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Zu spät: Der Mainzer Torhüter Loris Karius hat zwar den Ball. Aber eben auch vorher den Berliner Valentin Stocker gefoult.
Zu spät: Der Mainzer Torhüter Loris Karius hat zwar den Ball. Aber eben auch vorher den Berliner Valentin Stocker gefoult.(Foto: imago/Jan Huebner)

"Collinas Erben" über Schuld und Sühne: Fataler Fehltritt, unflätiges Fluchen

Von Alex Feuerherdt

Eine unglückliche "Notbremse" des Mainzer Torwarts Loris Karius entfacht die Diskussion über den Mythos Doppel- oder gar Dreifachbestrafung neu. Derweil wird Leverkusens Trainer Roger Schmidt für ein lautes Selbstgespräch bestraft.

Sein 44. Spiel in der Fußball-Bundesliga wird Loris Karius so schnell nicht vergessen. In der Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen die Berliner Hertha lief die 32. Minute, als der Schlussmann der Gastgeber einen Rückpass seines Mitspielers Gonzalo Jara wenige Meter vor seinem Tor mit dem Fuß annahm und Ausschau nach einer Anspielstation hielt. Da sich jedoch niemand anbot, zögerte Karius mit dem Abspiel - und schien nicht zu merken, dass der Herthaner Valentin Stocker seine Chance witterte und sich plötzlich näherte.

So kam es, wie es kommen musste: Als der junge Torwart ausholte, um den Ball abzuspielen, schnappte sich Stocker das Leder. Karius zog durch und brachte den Berliner zu Fall. Schiedsrichter Deniz Aytekin entschied auf Strafstoß für die Gäste und zeigte dem Keeper zudem wegen einer "Notbremse" die Rote Karte. Seinen Platz zwischen den Mainzer Pfosten nahm nun Stefanos Kapino ein, der bei seinem Bundesligadebüt sofort mit einem Elfmeter konfrontiert war und dieses Duell gegen Jens Hegeler verlor.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Hertha gewann die Begegnung schließlich mit 2:0. "Ich treffe schon auch den Ball, vielleicht hat der Schiri aber gesehen, dass ich als Erstes den Spieler treffe", sagte ein zerknirschter Karius nach dem Abpfiff. Der Fehler sei gewesen, "dass ich davor zu lange gebraucht habe". Für den Unparteiischen hatte er durchaus Verständnis: "Wenn er Foul pfeift, dann ist das Regelwerk so, dass es Rot ist." Diese kuriose, für den Mainzer Torhüter so unglücklich verlaufene Szene rief erneut diejenigen auf den Plan, die mit der vermeintlichen Doppel- oder gar Dreifachbestrafung bei "Notbremsen" im Strafraum (Elfmeter und Platzverweis plus Sperre) nicht einverstanden sind, weil sie sie zu hart finden, und deshalb auf eine Änderung drängen. Sie schlagen vor, statt der Roten nur die Gelbe Karte zu zeigen. Die obersten Regelhüter des International Football Association Board haben bislang jedoch keine Veranlassung gesehen, diesem Ansinnen stattzugeben. Zu Recht, sagt der Kölner Jurist und Sportrechtler Jan F. Orth, der seit 2010 auch Beisitzer des DFB-Bundesgerichts ist. In einem lesenswerten Beitrag auf seinem Blog hat er bereits vor einem Jahr ausgeführt, warum er die derzeitige Praxis für angemessen hält.

Die "Doppelbestrafung", die keine ist

Orth weist zunächst darauf hin, dass der Elfmeter gar keine Strafe im eigentlichen Sinne ist, sondern lediglich eine Spielfortsetzung. Eine solche muss es logischerweise immer geben, wenn die Partie aus irgendeinem Grund unterbrochen worden ist, sei es nun aufgrund eines Fouls oder einfach nur, weil der Ball ins Aus gegangen ist. Um "Schuld und Sühne" gehe es hier also nicht, erklärt Orth, es werde vielmehr "schlicht bestimmt, wie es weitergeht". Seinen offiziellen Namen "Strafstoß" habe der Elfmeter - der nichts anderes als ein direkter Freistoß im Strafraum ist - vor allem bekommen, weil von ihm eine derart erhöhte Torgefahr ausgehe, dass er wirke wie eine Strafe, auch wenn er regeltechnisch gesehen keine sei. Er diene letztlich der "Kompensation der Regelübertretung der gegnerischen Mannschaft", das heißt: Er ist eine Wiedergutmachung, ein Ausgleich, aber keine Sanktion.

