Reise
Dienstag, 01. Juni 2010

"Wunderbare" Stadt mit Schattenseiten: In Rio prallen Welten aufeinander

Rio de Janeiro gilt als die "wunderbare Stadt". Es gibt jedoch viel Armut und Kriminalität. Besucher der brasilianische Metropole sollten das wissen. Lohnenswert ist die Reise aber allemal.

Arm und reich liegen in Rio dicht beieinander: An das Edelviertel Leblon etwa schmiegt sich das Elendsviertel Rocinha, mit 250.000 Bewohnern die größte Favela Lateinamerikas.
Arm und reich liegen in Rio dicht beieinander: An das Edelviertel Leblon etwa schmiegt sich das Elendsviertel Rocinha, mit 250.000 Bewohnern die größte Favela Lateinamerikas.(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Beim Anflug auf den Stadtflughafen von Rio de Janeiro, den Aeroporto Santos Dumont, wird dem Passagier mit Fensterplatz schnell klar, warum Rio auch "Cidade Maravilhosa", "Wunderbare Stadt", genannt wird. Der azurblaue Atlantik schmiegt sich in kleinen Buchten an perlweiße Strände, die landeinwärts von einem Häusermeer, zerklüfteten Bergen und Hügeln und dem satten Grün des Atlantischen Regenwaldes begrenzt werden.

Wie keine zweite Stadt prägt die sechs Millionen Einwohner zählende Metropole am Atlantik das Gesicht Brasiliens. Copacabana und Karneval, Fußball und Samba-Feste - das sind nur einige bildreiche Klischees, die dem Touristen vor seiner Landung in der "Stadt am Zuckerhut" schillernd vor Augen stehen.

Herrliche Ausblicke

Die meisten Rio-Urlauber kommen aber am Internationalen Flughafen an. Der Landeanflug dort bietet kein überragendes Panorama. Deshalb empfehlen sich nach der Ankunft zur Übersicht zwei Rio-Klassiker: Der Zuckerhut, der wörtlich übersetzt eigentlich Zuckerbrot (Pão de Açúcar) heißen müsste, ist 396 Meter hoch und per Panorama-Seilbahn zu erreichen. Vor dort hat man bei guter Witterung einen herrlichen Ausblick - genauso wie vom gut 700 Meter hohen Corcovado-Berg, auf dem ein weiteres Wahrzeichen Rios thront: Cristo Redentor, Christus der Erlöser.

Christus breitet seine Arme über Rio aus: Eine Zahnradbahnfahrt zum Corcovado, auf der die Figur trohnt, oder eine Seilbahnfahrt auf den gegenüberliegenden Zuckerhut gehört für viele Besucher zum Rio-Programm.
Christus breitet seine Arme über Rio aus: Eine Zahnradbahnfahrt zum Corcovado, auf der die Figur trohnt, oder eine Seilbahnfahrt auf den gegenüberliegenden Zuckerhut gehört für viele Besucher zum Rio-Programm.(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Seit 1931 schon breitet die Heiligenstatue ihre Arme mit einer Spannweite von 28 Metern schützend über Rio aus. Der Weg hoch zum Corcovado ist steil, und man fährt am besten vom Stadtviertel Cosme Velho mit der einzigen Zahnradbahn Brasiliens nach oben.

Zwar sollte man darauf achten, bei sonnigem Wetter zu fahren. Aber auch eine Nebelfahrt hat ihren Reiz. Bei der etwa halbstündigen Auffahrt geht es durch dichten atlantischen Regenwald, die Mata Atlântica, vorbei an nektarsuchenden Kolibris und rotblühenden Hibiskus-Bäumen. Auch Papst Johannes Paul II. stieg 1980 in den "Trem do Corcovado", um die mit Podest 38 Meter hohe Jesus-Figur zu sehen.

Kneipe mit Welt-Hit

Schau doch, wie schön...": Die Noten des welbekannten Liedes "Garota de Ipanema" hängen in der gleichnamigen Kneipe an der Wand. Am Tisch darunter sollen Vinícius de Moraes und Tom Jobim das Stück geschrieben haben
Schau doch, wie schön...": Die Noten des welbekannten Liedes "Garota de Ipanema" hängen in der gleichnamigen Kneipe an der Wand. Am Tisch darunter sollen Vinícius de Moraes und Tom Jobim das Stück geschrieben haben(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Abgehärtete Stadttouristen machen sich gleich danach auf den Weg zur nächsten Attraktion, bei der man praktischerweise auch Hunger und Durst stillen kann. "Garota de Ipanema" oder "Girl from Ipanema" heißt nicht nur der Welt-Hit, von dem jeder Rio-Fan zumindest die ersten Worte ("Olha que coisa mais linda ...") singen können sollte. Sondern so heißt auch die Kneipe, in der Vinícius de Moraes (Text) und Tom Jobim (Musik) der Legende nach das Lied schrieben, damals, 1962, als die Kneipe noch "Bar Veloso" hieß.

