Panorama

"Textour" durch Berlin Stadtführer machen Theater

14.06.2011, 12:44 Uhr

Mischung aus Schauspiel, Literatur, Schnitzeljagd und Stadtrundgang: "Textouren" heißt eine theatralische Stadtführung durch das Berliner Regierungsviertel. Sie setzt die Stadt in Szene - Geschichten, Gedichte und Lieder verweben sich zu einem Kriminalfall. Und es wird auch komisch.

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Patrik Khatami als Pressesprecher und Christina Mudra als Journalistin spielen in Berlin im Stück "Theater im Regierungsviertel - Der Fall Mauer". (Foto: dpa)

Immer samstags steht am Brandenburger Tor ein adrett gekleideter Mann. Er ist wortgewandt. Er ist Stadtführer, aber auch Schauspieler. Wenn er vor dem Reichstag steht, dann rattert er keine Fakten zum Kuppelbau herunter. Vielmehr rezitiert er aus dem Gedicht von Robert Gernhardt "11. Januar 1998 - Er fährt an der Berliner Reichstagsbaustelle vorbei". Der Stadtführer zeigt theatralisch auf den Bundestag und spricht die Worte: "Hier wird der Hauptstadt neues Haupt entstehen."

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Ein brandheißer Politkrimi wird rund um Reichstag und Kanzleramt aufgeführt. (Foto: dpa)

Bei diesem Rundgang durch das Regierungsviertel entsteht eine kleine Wundertüte. Wer mitgeht, der wird in einen Sog von literarischen Texten und Liedern gerissen - und in einen Kriminalfall noch dazu. Diese Mischung aus Schauspiel, Literatur und Stadtführung nennt sich "Textouren". In Hamburg gibt es diese Rundgänge seit vier Jahren. Thema dort ist meist die Seefahrt, der Hafen, die Melancholie. In Berlin geht es eher um den Politikbetrieb, überehrgeizige Journalisten und die Frage nach Verantwortung und Wahrheit.

Spannung und Spaß

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Sabine Gehre (r) und Tina-Maria Aigner als Musen: Die Theatergruppe "Textouren" macht die Stadt zur Bühne. (Foto: dpa)

Obwohl die Themen ernst klingen, wird die Tour plötzlich zu einer komischen Angelegenheit. Denn der Stadtführer testet sein Publikum. Er prüft anhand eines "Punktesystems", wie verantwortungsvoll die Leute sind. Er fragt in die Runde: "Wie sind Sie zum Brandenburger Tor gekommen?" Die Radfahrer bekommen Punkte. Er fragt: "Wann haben Sie das letzte Mal ihrer Nachbarin geholfen?" Eine Frau sagt nach langem Schweigen: "Nie." Das gibt Gelächter und vom Stadtführer die Quittung: "Keine Punkte."

Beim gesamten Rundgang geht es letztendlich aber auch um Wahrheitsfindung. Mit einer dazugestoßenen Journalistin kommt der Kriminalfall ins Spiel. Nun schlüpft der Stadtführer in die Rolle des Pressesprechers eines Bundestagsabgeordneten. Die Reporterin bedrängt den bisher so aalglatten Sprecher mit unangenehmen Fragen. Es geht um einen Doktor Mauer. Und spätestens dann wird klar, dass "Der Fall Mauer" nichts mit dem wirklichen Mauerfall zu tun hat.

Des Rätsels Lösung

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Schauspieler und Zuschauer wandern von Tatort zu Tatort. (Foto: dpa)

Wie auf einer Schnitzeljagd werden auf der Rundtour am Spreeufer entlang rote Briefe mit literarischen Nachrichten hinterlassen. Gedichte von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin oder Ingeborg Bachmann umrahmen den Plot. Und immer wieder begegnet einem eine Dame im roten Abendkleid, die Lieder von Bertolt Brecht singt und damit den Zuschauern eine Hilfestellung zu geben versucht.

"Den meisten Menschen fehlt der Zugang zu Gedichten oder Liedern", sagt die Gründerin von "textouren", Magdalena Bössen. Die 31 Jahre alte ausgebildete Rezitatorin hatte irgendwann die Idee, das zu ändern. Die Rundgänge machen eine Stadt zu einer kleinen Bühne. "Die Plätze und Orte werden neu belebt." Bössen schrieb den Text zu dem Berliner Rundgang mit dem Titel "Der Fall Mauer", der am Samstag Premiere feierte.

Während Berlin dann auch in der Abendsonne im roten Licht erscheint, neigt sich die Tour dem Ende zu. Des Rätsels Lösung folgt in einem Schlussakt - bei einem Glas Sekt in einem Raum der Viadrina School of Governance.

Quelle: Maryam Schumacher, dpa