Freitag, 03. April 2009
Indonesiens Riesentempel Borobudur: Koloss in den Tropen
Borobudur liegt im größten moslemisch geprägten Staat, in Indonesien.
Aus der Ferne wirkt die Anlage wie ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film: ein hochhausgroßer Koloss aus dunkler Materie, pockennarbig übersät mit Rissen, Kanten und Löchern, gelandet mitten im grünen Tropen-Herzen Indonesiens. Aus der Nähe betrachtet wird manches klarer, anderes rätselhafter: Die Risse und Kanten entpuppen sich als Treppenaufgänge und schmale Gänge, als steinerne Buddhas und Reliefs. Das vermeintliche Raumschiff heißt Borobudur, ist die größte buddhistische Tempelanlage der Erde und liegt 42 Kilometer nordwestlich von Yogjakarta entfernt auf Java.
Indonesien ist der größte moslemisch geprägte Staat auf dem Globus. Und das ist unüberhörbar: Gegen 17.30 Uhr taucht die untergehende Sonne das Unesco-Weltkulturerbe Borobudur in ein Linienmuster aus Licht und Schatten. Eben noch war es ganz still, die letzten Besucher sind bereits gegangen - da singt der Tonband-Muezzin vom Ende des Tages.
Viele Fragen offen
Bis heute hat Borobudur seine Geheimnisse. Begonnen wurde der Bau vermutlich um das Jahr 800. Damals schuf das buddhistische Volk der Sailendra in Zentraljava die gigantische Anlage. Noch immer aber rätselt man, wie lange an dem Monument gebaut wurde und wie viele tausend Arbeiter dort schufteten. 1814 fand Sir Thomas Stamford Raffles, der damalige britische Gouverneur von Java, die inzwischen verschüttete Anlage, doch erst Jahrzehnte später wurde ein Schrein freigelegt. In den Jahren 1973 bis 1984 wurde Borobudur dann im großen Stil ausgegraben und restauriert.
Die Tempelanlage hat mehrere Etagen.
Bei Sonnenaufgang um 5.30 Uhr wandern die Augen der wenigen Dutzend Besucher gebannt hin und her. Auch die Japanerinnen Honjo, Eri und Rieko verfolgen die Szene ganz genau und lesen im Reiseführer nach, ob auch alles richtig beschrieben wurde: vorne die Vulkankette von Merapi, Merbabu und Sumbing, hinter denen die Sonne aufgeht und wo der Himmel üppig mit dem Farbeimer kleckst: von Schwarz-Grau über Dunkelblau, Hellblau, Gelb und Rosarot bis Weißlich-Blau reicht die Palette. Dreht man sich um 90 Grad, entfaltet sich ein ganzes steinernes Universum - aufgeteilt in drei buddhistische Welten.
In Stein gemeißeltes Geschichtsbuch
Borobudur steht auf einem Hügel und ragt 123 Meter in den Himmel, mit einer mächtigen glockenförmigen Stupa als Krönung. Ersteigt man die einzelnen Stockwerke, gelangt man zunächst in die Welt der Menschen, der eine Übergangswelt folgt, in der die Menschen von ihrer körperlichen Form erlöst werden, um schließlich oben die Welt der Perfektion, den körperlosen Zustand der Erleuchtung, zu erreichen. Hunderte figürlicher Darstellungen und Reliefs zeigen Buddhas Leben, nehmen Bezug auf die Daseinszustände und geben Einblicke in die bäuerliche und höfische Lebenswelt der javanischen Bevölkerung im 9. Jahrhundert - ein einzigartiges, in Stein gemeißeltes Geschichtsbuch.
Der Touristenführer ist Moslem und erzählt von der liberalen Haltung der meisten Einheimischen gegenüber anderen Religionen. Von der moslemischen Zentralregierung, die seit den 50er Jahren die Ausgrabung und Restaurierung großzügig fördert. Von den Besuchern aus asiatischen Ländern, in denen der Buddhismus eine wichtige Rolle spielt. Und schließlich von den immer zahlreicher werdenden Touristen aus dem eigenen Land, die überwiegend dem Islam angehören und doch ein Gefühl eines gemeinsamen Kulturerbes entwickeln. Borobudur, das steinerne Zeugnis buddhistischer Religion und Baukunst, ist auf dem Weg, zum Symbol einer nationalen Identität Indonesiens zu werden.
Andreas Srenk, dpa
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