Archiv

Neue Handgepäck-RegelnSchlangen, aber kein Chaos

06.11.2006, 07:35 Uhr

Die neuen EU-Vorschriften für das Handgepäck von Flugreisenden haben auf den deutschen und europäischen Flughäfen zu Beeinträchtigungen geführt. Das befürchtete Chaos blieb jedoch aus.

Die neuen EU-Vorschriften für das Handgepäck von Flugreisenden haben auf den deutschen und europäischen Flughäfen zu Beeinträchtigungen geführt. Das befürchtete Chaos blieb jedoch aus. Die EU hatte die neuen Sicherheitsbestimmungen als Reaktion auf die am 10. August 2006 in London vereitelten Anschläge mit explosiven Flüssigkeiten auf den Luftverkehr erlassen.

Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt verliefen die Kontrollen planmäßig, nur vereinzelt habe es längere Wartezeiten gegeben, sagte eine Sprecherin des Flughafenbetreibers Fraport. Die Lufthansa sprach von einzelnen Verspätungen von 15 bis 20 Minuten, im Großen und Ganzen laufe der Verkehr aber normal. In Berlin bildeten sich auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld wegen der längeren Abfertigung teilweise Warteschlangen. Flüge starteten mit bis zu 30 Minuten Verspätung.

Kaum Probleme registrierte auch der Köln-Bonner Flughafen. "Es hat alles ziemlich gut geklappt, und es gab auch keine Verzögerungen", sagte Sprecherin Beate Hoffmann. Der Fluggast muss bei den Kontrollen glaubhaft machen, dass er die Flüssigkeiten braucht: "Das heißt, wer Babynahrung mitnehmen will, muss auch ein Baby dabei haben", sagte Hoffmann. Auch in Hamburg, München, Bremen und Hannover verlief die Umsetzung der neuen Sicherheitsvorschriften den Angaben zufolge ohne Schwierigkeiten.

Verspätungen in Nürnberg

Am Flughafen Nürnberg gab es keine Verspätungen, sagte ein Airport-Sprecher. Allerdings hätten viele Passagiere die erforderlichen durchsichtigen und verschließbaren Plastiktüten für flüssige Stoffe nicht dabei gehabt. Auch am Hunsrück-Flughafen Hahn verliefen die schärferen Kontrollen problemlos. An den Check-In-Schaltern sei das Personal aufgestockt worden, hieß es. Der Flughafen ist das deutsche Drehkreuz des irischen Billigfliegers Ryanair.

Zu Verspätungen zwischen 20 und 30 Minuten kam es in Stuttgart sowie Leipzig/Halle. "Die Kontrollen haben länger gedauert, weil es mehr Fragen gab als sonst und viele Passagiere die neuen Bestimmungen noch nicht kannten", sagte Markus Bierschenk, Leiter der Bundespolizei am Flughafen Leipzig/Halle.

Auf den Pariser Flughäfen Orly und Roissy/Charles-de-Gaulle waren die Warteschlangen am Morgen länger als sonst. In Paris hatten die Airports etwa 500 zusätzliche Angestellte zur Abfertigung aufgeboten. In London-Heathrow und den anderen Flughäfen der britischen Hauptstadt wurden ebenfalls zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt. Deshalb seien die Verzögerungen nicht größer als sonst gewesen. Auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem waren viele Passagiere nach Medienberichten nicht auf die Beschränkung für das Handgepäck eingestellt.

Nur zu unwesentlichen Verzögerungen kam es am Montag auf den österreichischen Flughäfen. Die Wiener Flughafengesellschaft hatte 70 zusätzliche Mitarbeiter engagiert. Probleme wegen längerer Wartezeiten habe es bei Transfer-Passagieren gegeben. Am Flughafen Fiumicino in Rom bildeten sich Warteschlangen von maximal 20 Minuten, berichtete das italienische Fernsehen. "Weit weniger, als die pessimistischen Vorhersagen prophezeit hatten", hieß es. Auch in Turin, Palermo und auf den Flughäfen in Kalabrien gab es kaum Wartezeiten. Keine Schwierigkeiten meldeten Flughäfen in Griechenland und auf Zypern ebenso wie in den Niederlanden.

"Beruhigungspille" für Fluggäste

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, bezeichnete die neuen Bestimmungen als "Beruhigungspille". "Wenn es offenbar schon nicht gelang, die Schleusen für Waffen und sogar Bombenattrappen dicht zu machen, brauchen wir uns über Babynahrung wohl nicht unterhalten", sagte Freiberg in Berlin. Die festgestellten Sicherheitsmängel an deutschen Flughäfen bei der Kontrolle von Reisenden seien "skandalös" und ein Ergebnis der Privatisierung der inneren Sicherheit. Der "Spiegel" berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass bei Kontrollen an deutschen Flughäfen Messer, Pistolen oder Bombenattrappen häufig unentdeckt blieben.

Der in der kleineren Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) für die Bundespolizei zuständige Beamte Hans-Joachim Zastrow hält die verschärften Sicherheitsvorschriften laut einer Pressemitteilung dagegen für einen richtigen Weg zu noch mehr Sicherheit im Flugverkehr.

Seit Montag dürfen einzelne Behälter für Flüssigkeiten im Handgepäck maximal 100 Milliliter fassen. Alle Tuben und Flakons müssen in einer durchsichtigen Plastiktasche von höchstens einem Liter Fassungsvermögen verpackt sein. Damit will die Europäische Union verhindern, dass Terroristen an Bord von Flugzeugen flüssigen Sprengstoff herstellen. Für aufgegebenes Gepäck ändert sich nichts.