sich wieder den Vorbereitungen für den Sabbat widmet.

Zwischen dem jüdischen und muslimischen Teil von Kuba, getrennt durch den Fluss Kudial-tschai, liegen Welten. Die anderen Einwohner der Stadt können nicht auf reiche Gönner einer Diaspora hoffen. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Mangelwirtschaft und dem Ende der Kolchosen hängt Perspektivlosigkeit über dem Ort.

Hartgesottenes Schäfervolk

Noch knapp zwei Autostunden weiter, vorbei an gewaltigen Gebirgsformationen auf einer steilen Straße mit scharfen Kurven und schwindelerregenden Abgründen liegt Chynalyg (Xinaliq). Seit einem Besuch von Präsident Alijew, der im Oktober 2006 diese Straße freigab, hat das hartgesottene Schäfervolk in dem mittelalterlichen Chynalyg erstmals eine gute Anbindung an die Außenwelt.

Der frühere Schäfer Subeir Bagirow im Bergdorf Chynalyg.
Der frühere Schäfer Subeir Bagirow im Bergdorf Chynalyg.(Foto: dpa)

Doch außer einem grauen Transporter, auf dem in roter Schrift Medsluschba - medizinischer Service - steht, ist kein Fahrzeug in Sicht. Die brüchigen und zugigen Steinhäuser von Chynalyg sitzen an einem steilen Hang. Auf notdürftig begradigten Pfaden liegt Tierkot. Eine Frau auf Knien verknetet den Dung mit Stroh zu Briketts, die an der Luft trocknen. Damit heizen die Menschen in diesem Teil des Landes.

Die Stapel mit den alternativen Energieträgern aus Tierkot sehen wie Mauerwerk neben den Häusern aus. Hier, wo schon fließend Wasser Luxus ist, führt keine der aserbaidschanischen Öl- und Gasleitungen für die zahlungskräftigen Kunden im Ausland vorbei.

Kinder spielen auf dem Vorplatz eines kleinen Museums, das einen Teil der jahrtausendealten Geschichte festhält. In der Nähe sitzen Männer vor dem hellen Gemeindezentrum - ihre Blicke ruhen auf dem teils noch schneebedeckten Bergpanorama.

Rund 2000 Menschen leben in Chynalyg, wie die Männer sagen. Die Grenze zur russischen Teilrepublik Dagestan ist nur etwa 20 Kilometer entfernt. Schafe hüten und Viehzucht - vielmehr gibt es in dem Ort mit den 150 Häusern nicht zu tun, wie ein 58-jähriger Mann am Gemeindezentrum erzählt. Nur im Sommer, da kämen auch Touristen.

Acht Monate Winter

Das Dorf liegt etwa 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Boden ist steinig und für Landwirtschaft nicht zu gebrauchen. "Das Leben hier ist extrem hart, ein sehr hartes Leben", sagt Subeir Bagirow, der früher einmal Schäfer war. Acht Monate dauere der Winter. "Wir sind arm und haben Hunger", erzählt der hagere Mann, der trotzdem zu einem Tee in sein Haus einlädt. Wenn einer krank werde, würden am ehesten Kräuter aufgelegt. Oder eine Krankenschwester komme zu Hilfe.

Falten durchziehen Bagirows vom Wind und der Bergsonne gegerbtes Gesicht. Sie lassen ihn viel älter aussehen als die 70 Jahre, die er nennt. Von 200 Manat Rente (knapp 200 Euro) im Monat lebe die Familie. "Das reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben", schimpft er. Am schlimmsten sei das für die Kinder. Die Regierung solle sich um sie kümmern, meint Bagirow. Der Glanz von Baku flimmert hier nur über Satellitenschüsseln vom Staatsfernsehen in die Stuben. Dabei ist die Hauptstadt nur rund 200 Kilometer entfernt.

Quelle: n-tv.de

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