Über dem Tisch hängt eine riesige Kopie des Originalliedtextes, der vom bezaubernden Charme des 19-jährigen Mädchens (Garota) Helô erzählt. Täglich schlenderte sie auf dem Weg zum nahen Strand von Ipanema an der Bar Veloso in der Rua Montenegro (heute: Rua Vinícius de Moraes 49) vorbei und zog die Blicke der Stammgäste Vinícius und Tom auf sich. Zwar entstand das Lied in Wirklichkeit gar nicht in der Kneipe, aber die Legende lebt.

Abends und nachts sollten Touristen die Strände meiden - das gilt besonders für den von Kriminalität gebeutelten Stadtteil Copacabana.
Abends und nachts sollten Touristen die Strände meiden - das gilt besonders für den von Kriminalität gebeutelten Stadtteil Copacabana.(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Rio de Janeiro zieht seit jeher Menschen in seinen Bann. Eine der wortgewaltigsten und elegantesten Elogen auf die Stadt stammt wohl vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Der kam nach langer, bitterer Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 nach Brasilien und schrieb den Klassiker "Brasilien - Ein Land der Zukunft" (1941). "Es gibt - wer sie einmal gesehen, wird mir nicht widersprechen - keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, eine unübersichtlichere", schrieb Zweig, der 1942 in dem bei Rio gelegenen Petrópolis, der Sommerresidenz der zwei brasilianischen Kaiser, seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Viele Schattenseiten

Im Maracanã-Stadion kommt so richtig Stimmung auf, wenn die lokalen Erzrivalen Flamengo und Fluminense gegeneinander antreten.
Im Maracanã-Stadion kommt so richtig Stimmung auf, wenn die lokalen Erzrivalen Flamengo und Fluminense gegeneinander antreten.(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Rio hatte es dem Schriftsteller angetan. Geradezu ekstatisch verehrte er die "Glücksbringende", die bis 1960 Brasiliens Hauptstadt war: "Nie wird man müde, nie hat man genug." Auch wenn sich heute noch viele dieser Eindrücke einstellen mögen - seit Zweigs Zeiten sind auch viele Schattenseiten hinzugekommen. Die Stadt ist gewachsen und mit ihr die Probleme. Wer denkt, er kann in lauer Abendstunde sorglos am Strand der Copacabana entlangschlendern, irrt.

Gerade im Stadtteil Copacabana ist die Kriminalität hoch und Prostitution weit verbreitet. Nachts sollten sich Unkundige nur mit Taxis über die Straßen Rios bewegen und auch tagsüber sollte man Achtsamkeit walten lassen. Fast nirgendwo sonst in Brasilien treten die sozialen Unterschiede so krass hervor wie in Rio. Glitzerviertel wie Ipanema und Leblon liegen oft nur einen Straßenzug entfernt von einer Favela. Es gibt Angebote für geführte Touren durch diese Armenviertel inklusive Übernachtung. Auf eigene Faust sollten sich Rio-Besucher nicht in Favelas vorwagen.

Fußball-Klassiker

Dann doch schon eher ins Maracanã-Stadion im gleichnamigen Viertel von Rio. Wer keine Menschenmassen scheut, Fußball mag und Hitze verträgt, der sollte sich das Erlebnis eines Spiels gönnen, möglichst zwischen den Erzrivalen Flamengo und Fluminense. Die Cariocas, die Einwohner Rios, nennen diesen Klassiker kurz und knapp "Fla-Flu".

Völlig abseits vom Gedränge der Fußball-Pulks und dicht bevölkerten Strände liegt auf einem Hügel das Viertel Santa Teresa. Geprägt vom vergangenen Kolonialstil, stehen dort prächtige Villen mit herrschaftlichen Gärten. Das Viertel ist Treffpunkt vieler Künstler und Rucksacktouristen.

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Quelle: n-tv.de

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