Rote Karte, was sonst? Deniz Aytekin schickt Loris Karius in die Kabine.
Rote Karte, was sonst? Deniz Aytekin schickt Loris Karius in die Kabine.(Foto: imago/Eibner)

Anders liegen die Dinge beim Platzverweis. Er ist tatsächlich eine Strafe "und sühnt den Regelverstoß des Spielers gegenüber dem Gegner", konstatiert Orth. Das Ziel dieses Ausschlusses sei es, dass der Spieler "Regelübertretungen in diesem Spiel nicht mehr vornehmen kann" und seine Mitspieler sehen, "dass das unfaire Verhalten nicht akzeptiert, sondern sanktioniert wird: Tut man Böses, darf man nicht mehr mitspielen". Die folgende Sperre durch den Fußballverband knüpft an die Rote Karte an und verbindet sich mit ihr schließlich "zu einer mehraktigen Gesamtsanktion", wie Orth schreibt. So soll der Spieler künftig zu regelkonformem Verhalten animiert werden. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die vermeintliche Mehrfachbestrafung also als Mythos. Dass auf einen Platzverweis eine Sperre folgt, gilt übrigens nicht nur für "Notbremsen", sondern für alle Vergehen, die eine Rote Karte nach sich ziehen.

Letztlich ist der Ausschluss des Spielers durch den Schiedsrichter ein vorläufiger, der so lange gilt, bis die zuständige Gerichtsbarkeit abschließend über den Fall entschieden hat. Auf dem Platz hat der Unparteiische zwar keine Möglichkeit, zwischen der Verhinderung einer klaren Torchance durch einen an sich harmlosen Griff ans Trikot und einem brutalen, gesundheitsgefährdenden Foul zu unterscheiden – für beides gibt es einen Feldverweis. Das Sportgericht dagegen trifft diese Unterscheidung, indem es unterschiedlich lange Sperren verhängt. Und das ist im besten Sinne des Wortes gerecht.

Viel sehen, wenig hören

Ungerecht behandelt fühlen durfte sich dagegen Bayer Leverkusens Roger Schmidt. Beim Spiel in Bremen war der Trainer in der 65. Minute von Schiedsrichter Peter Sippel auf die Tribüne verbannt worden. Schmidt soll "unflätig vor sich hingeschimpft" haben - so lautete jedenfalls dem Bezahlsender Sky zufolge die Begründung des Vierten Offiziellen Tobias Stieler. "Dass ich nicht vor mich hinfluchen darf, wusste ich jetzt auch nicht", grummelte der Übungsleiter der Rheinländer deshalb. Und sein Ärger ist verständlich. Denn selbst wenn er wenig freundliche Worte für das Schiedsrichtergespann übrig gehabt haben sollte - solange ein Trainer nicht direkt gegenüber den Unparteiischen ausfallend wird oder andere gegen die Referees aufwiegelt, sondern tatsächlich nur ein lautes Selbstgespräch führt, besteht kein Anlass, von der alten Schiedsrichter-Devise "Viel sehen, wenig hören" abzuweichen.

Nicht einverstanden war Schmidt unter anderem mit der Freistoßentscheidung, aus der das 2:0 für Werder resultierte. Und tatsächlich konnte man dem Leverkusener Ömer Toprak wohl keine Absicht unterstellen, als er in der 28. Minute den Ball kurz vor dem eigenen Strafraum mit der Hand spielte - der Verteidiger hatte sogar erkennbar versucht, dem Schuss des Bremers Felix Kroos auszuweichen. Wenn man hier als Schiedsrichter allerdings schon ein strafbares Handspiel erkennt, muss man außerdem, wie Sippel es auch getan hat, eine Gelbe Karte zeigen. Denn es handelte sich um einen Schuss aufs Tor. Und wenn dieser absichtlich mit der Hand aufgehalten oder abgelenkt wird, ist eine Verwarnung von den Regeln zwingend vorgeschrieben.

Nicht ganz reibungslos verläuft derzeit auch der Einsatz des Freistoßsprays. Wann immer die Unparteiischen in diesem Winter versuchen, eine Linie auf den Rasen zu sprühen, produzieren sie statt der gewohnten kräftigen Schaummarkierung nur einen dünnen, kaum sichtbaren Strich. Überraschend ist das nicht: Bereits bei der Einführung des zu über 70 Prozent aus Wasser bestehenden Sprays war angekündigt worden, dass sich bei kalten Temperaturen seine Konsistenz verändert. Zeit, dass es wieder wärmer wird - nicht nur deshalb.

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Quelle: n-tv.de

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