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Hart umkämpft war der Strafraum von Freiburg-Keeper Schwolow.
Hart umkämpft war der Strafraum von Freiburg-Keeper Schwolow.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 06. März 2017

"Collinas Erben" felsenfest: Frankfurt fühlt sich vom Wankelmut verpfiffen

Von Alex Feuerherdt

In Frankfurt wechselt der Schiedsrichter zwischen Unerbittlichkeit und Nachsicht. Einen deutlich besseren Tag erwischt sein Kollege in Mönchengladbach. Die obersten Regelhüter beschließen derweil, nur wenig zu ändern.

Womöglich hätte das Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg (1:2) am Sonntagnachmittag einen gänzlich anderen Verlauf genommen, wenn Günter Perl in der 33. Minute nicht so streng mit den Gastgebern gewesen wäre. Da entschied der erfahrene Schiedsrichter aus Pullach bei München nämlich beim Stand von 1:1, dem vermeintlichen Führungstreffer der Hessen durch Ante Rebic nach einem Eckstoß die Anerkennung zu versagen. Denn der Frankfurter Mijat Gacinovic hatte zuvor den Freiburger Torwart Alexander Schwolow kurz gehalten und auf diese Weise daran gehindert, zum Ball gehen zu können. So sah es jedenfalls der Unparteiische.

Aber war das, was Gacinovic tat, wirklich ahndungswürdig? Nein, meinte zumindest Eintracht-Trainer Niko Kovac, der im Interview des Bezahlsenders "Sky" außerdem fand, dass "wir aufhören können, Fußball zu spielen", wenn eine solche Aktion abgepfiffen wird. Mochte diese Übertreibung auch vor allem dem Ärger über die Niederlage geschuldet sein, der unmittelbar nach dem Schlusspfiff naturgemäß besonders groß ist, so gibt es für den Kern von Kovacs Ansicht zumindest gute Gründe.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Denn bei Eckstößen herrscht im Strafraum meist Hochbetrieb, und dabei wird fast immer ein bisschen gezogen, geschoben und gerangelt, ohne dass die Referees gleich einschreiten. Diese Praxis ist weithin akzeptiert, fast niemand wünscht sich eine kleinlichere Regelauslegung. Nun mag man allerdings einwenden, dass etwas strengere Maßstäbe angelegt werden sollten oder gar müssten, wenn ein Torhüter derart in seinem Aktionsradius eingeschränkt wird. Und dies umso mehr, wenn es im Fünfmeterraum stattfindet.

Kein Sonderstatus mehr für die Torhüter

Doch die Sonderrechte, die in Deutschland lange Zeit für die Keeper galten, gibt es schon seit fast fünf Jahren nicht mehr. Bis zum Sommer 2012 hieß es in der Regel 12 unter der ergänzenden Rubrik "Zusätzliche Erläuterungen des DFB": "Der Torwart darf im Torraum nicht gerempelt werden, außer er hält den Ball oder hindert einen Gegner." In der Praxis bedeutete das, dass nahezu jeder Körperkontakt mit dem Keeper abgepfiffen wurde - auch dann, wenn dieser den Ball festhielt oder einen Gegner behinderte und somit eigentlich nicht sakrosankt war. Vor knapp fünf Jahren aber wurde diese Anweisung gestrichen – weil sie den Fifa-Regularien widersprach, die einen solchen besonderen Schutz der Torhüter nicht vorsahen. Mit der Streichung der Privilegien passte sich der DFB also internationalen Gepflogenheiten an.

Branimir Hrgota trifft zum 1:0 für Frankfurt.
Branimir Hrgota trifft zum 1:0 für Frankfurt.(Foto: imago/Thomas Frey)

Seitdem gilt, dass man Zweikämpfe zwischen dem Schlussmann und einem gegnerischen Stürmer grundsätzlich "so beurteilen muss, als ob sie zwischen zwei Feldspielern an der Mittellinie stattgefunden hätten", wie es Hellmut Krug, der Schiedsrichtermanager der DFL, einmal formulierte. Gemessen daran hätte nicht viel dagegen gesprochen, den eher harmlosen Körpereinsatz von Gacinovic gegen Schwolow als tolerabel durchzuwinken und das anschließende Tor anzuerkennen. Womöglich wollte es der Unparteiische in dieser Situation vermeiden, sich erneut die Proteste der Freiburger zuzuziehen. Die hatten nämlich bereits nach dem Treffer zum 1:0 für die Eintracht gegen ihn aufbegehrt.

