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Die landesweite Euphorie kennt man bislang nur von den Turnieren der Herren.
Die landesweite Euphorie kennt man bislang nur von den Turnieren der Herren.(Foto: picture alliance / dpa)

Frauenfußball-WM in Deutschland: Der große Bluff vom Sommermärchen

ein Kommentar von Christoph Wolf

Das "Sommermärchen reloaded" hat begonnen. Geht es nach der Fifa und dem DFB, wird das WM-Turnier in Deutschland medial und gesellschaftlich zum Großereignis - und ebnet dem Sport ganz nebenbei noch den Weg in eine rosige Zukunft.

Reines Medienspektakel oder wirklich großer Sport? Echte Begeisterung oder künstliche Wohlfühlatmosphäre? Und: Was kommt da eigentlich auf uns zu? Die Antwort liegt, wie so oft, in der Mitte. Irgendwo zwischen dem, was die Funktionäre sich wünschen, die Spielerinnen sich erhoffen, die Zuschauer wollen und der Markt tatsächlich hergibt.

Das Eröffnungsspiel ist ein gutes Beispiel. Über 74.000 Menschen Zuschauern waren in Europa noch nie dabei, wenn Frauen Fußball gespielt haben. Andererseits zeigt eine repräsentative Meinungsumfrage im Auftrag der Deutschen Presseagentur, dass 52 Prozent der Deutschen kurz vor dem WM-Start keine einzige deutsche Nationalspielerin kannten. Unklar ist also, ob die Menschen tatsächlich wegen des Fußballs kommen oder doch wegen des wohligen Gefühls, das Fußball-Events in Deutschlands inzwischen auslösen.

Gruppenzwang oder Euphorie?

Allerdings scheint die Nation der Zwang zu piesacken, sich auf das Turnier doch so bedingungslos freuen zu müssen wie auf die WM der Männer 2006. Zumindest dann, wenn im Bekanntenkreis zufällig die Sprache darauf kommt. Zumindest den, der sich der öffentlich-rechtlichen WM-Werbung inklusive vom DFB bestelltem Fußball-Tatort nicht entziehen konnte. Das Fernsehen giert mit Frauenfußball nach Männerquoten und tut deshalb alles, damit das Publikum nach den Fußballfrauen giert.

"20elf – Fußball von seiner schönsten Seite"
"20elf – Fußball von seiner schönsten Seite"(Foto: picture alliance / dpa)

Anderswo nennt man das Gruppenzwang. Der Deutsche Fußball-Bund würde wohl eher das Wort Euphorie vorschlagen und war sich nicht zu doof, mit dem Spruch "Deutschland 2011 – Sommermärchen reloaded" zu werben. Das und der Turnier-Slogan "20elf – Fußball von seiner schönsten Seite" verdeutlichen das Dilemma: den Wunsch, endlich als Bühne großen Sports Anerkennung zu finden, konterkariert die Erkenntnis, dass sich Fußballerinnen auch nach sieben EM-Titeln und zwei WM-Triumphen noch lange nicht wie ihre männlichen Pendants vermarkten lassen. Warum? Weil sie in puncto Schnelligkeit, Medienpräsenz und Professionalität nicht mithalten können. Wie sollten sie auch?

Bernd Schröder als Chef-Querulant

Die konstruierte Wohlfühlatmosphäre hat zu der bizarren Situation geführt, dass ausgerechnet Bernd Schröder zum Chef-Querulanten aufgestiegen ist. Bizarr deshalb, weil Schröder mit Turbine Potsdam den erfolgreichsten deutschen Frauenfußball-Klub der vergangenen Jahre trainiert, und das schon seit 1971. Er kennt sich aus und er glaubt nicht daran, was die WM-Organisatoren implizit glauben machen wollten: Dass das Turnier dem Frauenfußball dem Weg zum Volkssport ebnen wird.

"Wir haben ein festes Publikum. Vom Männerfußball kommt niemand zu uns, warum sollte er auch?", sagte Schröder der "Zeit". Es war eines seiner vielen Vor-WM-Interviews. Schröder ist begehrt, weil er mit Bundestrainerin Silvia Neid nicht allzu gut kann und sich in der Rolle des Mahners gefällt. Der 68-Jährige beklagte in der "Zeit" auch, der Frauenfußball werde zu selten sachlich beurteilt: "Er wird zum Event und produziert Pseudostars. Wir aber brauchen Persönlichkeiten, keine Barbie-Puppen."

"Meilenstein in der Entwicklung des Frauenfußballs": Joseph Blatter.
"Meilenstein in der Entwicklung des Frauenfußballs": Joseph Blatter.(Foto: dapd)

Fifa-Präsident Joseph Blatter aber beharrt darauf, die WM werde ein "Meilenstein in der Entwicklung des Frauenfußballs" sein, weil sie in der "Männerphalanx" Deutschland stattfinde. Er träumt davon, in absehbarer Zeit nicht mehr nur mit den Männer-Endrunden Geld zu verdienen, das macht die Fußballfrauen so attraktiv für den Weltverband. OK-Chefin Steffi Jones sekundierte auf der Eröffnungs-Pressekonferenz mit der frohen Botschaft, für das erste WM-Spiel zwischen Nigeria und Frankreich in Sinsheim (ab 15 Uhr im n-tv.de-Liveticker) seien nur noch 200 bis 300 der insgesamt 26.000 Tickets zu haben: "Das zeigt, dass die WM im ganzen Land angekommen ist."

Der Titel-Hattrick ist schon fast ein Muss

Doch nicht nur Schröder warnt davor, den Vergleich mit der Männer-WM 2006 zu ziehen. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, oberster Frauenfußball-Fan des Landes, sagte der "taz" kurz vor dem Turnierstart seltsam beschwichtigend: "Dieses Turnier ist, bei aller Wertschätzung, ein Entwicklungsturnier, eine Station." Seltsam, nachdem sein Verband monatelang mit dem krampfigen Sommermärchen-Bezug geworben hat.

Silvia Neid geht entspannt in das Turnier.
Silvia Neid geht entspannt in das Turnier.(Foto: dapd)

Womöglich hat Zwanziger die Angst ergriffen, das Turnier könnte den geschürten Erwartungen nicht gerecht werden. Das mutmaßt die "taz". Vielleicht hat er eingesehen, mit welch irrwitzigen Erwartungen dieser Vergleich die Frauen-WM belastet, welchen Druck er erzeugt. Die WM 2006 wurde zum Märchen, weil das Wetter und die DFB-Kicker viel besser mitspielten als erhofft. Gemessen daran kann die WM 2011, in die Deutschland als Gastgeber, Titelverteidiger, Topfavorit und mit einer gegentorlosen WM-Vorbereitung geht, nur eine Enttäuschung werden. Der Titel-Hattrick ist schon fast ein Muss.

Wer allerdings Silvia Neid bei der Abschlusspressekonferenz im Olympiastadion erlebt hat, der hat eine lockere und gelöste Bundestrainerin gesehen. Ohne Angst vor der Rekordkulisse, sondern voller Vorfreude auf den Start nach der monatelangen Vorbereitung. Die Fußball-WM im eigenen Land wird für Neid und ihr Team das Highlight ihrer Karriere. Sie wollen es genießen und sollten es genießen dürfen. Sie haben es sich verdient, das ist die ungeschminkte Wahrheit.

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Quelle: n-tv.de