Doch auch dieses Tor war regulär. Rebic hatte im Zweikampf mit Marc-Oliver Kempf seinen Oberkörper zwar robust, aber regelkonform eingesetzt und den Ball seinem Mitspieler Branimir Hrgota aufgelegt, der schließlich traf. Die Gäste wollten jedoch ein Foul gesehen haben und reklamierten vehement. Nach dem annullierten Treffer von Rebic wurde die Begegnung erkennbar härter und hektischer. Perl versuchte daraufhin, die Gemüter mit Gelben Karten für Gacinovic und den Freiburger Christian Günter zu beruhigen. Doch das misslang, weil es die Verwarnungen für vergleichsweise nebensächliche Vergehen gab, während der Frankfurter Rebic für zwei heftige Fouls in der 37. und 39. Minute gänzlich ungeschoren davonkam. Dem Schiedsrichter wollte es nicht gelingen, zu einer klaren Linie zu finden; Strenge und Milde wechselten sich unvorhersehbar miteinander ab.

Zu allem Überfluss ließ ihn nach knapp einer Stunde auch noch einer seiner Assistenten im Stich: Bevor Florian Niederlechner das 2:1 für den SC Freiburg erzielte, befand er sich beim Zuspiel von Vincenzo Grifo im Abseits, und das nicht einmal wirklich knapp. "Uns ist ein reguläres Tor aberkannt worden, und wir haben ein Abseitstor gegen uns bekommen", haderte der Frankfurter Danny Blum dann auch stellvertretend für seine Mitspieler mit dem Referee.

Wer hat die Rückrunde erlaubt?

Froben Homburger hingegen, Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur und bekennender Eintracht-Fan, suchte unterdessen den Schuldigen für die sich zuletzt häufenden Punktverluste der Hessen ganz woanders: "Wer hat eigentlich diese Regel erfunden, dass zu einer Fußballsaison immer auch eine Rückrunde gehört?", schrieb er auf Twitter.

Im Spiel der beiden verbliebenen deutschen Europa-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 (4:2), die im Achtelfinale dieses Wettbewerbs bekanntlich ebenfalls aufeinandertreffen, hatte der Unparteiische eine glücklichere Hand. Manuel Gräfe leitete die intensive Partie mit Augenmaß und Souveränität und lag auch in kniffligen Einzelsituationen ganz richtig. Korrekt war beispielsweise der Elfmeterpfiff für die Gäste nach einem Foul von Christoph Kramer an Thilo Kehrer, völlig angemessen auch die Gelbe Karte für den Schalker Franco di Santo wegen einer Schwalbe in der Nachspielzeit. Dass der Ball bei der Ausführung eines Freistoßes für die Gladbacher in der 28. Minute möglicherweise nicht ruhte, Gräfe aber dennoch weiterspielen ließ, kann man vernachlässigen. Denn auch wenn am Ende des Spielzuges der Führungstreffer für die Hausherren fiel: Den Freistoß gab es im Mittelfeld und er wurde auch noch nach hinten gespielt. Eine Bedeutung dieser Szene für die Torerzielung war deshalb nicht gegeben.

Kaum Regeländerungen zur neuen Saison

Die obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) trafen sich derweil am vergangenen Freitag zu ihrer Jahreshauptversammlung. Wenn es Regeländerungen geben soll, werden sie stets auf dieser Zusammenkunft beschlossen. Doch anders als vor einem Jahr, als eine umfassende Reform des Regelwerks ins Werk gesetzt wurde, sind diesmal nur wenige Modifikationen verabschiedet worden. Genehmigt hat das Ifab etwa die Zeitstrafe für Vergehen, die mit einer Gelben Karte geahndet werden – allerdings darf diese Regelung nur bei Jugendspielen und in manchen Teilen des Amateurbereichs eingeführt werden. In Deutschland gibt es den sogenannten Feldverweis auf Zeit im Juniorenbereich unterhalb der Jugend-Bundesligen ohnehin schon seit Jahrzehnten. Dort wird er allerdings nicht statt der Verwarnung, sondern als zusätzliche persönliche Strafe eingesetzt.

Eine Veränderung, die für sämtliche Spielklassen gilt – also auch für die Profis –, betrifft das Unterbinden eines aussichtsreichen Angriffs durch ein Foul im Strafraum. Sofern dieses Vergehen im Kampf um den Ball geschieht, gibt es zwar weiterhin einen Strafstoß, mit Beginn der kommenden Saison entfällt jedoch die bislang obligatorische Gelbe Karte. Diese Neuerung ist eine Konsequenz aus der Regeländerung bei der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance durch eine Regelwidrigkeit im Strafraum, die zu dieser Saison in Kraft trat. Denn die Praxis, für eine ballbezogene "Notbremse" im Sechzehnmeterraum statt des Feldverweises nur noch eine Verwarnung auszusprechen, hat sich aus Sicht des Ifab bewährt. Deshalb verzichtet man künftig auf die persönliche Strafe beim nächstniedrigeren Vergehen, das heißt, bei Fouls, durch die im Kampf um den Ball ein vielversprechender Angriff im Strafraum gestoppt wird. Konnte oder sollte der Ball nicht gespielt werden – wie es etwa bei einem Stoßen oder Halten der Fall ist –, wird es allerdings weiterhin eine Gelbe Karte geben.

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Quelle: n-tv.de

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